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Game Bytes: Abgeordneter erregt sich über Pixelsex

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In den Spielen der "Grand Theft Auto"-Serie geht es wenig kindgerecht zur Sache. Nicht Gewalt, sondern Sex soll jetzt dazu führen, dass die Spiele in den USA unter den Ladentisch verbannt werden. Ein "Sex Mod" lässt Explizites sichtbar werden - konservative Politiker sind erbost.

"San Andreas": Explizite Sexszenen

"San Andreas": Explizite Sexszenen

"Grand Theft Auto" (GTA) ist nichts für Kinder. In der Spielserie muss stets ein Kleinkrimineller zum Unterweltboss aufsteigen, mit Kriminellen-typischen Aktivitäten wie Autodiebstahl, Sabotage und Auftragsmord. "GTA" wird deshalb von den Kritikern gewalttätiger interaktiver Unterhaltung gern als Paradebeispiel für Jugendverderbendes in Videospielen zitiert. Auch Hillary Clinton hat sich schon besorgt über die Reihe geäußert.

In der aktuellen Folge der Serie, "San Andreas", geht es um ein Gang-Mitglied, das sich aus dem Ghetto einer L.A. ähnlichen Stadt emporarbeitet, um später unter anderem zum freiberuflichen Geheimagenten und zum Casinobesitzer aufzusteigen. Unterwegs kann "CJ" auch die Bekanntschaft verschiedener junger Damen machen und sie mit Blumen, einem schmucken Haarschnitt, seinem Tanzstil und Restaurantbesuchen zu becircen versuchen. Wer hartnäckig ist, landet auch mit seiner neuen Freundin im Bett - in der Verkaufsversion des Spiels werden diese Szenen nur angedeutet, mit einer Außenansicht des Liebesnestes und ein paar wollüstigen Juchzern von der jeweiligen Dame.

Die Programmierer hatten Gewagteres vor

Offenbar hatten die "GTA"-Programmierer sogar Gewagteres vor. Ein niederländischer Softwarebastler namens Patrick Wildenborg hat jedenfalls vor etwa einem Monat einen sogenannten "Mod" ins Netz gestellt, ein kleines Programm, mit dessen Hilfe man in der PC-Version die Sexszenen zwischen CJ und seinen Freundinnen nicht nur hören, sondern auch sehen und sogar helfend eingreifen kann: "Drücken Sie rhythmisch HOCH oder RUNTER - JOY2 um den Blickwinkel zu ändern - JOY4 um die Stellung zu wechseln - JOY1 zum aufhören", so die Bildschirminstruktion für den "Hot Coffee" getauften Mod. Videos, die die entsprechende Modifikation vorführen, kursieren schon seit Wochen im Netz: Zwei pixelige Spielfiguren zappeln miteinander im Bett herum, in verschiedenen Positionen. Für manche mag das amüsant sein - erotisierend ist es aber kaum.

Und dennoch: Das aus vielen anderen Gründen gar nicht kindgerechte Spiel wird nun wegen Wildenborgs programmiererischer Detektivarbeit womöglich unter den Ladentisch verbannt. Der kalifornische Abgeordnete Leland Yee, der schon seit einiger Zeit einen privaten Feldzug gegen gewalttätige Computerspiele führt, sagte: "Dieses spezielle Spiel ist schon bekannt dafür, dass es abscheuliche Gewaltakte enthält, und jetzt ist auch aufgedeckt worden, dass es explizite Sexszenen enthält, die für unsere Kinder ungeeignet sind."

Yee möchte erreichen, dass die Altersfreigabe des Spiels in den USA von M für Mature, was bedeutet, dass das Spiel nur an Käufer die mindestens 17 Jahre alt sind, abgegeben werden darf, auf "Adult Only" geändert wird. Das würde vor allem bedeuten, dass die großen Elektronik-Ketten der USA den Titel nicht mehr vertreiben. Das Entertainment Software Rating Board, in etwa das US-Äquivalent der deutschen USK, will sich jetzt erneut mit der Altersfreigabe von "GTA: San Andreas" befassen.

Wildenborg sagt, der Pixelsex habe schon in San Andreas dringesteckt. Eine programminterne Sperre verhindere aber, dass die Szenen tatsächlich im Spiel auftauchen. Diese Sperre zu umgehen ist nicht einfach: Ein abgespeicherter Spielstand muss mit Wildenborgs Programm modifiziert werden, danach muss man das Spiel neu starten und den veränderten Spielstand laden. Ein gewisser "Josh" schreibt im Spiele-Blog "Cathode Tan": "Es gibt keine Möglichkeit, an dieses Erwachsenen-Material zu kommen, ohne explizite Änderungen am Spiel selbst vorzunehmen." Wildenborg selbst sagte der "New York Times", die versteckten Bilder seien "nichts, über das man versehentlich stolpern könnte".

"Sex Mods" sind nichts Neues

Dazu kommt, dass "Nude Patches" oder "Sex-Mods" nicht erst mit "GTA" aufgetaucht sind - es gibt sie, seit die ersten findigen Gamer begonnen haben, am Quellcode ihrer Lieblingsspiele herumzuschrauben. Im vielgescholtenen Terroristen-gegen-Polizei-Geballer "CounterStrike" (CS) gibt es eine Option, mit der Spieler die Wände verschönern können - man konnte sich auf einem "CS"-Server plötzlich schwerbewaffnet zwischen lauter Nackten an den Wänden wieder finden, wenn ein Spaßvogel einen entsprechenden "Tag" hochgeladen hatte. Um einen angeblichen "Nude Patch" für die Konsolenspiele "Dead or Alive" und "DOA Xtreme Beach Volleyball" zu stoppen, ging der Spielehersteller Tecmo einst schon juristisch gegen allzu programmierfreudige Fans vor. Neu ist allerdings, dass der Hersteller Rockstar Games das entsprechende Minispielchen offenbar selbst ins Spiel hineinprogrammiert, dann aber versteckt hat.

Dass das höchst gewalttätige "GTA: San Andreas" nun aber wegen dieser nur mit Aufwand und einem Internetzugang zugänglichen Variation erneut ins Visier der Zensoren gerät, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Tatsache, dass jede beliebige Figur, die dem Spieler darin begegnet, erschossen, erstochen oder totgeschlagen werden kann, reichte dazu nicht aus. Bei Rockstar Games gibt man sich denn auch gelassen: Man rechne damit, dass "GTA: SA" nach der erneuten Überprüfung seine bisherige Altersfreigabe, "M", behalten werde.

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