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Freizeit: Oma Hardcore im God Mode

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Sie lieben es, wenn die Zombieköpfe platzen, sie hassen Zensur, sie wollen gute Geschichten, sie geben eine Menge Geld für Games aus - und die Industrie ignoriert sie. SPIEGEL ONLINE hat mit Hardcore-Gamern jenseits der Sechzig gesprochen, der Zielgruppe der Zukunft.

Helge Tantzscher spielt an seinem Flügel gern Chopin. Er hat 300 Opern auf Video, sein Lieblingsautor ist Thomas Bernhard. Abends sieht sich der 65-jährige Rentner mit seiner Frau die Tagesschau an. Und dann schaltet er eine seiner drei Spielkonsolen ein und fängt an, Zombieköpfe platzen zu lassen.

Barbara St. Hilaire: "Dann bin ich hängengeblieben"
Timothy St. Hilaire

Barbara St. Hilaire: "Dann bin ich hängengeblieben"

Tantzschers momentaner Favorit ist "Resident Evil 4". Das ziemlich blutige Horrorgame hat er schon neunmal durchgespielt, aber auch "Doom 3", "Splinter Cell" und "Metal Gear Solid". Der Diplomsoziologe gehört zu einer Gruppe, die in den Schlachtplänen von Politikern und Spieleindustrie nicht vorkommt: Ältere Menschen, die Videospiele spielen.

Dabei sind die, zumindest in den USA, gar keine kleine Gruppe mehr. Die Entertainment Software Association veröffentlichte kürzlich Zahlen, denen zufolge 19 Prozent aller Amerikaner über 50 Jahre regelmäßig am PC spielen. In Deutschland sind nach Zahlen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, immerhin schon acht Prozent der Gamer über 40, bei PC-Spielen sind es sogar 13 Prozent.

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Omas Favoriten: Spiele für Rentner

Tantzscher, der Mitte der Neunziger mit "Tomb Raider" anfing, fühlt sich mit seinem Hobby ein bisschen alleingelassen. Wenn er in Internetforen mit anderen Fans über Spiele diskutiert, verheimlicht der sein 65-Jährige sein Alter. Denn wenn er das preisgibt "werden die andern gleich ganz befangen." Er komme sich vor "wie ein Exot", sagt er. Mit seinen gleichaltrigen Freunden und Bekannten kann er über das Thema nicht sprechen, "wenn ich da was erzähle, kucken mich die Leute scheel an." Dabei würde er gerne mal jemand finden, mit dem er zum Beispiel "über die wunderschöne Musik" reden kann, die David Lynchs Hauskomponist Angelo Badalamenti für das Spiel "Fahrenheit" geschrieben hat.

In den USA ist man schon weiter. GeezerGamers.com zum Beispiel ist ein Internetforum, das sich speziell an "reife" Spielefans wendet. "Wir haben Kinder, Ehefrauen, Exfrauen, Hypotheken und Kombinationen davon", heißt es in der Selbstbeschreibung, "und wir lieben ein gutes Game". Bei einer internen Umfrage kam heraus, dass die meisten zwar zwischen 30 und 40 sind - etwa sieben Prozent sind aber älter als 45, immerhin vier Prozent über 51 Jahre alt. Die ältesten der 4500 Mitglieder sind weit über 60. Gestandene Ehepaare verabreden sich in den Foren zu Onlinedates, um sich gegenseitig bei "Halo 2" mit Laserwaffen zu beharken.

"Grandma Hardcore" ist eine Berühmtheit

Barbara St. Hilaire ist berühmt. Die 69-Jährige bekam vor einigen Monaten ihr eigenes Weblog, geführt von ihrem Enkel Timothy, denn "der Computer und ich verstehen uns nicht", wie sie sagt. St. Hilaire spielt Konsolenspiele - im Schnitt etwa zehn Stunden am Tag. Unter dem Titel "Old Grandma Hardcore" berichtet Timothy online aus dem Leben seiner Großmutter. Darüber, wie sie "Feuer und Flamme war" als sie zum ersten Mal eine Xbox 360 ausprobieren durfte, über ihre Besessenheit von der Rollenspiel-Serie "Growlanser", und darüber, wie sie ihre Spielfigur mit wüstesten Worten beschimpft, wenn die nicht tut, was sie soll.

Seit den Siebzigern spielt die Dame. "Ich ging zum Bowlen oder ins Kino, und spielte da an Arkade-Automaten", erzählt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "und als das Nintendo [Entertainment System, eine der ersten Farb-Spielkonsolen] herauskam, bin ich hängengeblieben", erzählt sie. Heute daddelt die ganze Großfamilie. Die Gaming-Matriarchin hat fünf Kinder und zwölf Enkel.

