Kamerabesitzer gesucht Facebook ist kein Fundbüro

Was ist zu tun, wenn man eine herrenlose Digitalkamera entdeckt hat? Im Internetzeitalter stellen manche Finder darauf gespeicherte Bilder ins Web und fahnden so nach dem Besitzer. Das ist cool, birgt aber Risiken - für beide Seiten.

Finderportal "I found your camera": Wer kann beurteilen, welche Bilder harmlos sind?

Finderportal "I found your camera": Wer kann beurteilen, welche Bilder harmlos sind?

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Jule saß im Büro, als sie ungewollt zu einer Kamera kam, die ihr nicht gehörte. Ein Passant hatte sie im Park nebenan gefunden und bei ihr abgegeben. Jule nahm sie an sich und wollte sie so schnell wie möglich zurückgeben. "Aber wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ausgerechnet in unser Büro kommt, wenn er draußen was verloren hat?", fragt die 25-Jährige.

Kurzerhand holte sie die Speicherkarte aus der Kamera und sah sich die Bilder an. Eines wurde direkt im Park vor der Tür aufgenommen, offenbar hatten die Menschen auf dem Foto die Kamera auf sich selbst gerichtet. Jule veröffentlichte das Bild auf Twitter: "Wer kennt diese Menschen? Ich fand eine Kamera in Hamburg. RT wäre schnafte." RT, das steht für Retweet, eine Weiterverbreitung ihres Aufrufs. 100 Menschen folgten dem und verbreiteten so das Foto.

Die Idee ist nicht neu. Erst kürzlich erregte eine Aktion des Niederländers Roland van Gogh einige Aufmerksamkeit im Netz: Auch er hatte eine Kamera gefunden und suchte mit Hilfe eines Bildes auf Facebook nach dem Besitzer. Angeblich teilten so viele Menschen das Bild, bis der Besitzer gefunden wurde. Seiten wie "I found your camera" veröffentlichen schon seit Jahren "verwaiste Fotos", mit Hilfe derer schusselige Fotografen gefunden werden sollen. Immer wieder werden dort Erfolge vermeldet.

Es sind hübsche Geschichten über ehrliche Finder und dankbare Besitzer, die im Netz die Runde machen. Sie gelten als Beweis für die Macht und Effizienz sozialer Netzwerke. In Wahrheit aber spricht vieles dagegen, auf diesem Weg Fotoapparat und Besitzer wieder zusammen zu bringen.

Der Anwalt Udo Vetter, Betreiber des Law-Blogs, sieht juristisch mehrere Unwägbarkeiten in der gutgemeinten Modeerscheinung: "Streng genommen ist so eine Veröffentlichung ohne Einwilligung des Fotografen eine Urheberrechtsverletzung", sagt er. Doch würde ein erfreuter Finder wohl die unerlaubte Verbreitung seines Werkes billigend in Kauf nehmen.

Problematischer ist das Recht am eigenen Bild: "Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Menschen auf dem Bild ja gar nicht die Eigentümer der Kamera", so Vetter. Schließlich habe meist der Eigentümer das Foto gemacht. "Und man kann keine Dankbarkeit erwarten von Menschen, die gar nichts mit der Sache zu tun haben. Vielleicht wollten sie gar nicht fotografiert werden" - von einer weltweiten Veröffentlichung ganz zu schweigen. Deshalb rät Vetter dringend davon ab, Porträts von Menschen für solche Aktionen zu wählen. Zumindest der Kamerabesitzer selbst könnte auch anhand eines anderen Bildes feststellen, ob es sich um sein Werk handelt.

Wer entscheidet, welche Fotos harmlos sind?

Außerdem kann eine Veröffentlichung zur Bloßstellung werden. Zwar sind es vergleichsweise harmlose Bilder, die als Fundstücke auf solchen Seiten gezeigt werden, aber wie kann ein Außenstehender schon beurteilen, was harmlos ist und was nicht?

