Freep-Back "Wir sind doch auch viele"

Der Bericht über Vote-Manipulationen durch Nutzer einer konservativen US-Website führte zur Manipulation des manipulierten Votes - und zu einem massiven Leserecho. Während manche den "Vote-War" begrüßen, mahnen andere einen besonnenen Umgang mit Votes und Meinungsäußerungen im Online-Journalismus an.


Um 17 Uhr am Montag verzeichnete das "Schulnoten"-Vote zur Präsidentschaft von George W. Bush exakt 38.449 Stimmen. 59,6 Prozent davon bewerteten den US-Präsidenten mit "Eins", rund 13 Prozent mit "Sechs".

Selbst diese Zahlen für sich genommen zeigten schon, dass dieses Vote kein normales war: "Rein schon mit statistischen Mitteln", schrieb Hans Wegener am Montagabend in einem Leserbrief, "sieht man, dass bei der obigen Umfrage etwas vor sich geht. Die Verteilung der Stimmen mit Maxima bei den Noten '1' und '6' (umgekehrte Glockenkurve) legt nahe, dass die Abstimmenden in zwei Gruppen zerfallen. Von dieser Beobachtung aus ist es ein leichtes, zur Vermutung zu gelangen, dass sich zwei Extreme im politischen Spektrum einen Abstimmungskrieg liefern."

So sieht das wohl aus, und so wurde der SPIEGEL-ONLINE-Artikel zur Manipulation des Bush-Votes durch Leser des Weblogs "Davids Medienkritik" und die erzkonservative US-Website "Free Republic" von vielen auch verstanden: als Aufforderung, zurück zu schlagen. "Wir sind doch auch viele", hieß es in einem Leserbrief, "zeigen wir es den Amis".

Das Resultat ließ sich am Dienstagmorgen besichtigen: Um 9.25 Uhr verzeichnete das Vote 291.164 Stimmen, wobei 29,38 Prozent Bush mit "Eins" bewerteten und 59,04 Prozent mit "Sechs". Wir können eben auch "freepen": Quod erat demonstrandum?

SPIEGEL ONLINE: Beleidigte Leberwurst?

Nicht wenige Leser nahmen das so wahr: Sie empfanden die Offenlegung der Vote-Manipulation als Retourkutsche gegen deren Verursacher. Das unterstellte Motiv: SPIEGEL ONLINE habe nicht hinnehmen wollen, dass ein Vote ein Meinungsbild ergibt, das nicht zur "Positionierung" der vermuteten Leserschaft passe. Das wäre allerdings ziemlich billig.

Andere mahnten, der Vorgang zeige doch überdeutlich, das Votes ein "unseriöses Mittel" seien, das man nicht ernst nehmen könne, nie repräsentativ sei - und darum auf einer journalistischen Webseite nichts zu suchen habe: "Was ist unsäglicher? Das gezielte Fälschen dieser Abstimmungen oder vielleicht sogar die Abstimmungen selbst, die unrepräsentativer nicht sein könnten und für die in gutem Journalismus kein Platz sein sollte?" (aus einem Leserbrief von Stefan Krämer)

Vote
Votes im Online-Journalismus: Ja oder Nein?

Votes sind bei Machern und Lesern beliebt. Sie sind aber auch anfällig für Fälschungen. Sollte ein journalistisches Angebot das Mittel des Votes einsetzen oder nicht?

Eine Minderheit kritisierte die Kritik am Verhalten derjenigen, die zur Vote-Manipulation aufgerufen hatten: Das sei doch wohl legitim, man könne sich seine Leserschaft eben nicht aussuchen. "Ihre Abstimmung hat nicht das gewünschte Resultat erreicht", schrieb Leser Peter Kneer. "Den Abstimmenden aber Fälschung zu unterstellen reiht sich mühelos in das linke Demokratieverständnis ein. Ein mündiger Bürger ist nur der, der sein Kreuz ein wenig linkslastig setzt."

Worum geht es hier also?

Um einen ideologischen Streit? Um ein Werkzeug, das im "seriösen Journalismus" keinen Platz haben sollte? Um den Versuch, ein "falsches" Meinungsbild zu korrigieren?

