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Game Bytes: Sprühender Unsinn

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Immer lauter, immer schneller rufen Videospiel-Hasser in den USA nach Verboten. Erst mokierten sie sich über Gewaltszenen, dann über Sex in Games. Jetzt fürchten Amerikas Saubermänner, dass ein Graffiti-Spiel die Jugend verderben könnte.

Diesmal hat der Feind keine Schrotflinte dabei. Auch keine Plasmakanone, keine Maschinenpistolen und keine Kettensäge. Diesmal ist er nur mit Sprühdosen bewaffnet. Und mit diesen macht er aus Kindern ruchlose Verbrecher - glaubt zum Beispiel Philip Ruddock, Australiens Justizminister.

Das Videospiel "Marc Ecko's Getting Up: Contents under Pressure" werbe für "antisoziales Verhalten", hätten mehrere kommunale Regierungen bemängelt, deshalb müsse nun überprüft werden, ob die Alterseinstufung des Spiels korrekt ist, teilte Ruddock mit. "Getting Up" soll in Australien an jeden ab 15 verkauft werden können, und da könne es ein Problem sein, dass das Spiel "zum Gebrauch von Graffiti auffordern soll".

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Graffiti in Spielen: "Unsoziales Verhalten"?

Laut Beschreibung des Herstellers Atari soll es dagegen "einen Einblick in die künstlerische Welt der Graffiti mit ihrer spezifischen Kultur, Musik, Mode und dem damit einhergehenden Lebensstil" bieten. Dass "Getting Up" auch mit "actiongeladenen Nahkämpfen" und laut Ataris US-Seite "einer Kampfmechanik, die Tritte, Griffe und Schläge mit improvisierten Waffen kombiniert", aufwartet, macht den australischen Politikern offenbar weniger Sorgen.

"Es geht darum, Eigentum zu zerstören"

In den USA wird gegen das Spiel - das noch gar nicht auf dem Markt ist - schon länger gewettert. Der in den US-Medien gelegentlich als "Graffiti-Experte" auftretende Timothy Kephart zum Beispiel mokierte sich nicht über die Gewalt gegen Personen, sondern darüber, dass "Getting Up" ein Spiel sei, "in dem es um Sachbeschädigung geht". Die Ästhetik-Bürgerwehr "Keep America Beautiful" (KAB) und das "National Council on Crime and Delinquency" (NCCD) stimmten in die Klagen mit ein - weil schon die Werbung für das Spiel "eindeutig versucht, kriminelles und gefährliches Verhalten für Kinder attraktiv zu machen", so etwa KAB-Präsident Ray Empson.

Dass Atari sich über solche Aufregung eher freut als ärgert ist klar - so viel kostenlose Publicity bekommt man sonst nicht so einfach. Entsprechend reagierte Atari nur mit ein paar lobenden Worten über das "innovative" Spiel. Der Held sei darin schließlich "mit einer Spraydose ausgestattet und nicht mit einer Pistole", teilte man jetzt, kurz vor dem Start mit.

Durch "Winter Games" ist nie jemand gestorben

Faszinierend an der Debatte ist vor allem eins: Langsam wird zum Standardargument der Spiele-Kritiker, Menschen hätten die Tendenz, Dinge, die sie mit einer Spielfigur tun könnten, auch im realen Leben zu versuchen. Ungeachtet der Tatsache, dass niemand je behaupten würde, der Klassiker "Winter Games" habe Todesfälle verursacht, weil sich Spieler plötzlich für Skispringer hielten, oder "Space Invaders" habe dazu geführt, dass Menschen sich an Flughafeneinflugschneisen postierten, um mit Papas Jagdgewehr Jets herunterzuholen.

Bislang gab es die Behauptung, aus Spiel würde leicht ernst, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt gegen Menschen - die Debatte in der wissenschaftlichen Gemeinde über diese Frage dauert bis zum heutigen Tage an. Dann wurde Sex zum Problem - der "Hot Coffee"-Mod für das Spiel "Grand Theft Auto - San Andreas" löste Proteste aus, weil dadurch ziemlich alberne Sexszenen in dem Spiel freigeschaltet wurden. Zwar behauptete niemand der Pixelsex könne Teenager zum realen Verkehr animieren. Dennoch war, zumindest in den USA, ein so überzeugendes Argument gegen das Spiel gefunden, dass es dort nur noch an Erwachsene verkauft werden darf. Die teils drastische Gewalt, die darin ausgeübt werden kann, reichte als Grund nicht.

Auch im Falle "Getting Up" sind nicht die Prügeleien der Grund für die Kritik am Spiel, sondern die Rahmenhandlung. Der Spieler soll zum Sprayer-König der Stadt aufsteigen. Gewalt, Sex, Graffiti? Anti-Videospiel-Aktivisten hoffen, dass brave US-Vorstädter sich über die sprühenden Spielfiguren genügend aufregen um politischen Druck auszuüben.

Dies soll nicht heißen, dass beschmierte Hauswände schön wären und man Jugendliche dazu ermutigen sollte, nachts mit der Sprühdose loszuziehen und ihr Leben auf Bahngleisen zu riskieren. Die Aufregung um "Getting up" wirkt jedoch völlig absurd, wenn man berücksichtigt wie viele meist unumstrittene Sprayer-Games in den vergangenen Jahren bereits veröffentlicht wurden.

In vielen Spielen wird schon lang gesprüht

Berühmt wurden zum Beispiel "Jet Grind Radio" für Segas Dreamcast-Konsole und sein Nachfolger "Jet Set Radio Future", Spiele, in denen die Figuren auf Rollerskates durch eine Stadt rasen und dabei Graffiti sprühen. Auch im erwähnten "San Andreas" ist das "tagging" von Wänden eine der vielen Aufgaben, mit denen der Spieler Punkte machen kann. Und in der brutalen Jugendgang-Filmumsetzung "The Warriors" (die in Deutschland nicht auf den Markt kam) müssen die Schläger ebenfalls ihr Revier mit der Sprühdose markieren, um voranzukommen. Graffiti sind eben ein integraler Bestandteil der Gang-, der HipHop- und längst auch der Mainstream-Kultur.
Das beste Beispiel dafür ist der Patron von "Getting Up", Marc Ecko: Der begann als Sprüher, bedruckte dann T-Shirts, die von HipHop-Stars getragen wurden - und herrscht heute über ein Modeimperium mit nach eigenen Angaben über einer Milliarde Dollar Jahresumsatz. Das Spiel soll dazu jetzt auch ein bisschen beitragen. Und das Gezeter der Spiele-Gegner wird dabei helfen.

KAB und NCCP haben laut Gamespot die US-Strafverfolgungsbehörden jedenfalls aufgefordert, auf "eine Zunahme von Sachbeschädigungen durch Minderjährige" zu achten, wenn "Getting Up" auf den Markt kommt. Im Blog "Gamepolitics" wird berichtet, nach dem Erscheinen von "Jet Grind Radio" habe es schon einmal ähnliche Forderungen gegeben. Aber: "Es entwickelte sich keine Videospiel-inspirierte Graffitiwelle."

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