Auf den Seiten von "I found my camera" sind viele Menschen zu sehen, aufgenommen oft in den USA. Dort wird mit dem Recht am Bild liberaler umgegangen als im vergleichsweise strengen Deutschland. Eine Frau im Brautkleid vor dem Spiegel, eine andere, die raucht, ein Mann in Talar und Barett, einer im Neoprenanzug. Menschen auf dem Motorrad, dem Spielplatz, in der Limousine und im Boot - küssend, schmusend, trinkend, feiernd. Eine Frau im Krankenhausbett, in einem Arm liegt ein Neugeborenes, im anderen steckt ein Tropf.

Oder dieses Bild: Eine Frau und ein Mann im Pool, sie mit Strohhut, er mit Sonnenbrille. Beide stützen sich mit den Ellenbogen auf den Beckenrand, vor ihnen zwei Cocktails, die Kamera wurde in Mexiko gefunden. Wer vermag denn zu sagen, ob sie ein Paar sind oder eines sein sollten? Und ob das auch ruhig jeder auf der Welt wissen darf?

"Rückgängig gemacht werden kann so etwas nicht, das Netz vergisst bekanntlich nichts", sagt Jurist Vetter. Wer ein Foto von sich entdeckt und es gelöscht wissen will, muss sich selbst darum kümmern, denjenigen suchen, der es zuerst gepostet hat, seine Ansprüche gelten machend. Und selbst das kann schief gehen, denn "die rechtliche Position im Netz ist eine schwache", so Vetter.

Doch nicht nur für die Fotografierten könnte die Verbreitung des Bildes unangenehm werden. "Man könnte dem Finder theoretisch Fundunterschlagung vorwerfen", meint Vetter, zum Beispiel wenn der Besitzer davon ausgeht, dass die Kamera gestohlen wurde und Anzeige erstattet hat. "Und mit so einer Aktion schafft man eine wasserdichte Beweislage gegen sich selbst", gibt man doch zu, dass man die Kamera gefunden und an sich genommen hat und nun auf eigene Faust nach dem Besitzer sucht. Bleibt die Suche erfolglos, kann man das Gerät nicht einfach ins Regal legen oder selbst benutzen, das wäre dann besagte Fundunterschlagung. "Überhaupt sollte man das Gerät auf keinen Fall benutzen und selbst ein Foto damit machen. Das könnte als Besitzanmaßung ausgelegt werden", so Vetter. Oft könne eben auch Gutgemeintes nach hinten losgehen.

Lieber ins langweilige Fundbüro

Früher hat ein Finder seinen Fund ins Fundbüro gebracht; das ist lästig, kostet Zeit und geht oft nur zu skurrilen Öffnungszeiten. Für Finderin Jule kam das deshalb nicht in Frage: "Ich hätte gar keine Zeit gehabt, die Kamera ins Fundbüro zu bringen. Und vielleicht waren es ja Touristen. Die wissen doch nicht, wo das nächste Fundbüro ist." Fundbüro Facebook ist da viel schneller, bequemer und hat immer geöffnet.

Dabei ist der Weg ins Fundbüro auch im Internetzeitalter noch der klügere. "Ich würde das dringend empfehlen. Wofür haben wir denn da die Beamten rumsitzen?", so Vetter. Wer etwas verliere, könne in wenigen Minuten googeln, wo das zuständige Büro ist.

Vielleicht ist es nicht so originell, die eigene Neugierde wird nicht befriedigt, und man kann sich nicht als ehrlichen Finder feiern lassen wie in der Öffentlichkeit der sozialen Netzwerke. Es ist langweilig. Aber dafür ist man als Finder sofort die Verantwortung los, man muss sich weder rechtfertigen noch eine Kamera zu Hause hüten und auf Meldung hoffen, bis sie längst veraltet ist. Twittern kann man ja trotzdem: "Kamera gefunden, ins Fundbüro gebracht. RT wäre schnafte."

