Frankreich: Geheimdienst scheitert mit Wikipedia-Löschgesuch

Militäranlage auf dem Berg Pierre-sur-Haute: Zu geheim für die Wikipedia? Zur Großansicht
S. Rimbaud

Militäranlage auf dem Berg Pierre-sur-Haute: Zu geheim für die Wikipedia?

Mit ruppigen Mitteln hat der französische Inlandsgeheimdienst versucht, einen Wikipedia-Artikel löschen zu lassen. Jetzt zeigt sich: Das undiplomatische Vorgehen hatte genau die gegenteilige Wirkung. Nun steht der fragliche Text gleich mehrfach im Netz.

Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI (Direction Centrale du Renseignement Intérieur) hat einen freiwilligen Wikipedia-Mitarbeiter mit Drohungen dazu gebracht, einen Artikel im Mitmach-Lexikon zu löschen.

Hintergrund des Vorfalls: Anfang März schickte der DCRI per Post einen Löschantrag an den französischen Ableger der Wikimedia Foundation. In dem Schreiben fordert der Geheimdienst die Betreiber des Mitmachlexikons auf, einen Artikel, in dem eine bestimmte Militäranlage beschrieben wird, zu löschen.

Zur Begründung hieß es, in dem Wikipedia-Artikel über die Richtfunkanlage auf dem Berg Pierre-sur-Haute im Südosten Frankreichs würden "geheime militärische Informationen" verbreitet. Als die Organisation sich weigerte, der Forderung zu entsprechen, habe der Geheimdienst schließlich einen freiwilligen Wikipedia-Mitarbeiter, der über Administratorenrechte verfügt, vorgeladen. Das berichtet die französische Wikimedia-Stiftung in einer Stellungnahme.

Dem Freiwilligen seien Untersuchungshaft und mögliche Strafen angedroht worden, so sei er dazu gebracht worden, den fraglichen Text zu löschen. Die Wikimedia Stiftung kommentiert den Fall so: Zwar arbeite man regelmäßig mit Behörden zusammen, aber der Löschantrag sei zu unspezifisch gewesen, daher habe man ihm nicht entsprochen. Dass nun ein Freiwilliger, der sich der Förderung der Freiheit und des Wissens verschrieben habe, mit Rüpelmethoden zum Löschen genötigt worden sei, sei "unverständlich".

"Dieser Freiwillige hatte keine Verbindung zu dem Artikel, hatte ihn nie editiert und wusste bis zum Betreten der DCRI-Büros nicht einmal [von der Anlage]." Er sei wohl nur deshalb ausgewählt und einbestellt worden, weil er durch seine Förderarbeit für Wikipedia und Wikimedia in der Öffentlichkeit bekannt gewesen sei.

Und natürlich, weil für ihn die Löschfunktionen (vulgo Löschrechte) freigeschaltet sind, er also im Gegensatz zu anderen Freiwilligen Artikel tatsächlich löschen kann. Doch sein Einwand, heißt es im Wikimedia-Blog weiter, dass Wikipedia "so nicht funktioniere", verhallte bei den Geheimdienstlern ungehört. Einmal angelegte Artikel und vorgenommene Änderungen lassen sich in der Wikipedia zwar löschen - also: deren Anzeige und Versionsgeschichte werden unsichtbar. Sie können aber von jedem anderen Admin der französischen Wikipedia wiederhergestellt werden. Diese Admins wiederum müssen keine französischen Staatsbürger sein, haben also keinen unmittelbaren juristischen Ärger zu fürchten.

Ohnehin fiel der plötzliche Löscheinsatz, der alle bei Wikipedia etablierten Verfahren umging, anderen Admins auf. Weil der Vorgang über Wikipedia-Verteiler die Runde machte, wurden in anderen Sprachversionen der Wikipedia Übersetzungen des Artikels angelegt. Einige Tage nach der Vorladung des Wikipedia-Autoren und der Löschung steht der Artikel wieder online , doppelt so lang und in - bislang - 17 Sprachen übersetzt, darunter Aramäisch, Ukrainisch, Russisch und Chinesisch.

Was der französische Inlandsgeheimdienst geheim halten wollte, machte er durch seinen ungeschickten Wikipedia-Eingriff also erst richtig bekannt.

fko

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Streisand-Effekt
golgo13 08.04.2013
Das nennt man den Streisand-Effekt, wenn die Bemühungen etwas geheimtuhalten, das Gegenteil bewirken. Nachzulesen bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt
2. Kopfschütteln
EvilGenius 08.04.2013
Irgendwann lernt auch der Staat noch, wie das Internet funktioniert...
3.
gog-magog 08.04.2013
Zitat von EvilGeniusIrgendwann lernt auch der Staat noch, wie das Internet funktioniert...
Vielleicht lernt aber auch irgendwann das Internet, wie der Staat funktioniert, wer weiß?
4.
totalmayhem 08.04.2013
Zitat von sysopS. RimbaudMit ruppigen Mitteln hat der französische Inlandsgeheimdienst versucht, einen Artikel aus der Wikipedia löschen zu lassen. Jetzt zeigt sich: Das undiplomatische Vorgehen hatte genau die gegenteilige Wirkung. Nun steht der fragliche Text gleich mehrfach im Netz. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/franzoesischer-inlandsgeheimdienst-dcri-scheitert-an-wikipedia-a-893100.html
Ach, diese kleinlichen Drohgebaerden sind doch nicht so wild, richtig ruppig wird's erst, wenn die Franzosen ihre Mordkommandos losschicken.
5. ach nee
vipix 08.04.2013
ach nicht wild, in Mediapart konnte man nachlesen Untersuchungshaft und eine Strafe von 300,000 Euro,ersatzweise 6 Jahre Haft mit vereinfachtem Verfahren.
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