Freie Netze: Profite machen mit WLAN-Sozialismus

FON verkauft WLAN-Router für nur fünf Euro - die Käufer müssen ihr Funknetz jedoch für andere Surfer öffnen. Schon bald soll so ein weltumspannendes Netzwerk aus WLANs entstehen - und eine Community, die begeistert Bandbreite teilt. FON-Chef Martin Varsavsky erklärt, wie er damit Geld verdienen will.

SPIEGEL ONLINE: Mit FON wollen Sie ein weltweites WLAN-Netzwerk aufbauen. Wie wollen Sie das hinbekommen?

Martin Varsavsky: Momentan fehlt bezahlbarer, breitbandiger Zugang zum Internet. Ich glaube zudem, dass die Leute von UMTS enttäuscht sind, weil es weder breitbandig noch sonderlich günstig ist. Darüber hinaus ist es einfach eine schlechte Technologie mit langen Reaktionszeiten. WLAN ist viel schneller, doch es steht nur seinen Besitzern zur Verfügung. Die Idee von FON ist, dass alle teilen und voneinander profitieren.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist die Zahl der FON-Nutzer aber noch relativ klein. Wie soll daraus eine große Community werden?

Varsavsky: T-Mobile betreibt in Deutschland, USA und Großbritannien zusammen 17.000 Hotspots. Wir haben jetzt schon weltweit mehr als 80.000 Mitglieder. Allein durch Mundpropaganda, wir haben keine Anzeigen geschaltet. Wenn jemand einen FON-Hotspot hat, erzählt er es herum und überzeugt seine Freunde von der Idee. Immer mehr Geräte haben WLAN, nicht nur Notebooks, sondern auch digitale Kameras oder etwa die Spielkonsole Nintendo DS. Zum Weihnachtsgeschäft werden Microsoft und Sony kleine Musik-Player mit WLAN-Anschluss anbieten, so dass man jeden Song herunterladen kann. Die Leute verlangen danach und deshalb wird die FON-Community weiter wachsen.

SPIEGEL ONLINE: FON schmückt sich auch mit dem Trendbegriff soziales Web. Dabei geht es den meisten doch nur ums Gratis-Mitsurfen…

Varsavsky: Das FON-Signal ist ein soziales Signal. Wir nennen unsere Router "Social Router". Denn es geht nicht darum, ein x-beliebiges WLAN-Signal auszusenden, sondern ein personalisiertes. FON-Nutzer, die wir "Foneros" nennen, präsentieren sich selbst auf der Startseite. Jeder, der einen Hotspot betreibt, kann Bilder von sich, seinen Freunden oder seinem Hund zeigen, oder er kann angeben, welche Gruppen er politisch unterstützt. FON bietet die Möglichkeit, seine eigenen Ideen lokal zu promoten. Man kann YouTube-Videos verlinken oder die eigene MySpace-Seite. Wer möchte, kann aber auch anonym bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Idee ist alles andere als neu. Initiativen wie Freifunk.net wollen WLANs auch teilen. Ist das nicht lästige Konkurrenz für Sie?

Varsavsky: Ich finde jede WLAN-Initiative großartig. Google plant etwa, ein eigenes freies WLAN -Netzwerk in San Francisco aufzubauen. Wir begrüßen jede Aktivität in diese Richtung, und würden wir gerne mit diesen Initiativen zusammenarbeiten. Wir sind gerne bereit, die FON Access Points auch den Freifunk-Nutzern zur Verfügung zu stellen und umgekehrt. Gerne geben wir Ihnen User-Namen und Passwörter, damit sie sich über FON auch in Barcelona, Madrid oder New York ins Internet einloggen können. Wir wollen, dass sich alle WLAN-Netzwerke zusammentun. Das einzige Problem ist, dass wir nicht Tausende von User-Namen für einen einzigen Hotspot vergeben können. Unsere Regel lautet: Mitglied werden können und einen User-Namen erhalten diejenigen, die auch selbst einen Hotspot zur Verfügung stellen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Widerstand von Seiten der Internet Service Provider und Telefonanbieter?

Varsavsky: Wir arbeiten schon mit vielen Telefonanbietern zusammen, mit Jazztel in Spanien, Laps2 in Schweden, Neuf Cegetel in Frankreich, Elitel in Italien und Interoute in Deutschland. Und wir führen erfolgreiche Gespräche in Asien und Amerika. Viele Leute glauben, dass FON schlecht für das Geschäft von Telefonanbietern wäre. Tatsächlich wird den Betreibern aber allmählich bewusst, dass FON ihnen sehr nützlich sein kann, weil sich dadurch der Verkauf von DSL-Anschlüssen erhöht. Nur wer selbst den eigenen DSL-Zugang als Hotspot anbietet, kann Fonero werden und gratis woanders surfen. Wenn jemand jeden Tag bei seinem Nachbarn mitsurft und dafür jeweils zwei oder drei Euro bezahlt, überlegt er sich irgendwann die Anschaffung eines eigenen DSL-Anschlusses.

SPIEGEL ONLINE: Von Skype und Google haben Sie im Februar diesen Jahres 12 Millionen Dollar Kapital bekommen. War es schwierig, die Unternehmen von Ihrer Idee zu überzeugen?

Varsavsky: Es war schwierig, sie beide zu bekommen. Skype war leichter, denn die sind an FON interessiert, um mobil zu werden. Im November werden wir spezielle Skype-Telefone anbieten, die mit offenen WLAN-Signalen operieren. Googles Interesse an FON besteht einfach darin, möglichst viele Leute ins Internet zu bekommen, weil die Chance, dass sie dann Google nutzen, groß ist.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch verdienen sie nur an den so genannten Aliens (siehe Kasten "Wie FON funktioniert"). Wie sieht Ihr Business-Plan aus?

Skype-Telefon: Verbindet sich mit jedem FON-Hotspot
Helmut Merschmann

Skype-Telefon: Verbindet sich mit jedem FON-Hotspot

Varsavsky: Momentan gibt es nur ungefähr 5000 Aliens. Wir geben pro Monat eine halbe Million Euro mehr aus, als wir einnehmen. Wenn wir eine halbe Million Hotspots haben, beginnen wir allmählich, Geld zu verdienen und kommen aus der Verlustzone. Ich gehe davon aus, dass wir an jedem Hotspot pro Monat einen Euro verdienen werden. Dies wird ungefähr ab Ende nächsten Jahres geschehen. Aber wir glauben natürlich an unsere Idee und finden, dass sie es wert ist, bis dahin Geld dafür auszugeben.

SPIEGEL ONLINE: Wird es für die Skype-Telefone ein eigenes Preismodell geben?

Varsavsky: Das Skype-Telefon plus FON-Ladegerät, das wir im November herausbringen wollen, wird etwa 150 Euro kosten. Unser Router kostet nur 5 Euro. Das Telefon verbindet sich mit jedem FON-Hotspot und man kann dann gratis telefonieren. Wir wollen Ende des Jahres noch ein weiteres Produkt vorstellen, das wir "FON Liberator" nennen. Es ist unserem Router sehr ähnlich, hat aber einen USB-Anschluss und mehr internen Speicher. Man kann seinen MP3-Player oder seine Festplatte direkt damit verbinden und braucht nicht mehr den Computer für das Hoch- und Runterladen von Dateien anzuschalten. Dies ist besonders sinnvoll für Leute, die oft Dienste, wie FlickR, YouTube oder Bittorrent nutzen.

Das Gespräch führte Helmut Merschmann.

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