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Game Bytes: 100.000 Dollar für eine virtuelle Immobilie

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Einen seltsamen Rekord hat ein schillernder britischer Filmemacher aufgestellt: Für 100.000 US-Dollar erwarb er einen Asteroiden - in einem Onlinespiel. Auf der virtuellen Immobilie will er ein Hotel betreiben und einen Nachtclub eröffnen - und vom Eintrittsgeld leben.

"Irgendwo zwischen alternder Rockstar und Prominentenfriseur" - so beschrieb die "New York Times" den Filmemacher Jon Jacobs einst. Der Mann ist ein Unikum: immens eitel, mit einem gewissen schauspielerischen Talent gesegnet, das er auch in ziemlich schlüpfrigen Produktionen zum Einsatz brachte, mit besten Beziehungen zur britischen Dance-Szene - und Hardcore-Gamer. Jetzt hat der 39-Jährige einen Rekord aufgestellt: 100.000 Dollar hat er bezahlt, für ein Ferienresort mit Disco, Hotel und eigenem Jagdrevier. Es liegt auf einem Asteroiden. Und der umkreist den Planeten Calypso, den Schauplatz des Onlinespiels "Project Entropia". Jacobs hat100.000 Dollar für eine virtuelle Immobilie ausgegeben.

Jacobs, geboren im britischen Derbyshire, spielt nach seinen eigenen Angaben seit den frühen Achtzigern Computerrollenspiele. Er stieg sofort in die ersten Onlinevarianten wie "Ultima Online" und "Everquest" ein. Im Jahr 2003 ging das Spiel "Project Entropia" ins Netz - und Jacobs, der sich online "Neverdie" nennt, fand "sein virtuelles Zuhause", schreibt er auf seiner Webseite.

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"Project Entropia": Ein echter Filmemacher im virtuellen Wunderland

Gemeinsam mit seiner Freundin Tina Wiseman erlangte er in der Spielergemeinde eine gewisse Berühmtheit - er nahm einen ihr gewidmeten Discosong namens "Gamer Chick" auf und stellte dazu ein Video aus Spielszenen bei iFilms ins Netz. Der Text bestand aus Reimen wie "I met her online, her avatar looked fine" (Ich traf sie online, ihr Avatar sah gut aus), und preist die kumpelhaften Qualitäten der Besungenen: "Sie hält mir die Monster vom Leib, wenn mir die Lebenspunkte ausgehen".

Wiseman, die im Spiel Island Girl und in einigen softpornografischen Produktionen Tina Leiu hieß, verstarb vor einigen Monaten plötzlich. In "Project Entropia" wurde daraufhin ein virtueller Schrein für sie errichtet, den angeblich Tausende von Spielern besuchten, um Blumen oder andere virtuelle Gaben zu hinterlegen.

Der schillernde Regisseur ist ein Glücksfall

Für die Betreiber von "Project Entropia" (PE), die schwedische Firma MindArk, ist Jacobs ein Glücksfall. Er bringt ihnen nicht nur Publicity - Avatar "Neverdie" schaffte es beispielsweise auch in einen Fotoband mit Bildern von Gamern und ihren Spielfiguren -, sondern auch viel Geld. Das Geschäftsprinzip von PE ist anders als das anderer Onlinegames: Das Spielen kostet nichts, dafür ist der Handel mit virtuellem Eigentum nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Die Betreiber selbst veräußern Grundstücke und Gegenstände und verdienen so in der PE-Währung PE-Dollar, die im Verhältnis 10 zu 1 in echte Dollars umgetauscht wird.