Die überwiegende Mehrzahl der Leserbriefschreiber meinte, man solle das Werkzeug Vote nicht überbewerten: "Wie in Ihrer Abstimmung 'Votes' vermerkt, versteht sich dieses Votum nicht als repräsentatives Abbild einer öffentlichen Meinung." (aus dem Leserbrief von Peter Kneer)

Genau.

Und deshalb geht es auch nicht um die Korrektur eines Meinungsbildes, das Redakteuren aus vermeintlich ideologischen Gründen nicht passen würde.

Votes sind im Online-Journalismus ein Element der Kommunikation oder Interaktion mit dem Leser - auf einem zugegebenermaßen sehr formalisierten Niveau. Viele Votes kommen boulevardesk daher und signalisieren so, dass sie eben keine repräsentativen Meinungsumfragen sein wollen oder sollen: Sie sind "part of the fun". Manchen ist das informelle Mittel zu locker: Ein Vote, in dem George W. Bush mit Schulnoten bedacht wird, reduziere den US-Präsidenten "auf das Niveau eines Schuljungen", wie eine Leserin kritisiert.

Das kann man so sehen, ist aber nicht beabsichtigt: Es ist in Deutschland nicht unüblich, Politiker in Umfragen nach dem Schema von Schulnoten beurteilen zu lassen. Das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, sondern mit einem unverkrampften Umgang mit so genannten Autoritäten. Warum sollten "die da oben" davor gefeit sein, ihre Leistungen durch ihre Arbeitgeber - die Bürger - "messen" zu lassen?

Die Kernfrage ist und bleibt, warum man eine Vote-Manipulation überhaupt oder in der Form eines Artikels veröffentlichen sollte. "Kann man eine solche Manipulation nicht einfach bereinigen?" fragten viele Leser.

Natürlich kann man.

Man kann Mehrfach-Votes, die von einer IP-Nummer kamen, einfach herausrechnen. Man könnte bestimmte Ausgangs-IPs einfach ausfiltern. Man könnte versuchen herauszufinden, von wo ein Voter kam, bevor er seinen Haken setzte: Sowohl Davids Medienkritik, als auch Free Republic hatten nicht zum betreffenden Artikel gelinkt, in dem sich das Vote fand, sondern direkt zur Vote-Maske. SPIEGEL ONLINE hätte also mit Leichtigkeit jedes "falsche Meinungsbild" verhindern können und durch ein angeblich "gewünschtes" ersetzen.

"Fragen Sie sich doch übrigens einmal ehrlich selbst", regt Leser Thomas Schröder an, "wie Sie darüber berichtet hätten, wenn Bush-Gegner eine Umfrage auf der Homepage des Weißen Hauses oder von Fox auf ähnliche Art gestaltet hätten."

Die Antwort darauf ist einfach: Entweder genau so oder gar nicht. Denn bemerkenswert am berichteten Thema sind nur zwei Dinge:

  • Erstens: Die Tatsache, dass es politische Gruppen gibt, die Dinge wie Votes so ernst nehmen, dass sie im Dienste ihrer Sache weltweit manipulierend eingreifen und damit ganz offensichtlich "Meinung machen" wollen;
  • Zweitens: Die Tatsache, dass solche Dinge mit Votes überhaupt geschehen / geschehen können - und was das für Implikationen für ihren Einsatz im Online-Journalismus hat.

Den ersten Punkt würde man auch berichten, wenn es eine andere Webseite getroffen hätte (und ja: auch, wenn "linke" Gruppen eine "rechte" Publikation derart "angegriffen" hätten), den zweiten Punkt nimmt man dagegen eher auf, wenn es einen selbst trifft: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Auf die eigene Verletzlichkeit hinzuweisen ist dagegen legitim.

Der "Angriff" der Freeper auf ein Vote bei SPIEGEL ONLINE hat, ohne ihn überbewerten zu wollen, Nachrichtenwert. Ginge es nur um dieses eine Vote, wäre er gering. Im Fall der Freeper aber geht es um eine Gruppierung, die massiv versucht, wo immer sie kann, "Meinungsbilder" wie Votes zu manipulieren.

"Manipulative Handhabung des Internet für politische Zwecke", meint Leser Hans Wegener, "muss öffentlich gemacht werden."

Das sehen wir genau so.

Frank Patalong

Vote
Vote-Manipulationen: Outen oder nicht?

Prinzipiell wäre es kein Problem, Manipulationen an Votes zu korrigieren. Wie sollte man damit umgehen?



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