Frequenzstreit Wem gehören welche Wellen?

Funksignale schwirren scheinbar frei umher, aber sie bewegen sich in einem streng vom Gesetzgeber regulierten Rahmen. Neue Technologie und ein politischer Schwenk der EU könnten sie befreien und der drahtlosen Kommunikation zusätzlichen Schub verleihen.

Von Nils Schiffhauer


Ein juristischer Zaun namens Frequenzbereichs-Zuweisungsplanverordnung grenzt in Deutschland eine Weide ab, die nach Meinung mancher wieder zur offenen Prärie werden sollte: das elektromagnetische Spektrum. Am deutlichsten artikuliert die amerikanische "Open Spectrum"-Bewegung ihre Forderung: "Die staatliche Vergabe von Frequenzen ist ein Übel", sagte der New Yorker Rechtsprofessor Eben Moglen auf der Konferenz der freien Netzwerkbewegung "Wizards of OS 3" im Juni in Berlin. Moglen sieht nicht ein, wie man Funkfrequenzen besitzen kann.

Montage eines UMTS-Sendemastes: "Staatliche Frequenzvergabe ein Übel"
DDP

Montage eines UMTS-Sendemastes: "Staatliche Frequenzvergabe ein Übel"

Bisher verschenkt, verkauft, versteigert, verpachtet und vermietet der Staat die Nutzungsrechte an Frequenzen nach Belieben. Jetzt aber erhalten Moglen und seine Mitstreiter Unterstützung von politisch unverdächtiger Seite. "Die bestehenden Verfahren zur Frequenzvergabe sind nicht zufrieden stellend", sagt Peter Scott, Abteilungsleiter im Direktorat der EU-Kommission - und gesteht umgehend seine Ratlosigkeit hinsichtlich Alternativen ein: "Wir selbst wissen nicht, welche Nutzung optimal ist."

Das soll die "Gruppe für Frequenzpolitik" auf politischer und der Funkfrequenzausschuss auf technischer Ebene klären. Der Hintergrund: Für 2015 - dann sind Rundfunk und Fernsehen auf Platz sparende Digitaltechnik umgestellt - rechnet Scott mit vielen freien Frequenzen als "digitaler Dividende". Diese sei "wirksam" zu verteilen, forderte im Juli der erste EU-Jahresbericht zur Frequenzpolitik, also vorteilhaft für alle Bürger, produktivitätssteigernd durch technische Innovation und die Wettbewerbsfähigkeit der Funkgeräteindustrie einschließlich der zugehörigen Dienste befeuernd. Den jeweils rechten Weg zwischen den Optionen bisheriger zentralisierter Verwaltungsentscheidungen, marktorientierter Lösungen und gänzlich lizenzfreier Frequenznutzung werden die Gremien suchen müssen. Besagter Bericht schlägt mit Sympathie für letztere Variante geradezu libertäre Töne an.

Die USA haben eben diesen Weg bereits eingeschlagen. Anfang 2002 gab die Frequenzbehörde FCC einen Teil des Spektrums für jedermann und ohne irgendwelche Lizenz- oder Gebührenschneiderei frei - allerdings mit listigen Auflagen: Der Bereich darf nur mit der technisch anspruchsvollen Technologie Ultra Wideband (UWB) benutzt werden, die eine extrem breitbandige und multimediagerechte Übertragung bietet, von der andere Funkanwendungen nicht gestört werden sollen.

Nicht die Funkwelle an sich ist das kostbare Gut, sondern ihr Potenzial, Information ohne materielle Verbindung zu übertragen. Deshalb legte der Staat nicht gleich bei der Entdeckung dieser "Strahlen electrischer Kraft" durch Heinrich Hertz 1888 seine Hand auf das Neuland, sondern erst nach dessen Urbarmachung durch Marconi und andere ab 1895. Zunächst bediente sich das Militär, dann die Post und später Rundfunk sowie Fernsehen. Kleine Spielwiesen eröffneten sich den Funkamateuren und anderen Freizeitfunkern. Sie alle konnten ihre elektromagnetischen Felder kostenlos oder zu kleinen Gebühren beackern, bis Handys die Verfügung über Frequenzen zum unverzichtbaren Rohmaterial eines Geschäftsmodells mit Massenwirkung machten.