Auch in anderen Onlinespielen, etwa "Second Life" wird offen mit Virtuellem gehandelt - die Summe von 100.000 Dollar für ein einzelnes Objekt dürfte aber einen Rekord darstellen. Insgesamt, schätzt der Wirtschaftswissenschaftler Edward Castronova, werden in Onlinespielen derzeit legal und illegal fast 900 Millionen Dollar im Jahr mit dem Verkauf von virtuellen Objekten und Spielfiguren umgesetzt. Die meisten Betreiber betrachten den Handel mit dem Inhalt ihrer Spiele gegen echtes Geld als Betrug - nur Sony hat für "Everquest 2" eine eigene Plattform dafür eingerichtet. Die Analysten von PriceWaterhouseCoopers prognostizieren im Bereich Onlinegaming für die Jahre bis 2009 Wachstumsraten von um die 60 Prozent - pro Jahr.

Heldengeschichte zu Marketingzwecken?

Schon im vergangenen Jahr kaufte ein PE-Spieler eine virtuelle Insel für 26.500 Dollar - auch Jacobs hatte mitgeboten, ihm ging aber das Geld aus. Bei der Auktion für das "Virtual Space Resort" auf dem Asteroiden wollte er diesmal kein Risiko eingehen: Weil er von Miami aus bot und der Hurrikan "Wilma" auf die Küste von Florida zuhielt, schlug Jacobs direkt zu und nutzte die spielinterne "Sofort kaufen"-Option. Er bezahlte den Festpreis von 100.000 US-Dollar. "Augenblicke später warf der wilde Wind einen mächtigen Baum im Garten um und der Strom fiel aus", behauptet Jacobs.

Die Heldengeschichte und auch der sensationelle Preis gehören möglicherweise zum Marketingkonzept - denn Jacobs will an seiner virtuellen Immobilie durchaus verdienen. Schon jetzt bietet er virtuelle Hotelsuiten zum Verkauf an. Darüber hinaus sollen Spieler in seinem Astroiden-Vergnügungspark jagen können und dafür Gebühren an ihn entrichten, und auch Schürfrechte für virtuelle Rohstoffe hat er im Angebot. Alleine mit Jagd- und Schürfgebühren will Jacobs nach eigenen Angaben 20.000 Dollar im Monat umsetzen. PE hat momentan über 300.000 registrierte Nutzer - wobei unklar ist, wie viele davon tatsächlich regelmäßig spielen.

"Das Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft verloren"

Jacobs größtes Ziel ist es, einen virtuellen Nachtclub zu eröffnen. "Wir sind Pioniere der virtuellen Realität", sagt Jacobs und für diese Pioniere will er eine Diskothek einrichten, in der wöchentlich bekannte DJs auflegen sollen. Wie einen "großen Nachtclub in einer großen Stadt" wolle er die betreiben.

Die nötigen Kontakte hat Jacobs: Sein letzter Film "Hey DJ" ist eine bizarre Tour durchs britische Nachtleben, in der echte Altstars der Dance-Szene wie Pete Tong und Carl Cox auftreten. Er führe bereits "Gespräche mit einigen der größten DJs der Welt", sagte Jacobs der BBC. "Club Neverdie wird es der Unterhaltungsindustrie ermöglichen, in die virtuelle Realität hineinzugehen und Gamer dort abzuholen, wo sie in ihrem Element sind."

Er habe sich überlegt, sagte Jacobs laut dem "Sydney Morning Herald", ob er seine Ersparnisse - von denen viel aus Transaktionen mit Erspieltem aus PE stammt - lieber in ein echtes Haus investieren solle. Aber das hätte ihm kein Einkommen garantiert, weil alles von Zinszahlungen und Wartungskosten aufgefressen worden wäre. Im Gegensatz dazu "brennt der Immobilienmarkt im Project-Entropia-Universum, weil da so viel Geld zu verdienen ist." Weil es in PE eine echte Geldwirtschaft gebe, "können sich die Gamer leisten, für ihre Unterhaltung zu bezahlen." Er fügt hinzu: "Ich habe das Vertrauen in die Wirtschaft der USA verloren und habe das Gefühl, im Moment ist es sicherer, in eine virtuelle Wirtschaft zu investieren."

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