Game Bytes: Virtuelle (Alp-)Träume aus Zweitausendsex

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Sex hat in Computerspielen immer bestenfalls ein Nischendasein gefristet. Schlimmstenfalls rief er die Zensur auf den Plan. 2006 soll sich das ändern: Es soll das Jahr der Sexspiele werden - und zwar im Netz. Reihenweise wollen Online-Swingerclubs Gamer anlocken.

Mit der Rache des Generals hat alles angefangen. "Custer's Revenge" hieß das erste Computerspiel, bei dem es um Sex ging - allerdings auf gleichermaßen widerliche wie lächerliche Art und Weise. Der in der Bilderstrecke gezeigte Screenshot ist vermutlich nur mit einer ausführlichen Erklärung zu verstehen: Der rosa Fleck links mit dem blauen Hut ist General Custer, mit erigiertem Pixelpenis, der rosa Fleck rechts soll eine an einen Pfahl gefesselte "Indianerin" darstellen. Ziel des Spieles war es, mit dem General - berühmt für seine grandiose Niederlage gegen Häuptling Sitting Bull - den Bildschirm zu überqueren, ohne von den vom Himmel herabfallenden "Pfeilen" getroffen zu werden, um die Gefesselte zu vergewaltigen.



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Sexspiele: Pixelerotik und Online-Orgien




Es ist unwahrscheinlich, dass jemals jemand von "Custer's Revenge" erotisch berührt wurde - und doch markiert das Stück Schmuddelsoftware den Beginn von etwas Neuem. Schon bald gab es pixelige Pornografie, etwa das nicht minder alberne "Sexgames", "Strip-Poker" oder animierte Rammel-Cartoons für den Commodore 64. Dann aber kam der Siegeszug des Videorekorders, irgendwann noch später das Internet mit seinen Millionen von Pornoseiten - und die interaktive Erregungseinleitung per Joystick verschwand fast völlig von der Bildfläche.

Gelegentlich brachen sich Teenager-Träume Bahn in "Mods" - Eingriffen in den Spielcode, die beispielsweise beim Prügelspiel "Dead or Alive" die voluminösen Kämpferinnen unbekleidet erscheinen ließen. Stets folgten solchen Bubenstreichen juristische Schritte der Hersteller oder, wie im Fall des "Hot Coffee"-Mods für "Grand Theft Auto: San Andreas", öffentlicher Aufschrei und der Ruf nach strengeren Gesetzen, besonders in den USA.

Von künstlicher Aufregung abgesehen ist das Geschlechtliche in Spielen aber auch heute noch kaum ein Thema - und wenn, dann kommt es in seiner dümmlichsten Form daher, wie in "Playboy: The Mansion". Und das liegt nicht allein daran, dass die Industrie nicht möchte - Spiele mit Sex lassen sich einfach nicht verkaufen.

Gewalt ist in Ordnung, Sex gibt Ärger

Explodierende Köpfe sind okay, aber zwei kuschelnde Avatare können schon reichen, um einem Spiel in den USA eine Einordnung "Nur für Erwachsene" einzubringen. Die wiederum führt dazu, dass die meisten Läden das Produkt überhaupt nicht mehr anbieten. Mit "Grand Theft Auto: San Andreas" ist das eben passiert - wegen im Spielcode verstecker Pixelsexszenen wohlgemerkt, und nicht aufgrund der Tatsache, dass der Protagonist darin mit Auftragsmorden und Drogenhandel zum Gangsterboss aufsteigt.

Zwar gibt es ein paar Ausreißer wie "Singles", eine Art "Sims" mit Geschlechtsverkehr und auch Härteres wie "Lula 3 D". Aber so richtig durchgesetzt hat sich die interaktive Erotik nicht. Ganz zu schweigen vom einst als nächstes großes Ding beschworenen "Cybersex".

Das soll sich, geht es nach Entwicklern und Spieleherstellern, in diesem Jahr ändern. 2006 soll das Jahr der multiplen Avatar-Erotik werden, die Geburtstunde eines grenzenlosen Pixel-Sündenpfuhls, in dem jeder findet, was er sucht. Die International Game Developers Association hat seit kurzem eine "Sex Special Interest Group", gegründet von Brenda Brathwaite, einer Entwicklerin mit 23 Jahren Berufserfahrung. Die Gruppe fordert für Entwickler das Recht, Spiele zu schaffen, die "das ganze Spektrum der menschlichen Erfahrung abbilden, einschließlich Beziehungen, Liebe, Intimität und sexueller Themen".

Rollenspiel-Erotik im Netz gibt es längst

Und weil der gespielte Sex den Weg in die Läden kaum finden wird, sucht er sich einen anderen Weg nach Hause: Übers Netz. In Multiplayer-Onlinespielen wie "World of Warcraft" gibt es so etwas längst - Spieler und Spielerinnen, die sich in dunklen Ecken zu einem Avatar-Tête-à-Tête treffen, um mit einem bisschen Mausruckeln, flinken Fingern und viel Fantasie erotische Bedürfnisse zu befriedigen. Sogar (ziemlich lustige) "World of Warcraft"-Pornografie gibt es schon (nicht immer erreichbar) - und natürlich auch "nude patches", die Elfinnen und Zwerge plötzlich ohne Rüstung dastehen lassen.

Da tut sich eine Lösung für die Nöte der Industrie auf: "Obwohl es den Markt potentiell gibt, ist er sehr schwer zu erreichen", sagte Jason Della Rocca von der IGDA dem "Hollywood Reporter". Dabei sind die Erwachsenen ganz leicht zu erreichen - übers Netz. Verdient werden kann dort mit Abogebühren statt mit dem Verkaufspreis. So machen es die Netz-Pornografen schon lange.

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