Bau-Streit in Freiburg Wie viel Debatte bekommt man für 217,51 Euro?

Freiburg streitet über ein großes Bauvorhaben. Mittels einer Facebook-Aktion wollen zwei Werber zeigen, wie leicht es wäre, die Abstimmung zu beeinflussen. Doch ganz geht ihre Rechnung nicht auf.

Aufruf für Facebook-Likes (Symbolbild)
REUTERS

Aufruf für Facebook-Likes (Symbolbild)

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217 Euro und 51 Cent genügen, um in Freiburg im Breisgau einen gewissen Wirbel auszulösen. Das haben zwei Werber gezeigt. Die lokale "Badische Zeitung" berichtete breit, ein Blogger ermittelte und am Ende stoppten die beiden etwas reumütig ihre Inkognito-Aktion. Was bleibt, ist ein weiterer Beleg dafür, wie einfach sich jedermann in Debatten einmischen und sie möglicherweise auch beeinflussen könnte.

Doch der Reihe nach. Eigentlich geht es nur um eine simple Werbeanzeige, geschaltet bei Facebook und Instagram. Schnell gemachte Reklame, wie es sie millionenfach in sozialen Netzwerken gibt und die Zuckerbergs Imperium Milliardengewinne beschert. "Freiburg stimmt ab!" war da zu lesen. Und weil der Post Reichweite brauchte, schoben die Initiatoren Bernd Feyka und Mike Alexander Herr ihn mit 217,51 Euro an.

Am Ende erreichten sie so nach eigenen Angaben 27.904 Facebook-Nutzer. Die Zielgruppe war breit gestreut: Bei Facebook können Werbetreibende sehr genau einstellen, wer die Anzeige sehen soll. Feyka und Herr entschieden sich für eine simple Einstellung: Freiburger, ab 22 Jahren.

Eines der größten städtebaulichen Projekte

Das Thema zündete. In dem gesponserten Post ging es um ein Bauvorhaben, welches die Menschen in der badischen Metropole bewegt. Ein neuer Stadtteil soll gebaut werden, es wäre eines der aktuell größten städtebaulichen Projekte in Deutschland. Zwar braucht Freiburg mehr Wohnungen, doch nicht jeder ist dafür, ausgerechnet das Dietenbach-Gelände zu bebauen. Ein Bürgerentscheid soll Klarheit bringen.

Und genau hier setzte die Facebook-Aktion an. Klickte man auf den Beitrag, landete man auf einer Website. Dort konnte man sich dann entscheiden: Ist man für oder gegen die Bebauung des Dietenbach-Geländes? Mehr Informationen gab es nicht auf der Seite, noch nicht mal ein Abstimmungsergebnis wurde angezeigt.

"Im Hintergrund wurde aber ein Cookie gesetzt, ob man nun dafür oder dagegen ist", sagt Mitinitiator Feyka. "Nun wäre es uns möglich gewesen, weitere Werbung gezielt auszuspielen, weil wir ja die grundsätzliche Meinung des Nutzers kennen." Mit entsprechenden Werbebudgets könne man nun die Abstimmung beeinflussen. Das sei keine "Raketenwissenschaft".

Wo ist das Impressum?

Dass es so einfach dann doch nicht ist, zeigt allerdings die Debatte. Schnell wunderten sich Nutzer, weil die Seite kein Impressum trug. Journalisten recherchierten. 21 Mal wurde der Post aber geteilt, zumeist wohl ohne zu hinterfragen, wer hinter der Aktion steckt. Sogar ein lokaler CDU-Ortsverband verbreitete den Post.

"Mich irritiert der Mangel an Medienkompetenz, auch und gerade von Politikern", sagt Bernd Feyka. Er beteuert, man habe keine weiteren Anzeigen geschaltet: Die Aktion habe nur zeigen sollen, ob und mit welchem Aufwand man sich in eine Debatte einmischen könne und wie viele Menschen da einfach mitmachten.