Im Fall von Jule fanden sich die Besitzer übrigens schon nach drei Stunden - allerdings ganz ohne die Hilfe der Retweets. Sie kamen in den Park zurück und suchten nach dem verlorenen Stück. Jule erkannte sie vom Foto und gab ihnen die Kamera wieder. Sie bedankten sich und sagten, dass sie mit Twitter gar nichts am Hut haben.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-1443077326 04.08.2012
1. Es gibt auch Alternativen...
Sowas sollte immer nur der allerletzte Weg sein. Wie bei allen Sachen sollte man sich einfach und effizient vorsorgen. Wir bieten z.B. eine Lösung an: www.bringmeback.eu Beste Grüße Daniel
Kudi 04.08.2012
2. Nur in Deutschland.....
So ein Artikel kann nun wirklich nur in Deutschland entstehen. Immer gleich den Amtsschimmel aus dem Stall holen! Und der Gipfel der Ironie ist, dass man in Deutschland den Amerikanern immer vorwirft, sie würden selbst bei Bagatellen den Richter bemühen. Ein Eigentor!
zorga 04.08.2012
3.
Fazit: Wenn man eine Kamera findet, einfach still und heimlich behalten, die Bilder löschen und fertig.
klarafall 04.08.2012
4.
Oh SPON, was schreibst du nur wieder für nen Mist zusammen... Die Geschichte von "Jule" ist in sich nicht stimmig - schließlich hat die Dame, wenn sie denn wirklich existiert und nicht nur in der Phantasie des Schreibers, zum Suchen des Kamerabesitzers Twitter verwendet. Und eben NICHT Facebook. Kennen Sie den Unterschied nicht? Oder sammelt man mehr Klicks, wenn man "Facebook" in den Titel schreibt?
daesh 04.08.2012
5. Fundbürowahnnsinn
Zitat von sysopWas ist zu tun, wenn man eine herrenlose Digitalkamera entdeckt hat? Im Internet-Zeitalter stellen manche Finder darauf gespeicherte Bilder ins Web und fahnden so nach dem Besitzer. Das ist cool, birgt aber Risiken - für beide Seiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,848131,00.html
Das Problem ist, das das Fundbüro lokal organisiert ist. Das heißt jeder macht was er will oder nicht. Ein Positivbeispiel: Fundbüro der Stadt Nürnberg (http://www.fundbuero-nuernberg.de/) Dort kann man sogar online suchen und erhält Informationen zur Abgabe von Fundsachen, welche im übrigen auch bei jeder Polizeidienstelle abgegeben werden können (welche bessere Öffnungszeiten hat), sodass das im Artikel genannte Problem der Finderin entfällt. Ein Negativbeispiel: https://www.regensburg.de/sixcms/detail.php/rfinder?suche_standard=fundb%C3%BCro Ok die Auflösung ist in Regensburg heißt das Fundbüro Fundamt und eine Suche nach Fundamt bringt die richtige Seite mit den eingeschränkten Öffnungszeiten. Diese lokale uneinheitliche Lage hat scheinbar sogar zu einer (in meinen Augen eher etwas zweifelhaften) Firmengründung geführt: [Firmeninfo*] Fundbüro 24 e.K. - HRA 3481 : Firmenauskunft,Bonitätsauskunft,Handelsregister-Infos (http://www.unternehmen24.info/Firmeninformationen/DE/3743553#top) Wer bei Google / Das Örtliche oder einem anderen Telefonbuch nun nach Fundbüro sucht findet tausende mal dieselbe Servicenummer. Da muss der ehrliche Finder (vielleicht ein Tourist) sogar noch zahlen, wenn er nach dem Fundbüro sucht und mangels anderer Telefonnummer diese Servicenummer anruft, in der Meinung hier handele es sich um eine amtliche Rufnummer. Ein Anruf bei einer einer kommerziellen Auskunft würde wahrscheinlich das gleiche kosten und ebenfalls zum Ziel führen, nur bei einem Anruf dort weiß man das man einen kostenpflichtigen Service in Anspruch nimmt. Erst der Hinweis im Kleingedruckten, zeigt es handelt sich hier um eine kostenpflichtige 0180 er Nummer
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