Durch das Netz wurde St. Hilaire zu einer kleinen Berühmtheit. Dann kam MTV (Videolink) und bot ihr einen Job an. Für die Game-Sendung G-Hole bespricht Barbara St. Hilaire seit dem 14. November Spiele - auf ihre unnachahmliche Weise. Entsprechend den strikten Regularien des US-Fernsehens werden wohl viele der Beiträge hauptsächlich aus Pieptönen bestehen, denn, wie Timothy es formuliert, "Oma flucht viel." St. Hilaire hat früher in der Fabrik gearbeitet, bei Black & Decker an der Maschine - da gewöhnt man sich einen rauen Umgangston an.

"Ich werde bis an mein Lebensende zocken"

Ihr heutiger Lebensstil - aufstehen, ein paar Stunden Gaming, dann ein gutes Buch Lesen, ein bisschen Ölmalen, mit den Enkeln eine Runde Konsolengolf und dann wieder auf Zombiejagd - ist ein Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft. Helge Tantzscher aus Berlin sagt: "Ich gehe davon aus, dass ich bis an mein Lebensende zocken werde." "Grandma Hardcore" hat auch nicht vor, den Controller demnächst aus der Hand zu legen - obwohl sie die Arthritis manchmal sehr plagt und sie an Ego-Shootern nicht mehr so viel Spaß hat, weil ihre Reaktionen nicht mehr ganz so schnell sind.

Beide sehen kaum fern. Beide besitzen alle aktuellen Videospielsysteme und nutzen sie auch - die Industrie übersieht einen extrem kaufkräftigen Markt, weil sie auf die unter 30-Jährigen starrt.

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Forum - Gamer über Sechzig - die Zukunft der Videospielszene?
insgesamt 134 Beiträge
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1.
Alzheimer, 18.11.2005
Eigentlich gibt das klassische Altersheim nicht mehr, heute sind es eher Pflegeheime, deren Insassen andere Sorgen haben. Andereseits kann ich mir durchaus vorstellen, daß die Generation der heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die heute Videogames spielen, dies auch beibehalten werden. Der Geschmack wird sich sicher ändern. Ob sich bis dahin der Durchschnittsrentner dieses Hobby noch leisten kann, wird sich zeigen ;-).
2.
christian simons 18.11.2005
---Zitat von sysop--- Gamen ist längst keine ausschließlich "junge" Leidenschaft mehr. Wird die daddelnde Jugend zum zockenden Rentnerheer von morgen? ---Zitatende--- Das wäre nur eine logische Entwicklung. Eine bekannte Altenpflegerin hat mir berichtet, dass sich langsam aber sicher die Generation in den Seniorenheimen einfindet, die bei den bisher bewährten Volksmusik-, Heck-Schlager- und Operettendarbietungen motzt und meutert. So hegen wohl auch die jungen Daddler von heute die Hoffnung, dass Lara Croft auch in fünfzig Jahren noch keine Stützstrümpfe braucht. :-)
3.
Fittiputti, 18.11.2005
Was heisst hier "sich leisten können"? Gerade weil sich die Rentner der Zukunft keine üppigen Reisen etc. mehr leisten können ist die Flucht in die virtuelle Welt eine kostengünstige Alternative. Ich selbst bin jenseits der 50 und ich spiele am Computer seit es für jenen Spiele gibt. Das werde ich wohl nicht aufgeben. Und ich bin überzeugt, dass die intensive Beschäftigungen mit PC-Spielen im Alter ein gutes mentales Training ist.
4. Spielen lenkt ab und hält jung
artbap, 18.11.2005
Hallo, meine Mutter Margot(70) spielt fast täglich an ihrem alten Apple PowerPC Kartenspiele. Sie liebt es mit einer Nintendo-Konsole oder einem alten Gameboy Tetris zu daddeln. Why not? Wichtig ist nur eine einfache Bedienbarkeit des Rechners und Bedienungshilfen haben heute viele Betriebssysteme. Ich persönlich bin eigentlich froh, dass sie etwas am Rechner macht. Sind wir doch ehrlich, die meisten alten Leute leben fast nur noch für Ihre Fernsehserien und die kleinen Wehwechen. Im Fall meiner Mutter spielt sich auch noch alles irgendwo auf dem platten Land ab. Hier gibt es außer den regelmäßigen Bibliotheksbesuchen, nicht wirklich was zu tun. Meine Kinder Philip (9) und Paula (6) finden das eh - COOL, denn bei mir zu Hause dürfen die nicht so oft an den Rechner wie bei ihrer Oma.
5. Spielen im Alter
Shicon, 18.11.2005
Das ist doch ein schöner Gedanke: Im Alter ist man vielleicht nicht mehr so gut zu Fuß - aber kann dennoch spannende Dinge erleben, Abenteuer bestehen und mit einer großen Gamer-Gemeinschaft online kommunizieren. Die positiven Seiten des Spielens werden viel zu selten hervorgehoben!
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