Freie Netze Breitband zwischen Deich und Düne

Gerade da, wo es schön ist, wollen die Telefongesellschaften oft nicht hin: Wo wenig Menschen wohnen, lohnt sich der Aufbau von Internet-Infrastrukturen nicht. In freien Netzgemeinschaften zeigen Aktivisten und Dörfler den "Telkos", wie man es trotzdem schafft: besser, billiger und natürlich Breitband.

Von Sonja Ernst


Dänische Strandidylle: Für Telefongesellschaften unattraktiv
Hyggelige Dänen/dpa/gms

Dänische Strandidylle: Für Telefongesellschaften unattraktiv

Grüne Wiesen und Kühe, die Ostsee vor der Tür - doch leider gibt es kaum Arbeit, keine Tageszeitung und kein Internet. Acht Menschen im dänischen Djursland hatten es satt, sozial "offline" zu sein und bauten ihr eigenes nicht-kommerzielles drahtloses Breitbandnetz: Heute ist es das größte europaweit. 2200 Haushalte sind Teil des Netzes - hardcore Technikfreaks, IT-Berufler im Anzug und pragmatische Bauern machen mit.

"Wir wollten keinen europäischen Rekord aufstellen", sagt Bjarke Nielsen, einer der Väter des Djursland-Netzes. Vor zwei Jahren fing alles an: Schnell sprach sich herum, wie leicht die Teilnahme an einem freien Netzwerk tatsächlich ist. Es reicht ein Rechner mit Funknetzkarte und auf dem Hausdach oder Kornspeicher eine Antenne, die zum nächsten Nachbarn sendet und von ihm empfängt. So entsteht eine Art Intranet, das in das "echte" World Wide Web über einen Standard-Provider eingespeist wird. So können User weltweit die Seiten der Djursländer anklicken und umgekehrt.

Frei-Netz-Aktivist Bjarke Nielsen: Breitband-Netz für die Stiefkinder der Telekommunikation

Frei-Netz-Aktivist Bjarke Nielsen: Breitband-Netz für die Stiefkinder der Telekommunikation

Die Djursländer teilen sich den Provider-Zugang, was die Kosten senkt; die Kommunikation sowie das Telefonieren im "Djursland-Intranet" sind gratis.

Aber das Geldsparen hatten Bjarke Nielsen und seine Freunde nicht im Sinn. Die dänischen Telekommunikationsfirmen versorgen 95 Prozent aller Dänen mit DSL, die restlichen fünf Prozent leben zumeist in Djursland. In der dünn besiedelten Region im Nordosten konnten die "Telkos" keine Gewinne machen - weder mit Glasfaser noch mit DSL. Die Kosten für die Verkabelung weniger User über weite Strecken hinweg hätten die Djursländer nie "einsurfen" können.

Doch ein drahtloses Netz, wo "die Distanz" nichts kostet, kam der dänischen Telekom nicht in den Sinn.

Gleiche Chancen für alle

"In den letzten zehn Jahren ging es ständig bergab", sagt Nielsen, 59. Der Frührentner machte lange Computer-Kunst, bevor er IT-Berater wurde. In Djursland schloss das einzige Krankenhaus, dann machte die Tageszeitung zu und die Tante Emma-Läden wichen wenigen Riesen-Supermärkten.

"Die Arbeitslosigkeit nahm zu und diejenigen, die gehen konnten, gingen", so Nielsen. "Unternehmen ohne professionelle IT-Strukturen sind nicht konkurrenzfähig. Jeder sollte Teil der modernen Informationswelt sein - Haushalte und Firmen." Die Vision, ein Breitbandnetz zu spannen, war nicht nur eine technische Herausforderung, sondern für Nielsen eine soziale Verantwortung.

Bauernhaus im Djursland: Internet-Funkanlage auf dem Silo

Bauernhaus im Djursland: Internet-Funkanlage auf dem Silo

Weil alle vom Djursland-Netz profitieren sollten, war technische Hilfe und Organisation notwendig. Die Pioniere von Djursland gründeten ein Service-Center und bieten heute "all inclusive"-Pakete an: Für 260 Euro bekommen User eine Richtfunkantenne, Kabel für die Verbindung zum Rechner, eine Funknetzkarte, eine Gebrauchsanleitung und die Hotline-Nummer für Notfälle.

Eine Hälfte des Geldes deckt die Materialkosten, die andere den Erhalt des Funknetzes. Noch ruht das Djursland-Netz auf dem Enthusiasmus freiwilliger Helfer - aber im Service-Center sind bereits zwei Arbeitsplätze entstanden.

Nach freier Software jetzt freie Netze?

Einmal im Netz, surfen die Djursländer für monatlich 13 Euro nonstop per DSL. Aber nicht nur das: Sie können endlich wieder Tageszeitung lesen und zwar online. Mit "djurslands.net" entstand ein Nachrichten-Portal für die Region: Jede Kleinstadt hat ihre eigene Plattform und jeder User kann eigene Neuigkeiten online stellen. Ein Team freiwilliger Autoren ist entstanden, das spannende Nachrichten aufnimmt und zu Artikeln auf der Startseite macht. Der tägliche Kolumnenschreiber, ein pensionierter Journalist, kommentiert die Politik in Djursland.

Wo die "Telkos" nicht hinwollen: Frei betriebene Funk-Anlagen im Djursland

Wo die "Telkos" nicht hinwollen: Frei betriebene Funk-Anlagen im Djursland

Die Djursländer machen es vor: Freie Netze funktionieren. "Frei" sind sie, weil die Trägerstrukturen den Usern gehören. Mit jedem neuen Haushalt wächst das Netz, ganz anarchisch - ohne Zentrale und Provider. Das Netz steht allen offen. Clemens Cap, Professor für Informations- und Kommunikationsdienste an der Universität Rostock, erkennt darin einen "gewissen politischen Radikalismus".

Für Cap stößt die klassische Wertschöpfung hier an ihre Grenzen. Vergleichbar sei das mit freier Software wie Linux oder Wikipedia, der von Usern geschriebenen Online-Enzyklopädie - beide seien auf dem kommerziellen Markt absolut konkurrenzfähig. "Der "return on investment" ist hier unwichtig." Man wolle keine "Open Mars-Expetitionen" oder gar "Open Atomkraftwerke", so Cap: "Aber Open Net ist denkbar."

Freie Netze, Teil 2: Utopien aus Sauerkrautdosen. Freie Netze zwischen Berlin und Dritter Welt. Was alternative Internet-Infrastrukturen für Wohlstands- und Mangelgesellschaften bedeuten. Wie baut man ein freies Netz auf? Ab Freitag in der Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.