Nach klassischer Auffassung wird für dieses Wachstum Platz benötigt. Wo eine Anwendung eine Frequenz belegt, darf kein anderer dazwischenfunken. Frequenzen sind wie Privatstraßen. Und selbst wenn ihre Besitzer schlafen, darf kein anderer darauf fahren. Das führt dazu, dass etwa in den USA lediglich fünf Prozent der für den Staat reservierten Frequenzen auch tatsächlich genutzt werden.

WLAN-Benutzer: Technischer Schub dank Frequenzfreigabe
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WLAN-Benutzer: Technischer Schub dank Frequenzfreigabe

Betrachtet man Funkwellen nicht als Besitz, sondern als "Zugang" im Sinne Jeremy Rifkins, so hätte der Staat diese Ressource nicht schlechter beackern können. Wie vernichtend er mit unser aller Eigentum umgeht, zeigte sich, nachdem im August 2000 Unternehmen 50,8 Milliarden Euro für UMTS Lizenzen an den Staat überwiesen hatten: Der erhoffte technische Schub blieb aus, wirtschaftlich war das gefeierte Geschäft sogar ein Rückschlag.

Viel besser wirkte die Freigabe weniger schmaler und schon jetzt weltweit kostenlos nutzbarer Bänder. In ihnen wuchsen Drahtlos-Technologien wie Bluetooth und Wi-Fi, die Wirtschaft und Gesellschaft enorm stimulierten.

In den USA soll dieser Erfolg jetzt mit UWB potenziert werden. UWB überträgt Information mit Impulsen im Picosekundenbereich. Wegen ihrer extremen Kürze belegen sie einen breiten Frequenzbereich, so dass sich Sendungen kaum von Rauschen unterscheiden. Damit lässt sich die Information auf beinahe beliebigen Frequenzen empfangen und mit geeigneten Algorithmen decodieren - es gibt keine Privatstraßen mehr, sondern nur noch Zugang zum gesamten Spektrum. Zaubern aber kann auch UWB nicht: je höher die Datenrate, desto geringer die überbrückbare Entfernung und desto stärker die benötigte Sendeleistung, welche die FCC vorsorglich auf einen so niedrigen Wert festlegte, dass beispielsweise das Satellitennavigationssystem GPS nicht gestört werden kann.

Antenne für Digitalfernsehen DVB-T: Ressource Funkfrequenz wäre beliebig vermehrbar
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Antenne für Digitalfernsehen DVB-T: Ressource Funkfrequenz wäre beliebig vermehrbar

Wenn sich mit UWB mehrere Sender einen Frequenzbereich teilen können, dürfen sich die Regulierer diesseits und jenseits des Atlantiks nun zurücklehnen und den Äther sich selbst überlassen? Leider nicht. Denn noch ist nicht absehbar, wie stark die Sender in einer frequentierten UWB-Welt sich gegenseitig und andere Signale stören. "Alle Untersuchungen weisen darauf hin", sagt UWB-Pionier Robert Fontana, "dass sich die Aussendungen wie weißes Rauschen addieren."

Aber wird dieses Rauschen jedes sinnvolle Signal übertönen? Oder ergibt es einen harmlosen Hintergrund, der ohne technische Schwierigkeiten herauszufiltern ist? Womöglich erzeugt UWB wieder neuen Regelungsbedarf, etwa durch Beschränkung von Datenrate und Signalstärke. Die Legislative diesseits und jenseits des Atlantiks sollte die Frequenzfreigabe nicht überstürzen, solange die kritische Dichte von UWB-Sendern unbekannt ist.

Die Praxis könnte dies bald klären. Zum Weihnachtsgeschäft wollen mehrere Hersteller mit UWB für die Heimelektronik den amerikanischen Massenmarkt erobern. Damit jedoch steht das technisch und rechtlich innovative Konzept UWB erst am Anfang. Was zunächst nur für die Kommunikation im Nahbereich zu taugen scheint, macht durch Vernetzung von Hotspots die beliebig weite Verbreitung von Daten denkbar.

Wer indes 50 Milliarden Euro in Frequenzrechte investiert hat, wird das ebenso ungern hören wie der Empfänger dieses Geldes. Den Trend werden sie nicht stoppen können: Dank Digitaltechnologie scheint die einst begrenzte Ressource Funkfrequenz nun fast beliebig vermehrbar.

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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