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Friede, Freude, Lexikon: Wikipedia und Brockhaus haben sich lieb

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Bei einer Diskussion verstanden sich Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Brockhaus-Chef Alexander Bob prächtig. Wales lobte die hohe Qualität des Brockhaus, Bob wollte in Wikipedia keinesfalls den bösen Konkurrenten sehen.

Alexander Bob (links) und Jimmy Wales: Netter Plausch in Hamburg
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Alexander Bob (links) und Jimmy Wales: Netter Plausch in Hamburg

Eigentlich sollten Verlagsbosse gar nicht gut auf Jimmy Wales zu sprechen sein. Der 38-jährige Amerikaner gründete 1999 das freie Internetlexikon Nupedia, aus dem später Wikipedia hervorging. Das Wiki-Prinzip, jeder Surfer darf Textinhalte frei verändern, gilt inzwischen als einer der wichtigsten Trends im Internet. Die deutsche Wikipedia umfasst mittlerweile rund 240.000 Einträge und gilt als heißer Kandidat für den Grimme Online Award.

Trotzdem stellt sich Brockhaus-Chef Alexander Bob gern der Diskussion mit Wikipedianern, die über kurz oder lang seinem Verlag zu schaffen machen könnten. Das Wikipedia-Lexikon ist kostenlos im Internet und kostet zehn Euro als DVD, einen Brockhaus muss man teuer bezahlen. Für die im Herbst erscheinende 21. Auflage mit 24.000 Seiten müssen 2500 Euro berappt werden.

Gestern Nachmittag saßen Bob und Wikipedia-Gründer Wales in Hamburg bei einem Pressegespräch zusammen - und harmonierten erstaunlich gut. Bob lobte Wikipedia ein bisschen, um dann auf das bekannte Glaubwürdigkeitsproblem zu verweisen: "Einzelne Artikel sind zwar sehr gut", meinte er. "Aber das Problem ist, ich weiß nicht, ist das nun gerade ein guter Artikel oder nicht. Kann ich mich darauf verlassen?" Bob verwies auf die wechselseitigen Manipulationen von Wikipedia-Artikeln im Wahlkampf der Anhänger von Jürgen Rüttgers (CDU) und Peer Steinbrück (SPD). "Das Problem wird nicht verschwinden", so der Brockhaus-Chef.

Wikipedia-Gründer Wales: "Die haben Angst vor uns"

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Es gebe zwei große Unterschiede zwischen den Brockhaus-Lexika und Wikipedia. "Wir bieten Lexika gedruckt an und unsere Inhalte stammen von professionellen Schreibern. Das erzeugt von vornherein gute Qualität." Dem wollten gestern weder Jimmy Wales noch die anderen anwesenden Wikipdianer widersprechen. Wales zeigte sich aber ehrgeizig, was die Zukunft betrifft: Man sehe sich nicht als Konkurrent, werde aber eines Tages die Qualität des Brockhaus erreichen. "Wie lange das dauert, weiß ich nicht."

Das Geschäft von traditionellen Lexikonverlagen hält Wales nicht generell für gefährdet. "Bei der Enzyclopädia Britannica sehe ich wenige innovative Dinge. Die haben Angst vor uns." Bei Brockhaus sei das anders, sagte der Wikipedia-Gründer. Dort habe man erkannt, dass Lexika auch eine Aktualisierung bräuchten und ein Online-Update eingeführt.

Brockhaus-Chef Bob hält gedruckte Nachschlagewerke auch im 21. Jahrhundert für unverzichtbar, auch wenn es nicht neueste Entwicklungen berücksichtigen könne. "Der Aktualisierungsbedarf von Lexika wird im Allgemeinen überschätzt." Besonders wichtig sei, dass eine Redaktion hinter dem Werk stehe. "Der Wert unserer gedruckten Enzyklopädie besteht in der Ausgewogenheit der Artikel." Eine Wiki-Funktion für Brockhausartikel werde es auch in Zukunft nicht geben. "Brockhaus steht für geprüfte Informationen." Wenn jeder Surfer online Artikel verändern könne, sei das nicht mehr sichergestellt.

Brockhaus-Chef Bob über Wikipedia: "Einzelne Artikel sind sehr gut"
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Brockhaus-Chef Bob über Wikipedia: "Einzelne Artikel sind sehr gut"

Die deutsche Wikipedia soll nach Aussage von Wales spätestens in zwei bis drei Jahren genauso groß sein wie die englische Ausgabe. Was die Zahl der Artikel betrifft, werde sie bald den großen Brockhaus übertreffen. Der Qualitätsmängel bei manchen Artikeln sind sich die Wikipedianer bewusst. "Es gibt bis heute Schwächen bei technischen Artikeln, weil viele Techniker lieber über ihre Hobbys schreiben, etwa Literatur oder Kunst", sagte Elisabeth Bauer, Vorstand bei Wikimedia Deutschland. "Das ist paradox."

Früher habe es vor allem Probleme in den Bereichen Kunst und Philosophie gegeben, sagte Wales. Die Kenzeichnung besonders guter Texte als "exzellenter Artikel" und eine geplante Bewertung von Einträgen durch die Leser solle die Qualität weiter verbessern.

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