Freispruch Schlechter E-Mail-Scherz kein Auslöser für Familientragödie

Der Prozess gegen drei Waliser, die ihren Ex-Vorgesetzten mit E-Mails auf eine Geschäftsreise nach Indien lockten, endete mit einem Freispruch und einer schockierenden Enthüllung: Der psychisch kranke Manager ermordete nach seiner Rückkehr seine zwölfjährige Tochter.


Was zunächst nach Realsatire klang, entpuppte sich als Tragödie: Am Abend seiner Rückkehr aus Indien nahm Andy H. ein zwanzig Zentimeter langes Schnitzmesser und ermordete damit seine schlafende zwölfjährige Tochter. Seine Frau und sein zehnjähriger Sohn entkamen dem Massaker, das er plante, nur durch eine panische Flucht aus dem Haus.

Andy H., hörten die geschockten Geschworenen gestern nach Verkündigung des Freispruchs für drei angeklagte Waliser, die diesen mit einem groben Scherz auf einen "Business-Trip" nach Indien gelockt hatten, ist psychisch krank und nicht schuldfähig. Der Prozess habe klären sollen, ob der miese Scherz der drei Ex-Angeklagten in einem kausalen Zusammenhang mit der folgenden Tragödie zu sehen sei. Dem, urteilte der vorsitzende Richter, ist nicht so.

Im Sommer 2000 sandten Jeremy A., Raymond B. und Ivan L. ihrem ehemaligen Vorgesetzten eine Serie von E-Mails, in denen sie sich als "Dr. Hankawanka", Geschäftsmann aus Indien, ausgaben. Das, beteuerten die Angeklagten erfolgreich, sei nie als Betrug oder Fälschungsakt geplant gewesen, sondern immer nur als Scherz. Keiner von ihnen habe damit gerechnet, dass Andy H. die teils absurden E-Mails ernst nehmen würde. Auf dem Höhepunkt des E-Mail-Austausches verlangten sie von Andy H. einmal die Übersetzung eines Statements in Urdu.

Andy H. nahm die Nachrichten aber ernst, hörte das Gericht, und machte sich auf nach Indien, um dort "Dr. Hankawanka" zu treffen. Völlig entnervt kehrte er zurück, nachdem er herausgefunden hatte, dass man ihn genarrt hatte. In der Nacht ermordete er seine Tochter. Später sollte er aussagen, er habe auch die Ermordung seiner Frau und seines Sohnes und seine Selbsttötung im Sinn gehabt.

Seine Ehefrau klagte schließlich gegen die E-Mail-Versender. Erst der perfide E-Mail-Scherz habe das Durchdrehen ihres Mannes verursacht.

Eine Meinung, der sich das Gericht nicht anschließen wollte. Geschworene und Öffentlichkeit wurden über die grausamen Details des blutigen Nachspiels bis nach Verkündigung des Urteils nicht informiert, um eine Beeinflussung der Geschworenen zu vermeiden: Es ging einzig um die Klärung der Frage, ob die E-Mail-Aktion der drei Angeklagten als betrügischer Akt oder "nur" als grober Scherz zu sehen sei. Geschworene und Gericht entschieden, dass es unter normalen Umständen unwahrscheinlich sei, dass E-Mails wie die von "Dr. Hankawanka" ernst zu nehmen seien.

Doch die Umstände im Sommer 2000 waren nicht normal. Heute ist Andy H. als paranoider Schizophrener klassifiziert und auf undefinierte Zeit in medizinischer Obhut. Im Rahmen seines Prozesses im Dezember 2000 wurde bekannt, dass er sich zum Zeitpunkt des Mordes für eine Reinkarnation Jesus Christi hielt und glaubte, mit seinem Blutopfer das Leben von 15 anderen Familien "retten" zu können. Er sei zudem zum Zeitpunkt des Mordes davon ausgegangen, dass seine Tochter nach dem tödlichen Stich ins Herz wieder aufwachen würde.

Andy H. wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit schuldunfähig gesprochen und lebt seitdem in einer geschlossenen Anstalt.



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