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Game Bytes: Redeverbot für schwule Orks

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Ein Streit um "Political Correctness" bewegt die Gamer-Szene. Der Betreiber von "World of Warcraft" diskriminiere Homosexuelle, meinen einige. Andere stimmen zu - und finden das ganz gut so. Gesellschaftliche Debatten sind aus den virtuellen Welten nicht mehr herauszuhalten.

In Azeroth ist "schwul" ein Schimpfwort. US-amerikanische Abonnenten des Onlinespiels "World of Warcraft" beklagen schon seit langem, dass sie über die spielinternen Chat-Kanäle in der Fantasywelt ständig Dinge wie "Mann, ist das schwul!" oder "verdammte Schwuchtel" lesen müssen, nur weil mal wieder ein Fünfzehnjähriger beim Kampf gegen ein Pixelmonster verloren hat.



Viele der Spieler sind nun einmal Teenager männlichen Geschlechts, manche in ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen etwas eingeschränkt, und einige haben vermutlich, wie das in diesem Alter so zu sein pflegt, Probleme mit dem Sexuellen an sich. Da soll ein bisschen Homophobie womöglich über die eigene Unsicherheit hinweghelfen.

Blizzard, der Betreiber von "World of Warcraft", weiß, dass das so ist - deshalb hat das Unternehmen sehr strikte "Anti-Diskriminierung-Richtlinien", die Spielleitern erlauben, allzu üble Auswüchse zu ahnden. Minderheiten aller Art sollen so geschützt, ein gewisser sprachlicher Standard gewahrt werden. Wer andere beleidigt oder sich fortgesetzt unangemessener Sprache bedient, kann bestraft, im schlimmsten Fall vom Spiel ausgeschlossen werden. Was in der Praxis aber kaum durchzusetzen ist - denn wer kann bei geschätzten 5,5 Millionen Spielern weltweit schon ständig darauf achten, wann wieder ein Pubertierender "schwul!" in sein Chatfenster eintippt?

Verwarnt für Homosexuellen-Freundlichkeit?

WoW-Spielerin Sara Andrews tippte nicht "schwul", sondern "GLBT-friendly" - und wurde von Blizzard verwarnt. Wegen angeblicher "Belästigung aufgrund sexueller Orientierung". Auch für nicht-Muttersprachler ist das nicht unmittelbar verständlich, für WoW-Spielleiter aber offenbar schon. "GLBT" steht für "Gay, lesbian, bisexual, transgender", ist also gewissermaßen eine Sammelbezeichnung für alle nicht-Heterosexuellen. Sara Andrews wollte Mitglieder für eine Spielervereinigung, eine Gilde, werben, die solchen Menschen offen gegenübersteht.

Das, oder zumindest die offene Werbung dafür, verstoße gegen die Diskriminierungsrichtlinien, fand man bei Blizzard. Denn wer sich selbst als schwul oder lesbisch oute, verleite andere Spieler zu diskriminierenden Handlungen oder Äußerungen. Bezüge zu "heiklen Themen aus der realen Welt - wie religiöse, sexuelle oder politische Vorlieben zum Beispiel - haben die Tendenz, Kommunikation zwischen Spielern auszulösen, die oft auf Belästigung hinausläuft", so die Begründung.

Das Blog MMORGy fasste die Absurdität dieser Argumentation so zusammen: "Um es kurz zu sagen - wenn man eine Gilde hat, die 'Gott hasst Schwuchteln' heißt, verletzt man diese Regel. Wenn man eine Gilde namens "GLBT friendly" hat, verletzt man die gleiche Regel."

Diskriminierung ist an der Tagesordnung

Der Fall schlug in der Gamer-Community hohe Wellen - und brachte, in Forums- und Blog-Kommentaren, auch die hässliche, homophobe und rassistische Seite dieser Gemeinde ans Licht. Viele solidarisierten sich mit Blizzard, nicht, weil sie die Argumentation teilten, sondern, weil ihnen nicht-heterosexuelle Menschen ohnehin suspekt sind. "Die meisten Homos glauben, dass jeder um sie herum, der einen nicht-perversen Lebensstil pflegt, ein paranoider, bigotter Homosexuellen-Hasser ist", schrieb ein Spieler in einem WoW-Forum. So richtig friedlich-freundschaftlich ist der Umgang in der schönen neuen Welt der Onlinespiele nicht - das wissen chinesische Spieler, die routinemäßig als professionelle "Goldfarmer" betrachtet und deshalb verabscheut werden, schon lange.

Gleichzeitig löste die Affäre eine Debatte über die Frage aus, wie viel reales Leben denn nun in eine Spielwelt hinüberschwappen darf. Schließlich ist WoW im Kern ein Rollenspiel - und ist ein Ork nicht ein Ork, egal, ob er weibliche oder männliche Artgenossen liebt? Oder umgekehrt - darf ein Familienvater Mitte dreißig im Spiel die Identität einer lesbischen Zwergin annehmen? Manche meinen, wer seine sexuelle Identität zum Thema machen wolle, solle das bitteschön in einem Spiel nur für Erwachsene tun.

"Bereitet euch auf die WoW-Vermögenssteuer vor"

Das Thema "political correctness" ist definitiv in den virtuellen Welten angekommen - im Moment tobt auch ein Disput über das Niedermetzeln von amerikanischen Ureinwohnern im (offline zu spielenden) Western-Game "Gun". Gameblog Kotaku meint: "Sieht aus, als ob die wirkliche und die virtuelle Welt täglich näher aneinander heranrücken. Bereitet euch darauf vor, demnächst WoW-Vermögenssteuer zu bezahlen." Und in der Tat wird es, wenigstens aus PR-Gründen, auf die Dauer kaum möglich sein, das Draußen aus dem Drinnen herauszuhalten. Bei der wie gewohnt hochklassigen Diskussion bei TerraNova brachte es einer auf den Punkt: "Ich vermute, Blizzard könnte auch eine Gilde nur für Schwarze verbieten. Ich würde zu gerne sehen, wie sie das versuchen."

Blizzard, das sei hier gesagt, verbietet nicht generell das Gründen von Gilden für Menschen bestimmter sexueller Orientierung - es sollen nur nicht im "General Chat" Mitglieder angeworben werden, und sei es mit so kryptischen Begriffen wie "GLBT". Inzwischen hat sich dennoch die Bürgerrechtsorganisation Lambda Legal des Falles angenommen und im Namen von Sara Andrews und Greg Wu von der alteingesessenen, ebenfalls "GLBT-freundlichen" Gilde "Stonewall Champions" einen geharnischten Anwaltsbrief an Blizzard geschrieben.

"Wir verlangen, dass Sie alle Systemadministratoren von Blizzard darüber informieren, dass sie keine Spieler dafür bestrafen dürfen, auf nicht-beleidigende Weise über sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu sprechen", heißt es in dem Schreiben. Diskriminierung zu verhindern, sei ein ehrenhaftes Ziel, aber "dass GLBT-Menschen still und unsichtbar bleiben, ist kein akzeptabler Weg, dieses Ziel zu erreichen."

Eine E-Mail eines Blizzard-Sprechers an Andrews hatte schon zuvor von einer "unglücklichen Auslegung" der WoW-Nutzungsbedingungen gesprochen - allerdings erst nach einem langen und teils wenig erfreulichen Schriftwechsel. Vielleicht können schwule Orks und lesbische Zwerginnen trotzdem schon bald wieder ganz offiziell gemeinsam auf die Jagd gehen.

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"World of Warcraft": Schwule Orks und lesbische Zwerginnen

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