Feyka und Herr wollen nicht verraten, wie ihre kleine Abstimmung ausgegangen ist. "Wir wollen vor allem auch die Debatte um die Dietenbach-Abstimmung nicht beeinflussen", sagt Feyka.



insgesamt 4 Beiträge
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lalito 06.02.2019
1. immerhin jetzt bundesweiter Fokus
Die Reichweite der Geschichte ist ja jetzt schon grotesk, Spon sei Dank! Interessant, wie so gern, dass man Nein sagen muss um dafür zu sein. Verstehe das wer will, wie schon bei S21, aber m. E. gegen jede Logik und insbesondere Klarheit einer zur Abstimmung stehenden Sache. Werde dennoch meine Wahlbenachrichtigung nehmen und mein Kreuzchen machen gehen, was sonst.
Newspeak 06.02.2019
2. ....
Ich denke Politik und Medien haben vor allem ein Problem damit, dass sie die Deutungshoheit verlieren, weil, oh Schreck, solche Kampagnen jetzt den Bürger direkt ansprechen, und man, oh Graus, nun auch direkt die Meinung des Bürgers erfährt. Das entlarvt alles Sonntagsgerede von Demokratie als Heuchelei. Und mir soll keiner sagen, dass es früher klarer war, von wem eine Kampagne beeinflusst wurde. Da stand dann ein Politiker, der die Meinung einer Lobby als seine ausgab. Nur dass die Presse selten über solche Klüngel berichtet hat, obwohl sie vor allem im Kommunalen weit verbreitet sind. Nur jetzt wird darüber berichtet, weil sich die fremden Institutionen nicht mehr steuern lassen.
markosredigos 06.02.2019
3.
Zitat von lalitoDie Reichweite der Geschichte ist ja jetzt schon grotesk, Spon sei Dank! Interessant, wie so gern, dass man Nein sagen muss um dafür zu sein. Verstehe das wer will, wie schon bei S21, aber m. E. gegen jede Logik und insbesondere Klarheit einer zur Abstimmung stehenden Sache. Werde dennoch meine Wahlbenachrichtigung nehmen und mein Kreuzchen machen gehen, was sonst.
Dadurch erfährt man, was das Ziel derjenigen ist, die den Abstimmungstext formuliert haben. Es ist nachgewiesen, dass Menschen bei solchen Abstimmungen eher mit Nein stimmen. Dürfte in den entsprechenden Kreisen bekannt sein. Wenn ich meiner Position ein paar Prozente mehr bringen will, so sorge ich dafür, dass für diese mit Nein gestimmt werden muss.
lalito 09.02.2019
4. Klingt gut
Zitat von markosredigosDadurch erfährt man, was das Ziel derjenigen ist, die den Abstimmungstext formuliert haben. Es ist nachgewiesen, dass Menschen bei solchen Abstimmungen eher mit Nein stimmen. Dürfte in den entsprechenden Kreisen bekannt sein. Wenn ich meiner Position ein paar Prozente mehr bringen will, so sorge ich dafür, dass für diese mit Nein gestimmt werden muss.
Ihre Erklärung klingt logisch. Allerdings trifft dies auf die Situation in Freiburg überhaupt nicht zu, das Gegenteil ist der Fall. "Für die Formulierung der Fragestellung sind allein die Initiatoren des Bürgerbegehrens verantwortlich. Wir bedauern, dass durch die Formulierung der Frage ein ja zum Stadtteil Dietenbach ein NEIN beim Bürgerentscheid bedeutet . . ." Dieses Zitat finden Sie auf der Website der Bündnis 90/Die Grünen und lässt ihre Einlassung, so versiert und souverän sie auch klingen mag, einfach nur ins Leere laufen. Die Initiatoren möchten KEINE Bebauung und Ihrer Erklärung nach müsste ein Nein deren Ziele bedienen. Somit wird deren Position jedoch nur durch ein "Ja" abgebildet, welches Ihrer Aussage nach ja weniger Prozente bringt. Schön verwirrend, nicht wahr? ;-))
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