Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Game Bytes: Was die Spieler von den Mädchen lernen können

Von

Während die Gamerinnen sich im Netz organisieren und längst einen substantiellen Teil des Marktes für Spiele ausmachen, bleibt die Industrie orientierungslos. Dabei wären weiblichere Spiele ein Gewinn für alle. Die Herren setzen stattdessen auf Gewalt, Pornographie und große Pixelbrüste.

Lara Croft, Gamer: "Frauen-affine" Konzepte?
DPA

Lara Croft, Gamer: "Frauen-affine" Konzepte?

Den einen geht es nur um Geld. Sie merken langsam, dass ihnen gut die halbe Weltbevölkerung als potenzieller Absatzmarkt durch die Lappen zu gehen droht. Die anderen wollen endlich ernstgenommen werden und sich nicht permanent mit bizarren Comic-Karikaturen ihrer selbst konfrontiert sehen. Die dritten - und das sind die meisten - wissen gar nichts davon, dass man sich so viele Gedanken über sie macht. Dabei könnten sie dafür sorgen, dass die Spielewelt für alle Beteiligten interessanter wird.

Die einen, das sind die Vertreter der Spieleindustrie. Seit einiger Zeit schon dämmert ihnen, dass nicht nur Männer daddeln wollen, und dass es ziemlich viele Frauen gibt auf der Welt, denen man auch Spiele und Hardware verkaufen könnte - bloß interessieren die sich nicht dafür.

Woran das liegt, darüber zerbricht man sich in letzter Zeit verstärkt den Kopf, verzweifelt sucht man nach "Frauen-affinen" Spielkonzepten. Aber so verdienstvolle Veranstaltungen wie die Women's Game Conference (WGC) werden dann doch wieder fast ausschließlich von Vertretern des weiblichen Geschlechts besucht. Während die Frauen, die bei der weltgrößten Videospielmesse E3 zu finden sind, meist sehr wenig an, aber ansonsten mit Gaming wenig am Hut haben.

Weniger als 10 Prozent der Entwickler sind weiblich

Die anderen, das sind die Frauen, die trotz allem gern Computer- und Videospiele spielen. Sie fühlen sich von ihren männlichen Pendants oft nicht ernstgenommen und von der Industrie stiefmütterlich behandelt. "Spiele für Frauen, das muss nicht heißen, dass die Spiele einfach in einer pinken Schachtel verpackt werden", lautete ein Fazit bei der letzten Women's Game Conference.

"Booth Babe" bei Spielmesse: Nicht ernstgenommen
REUTERS

"Booth Babe" bei Spielmesse: Nicht ernstgenommen

Deutlicher werden die Damen von "Thumb Bandits", einer speziell auf Gamerinnen zugeschnittenen Webseite. Das Problem liegt nicht am Markt, stellen sie fest, sondern an den Strukturen der Industrie: "Den Traditionalisten-Gedanken entgegenzutreten, dass Frauen bestimmten Spielen zuneigen (Rollenspiele, Puzzles, Adventures), ist eine schwierige Aufgabe, angesichts der Tatsache, dass momentan weniger als 10 Prozent der Entwickler weiblich sind."

Natürlich kann man nicht behaupten, Männer könnten keine Spiele entwickeln, die Frauen gefielen - Will Wrights gerade beim weiblichen Geschlecht sensationell erfolgreiche "Sims"-Reihe ist da das beste Beispiel. Dennoch mutet es paradox an, dass eine fast vollständig männlich dominierte Industrie versucht, ohne weibliche Hilfe weibliche Märkte zu erschließen. Zwar gibt es beispielsweise auch sehr wenige Hollywood-Regisseurinnen. Wäre die Film- aber wie die Spieleindustrie, gäbe es in Hollywood nur noch weibliche Stars, die aussehen wie Pamela Anderson.

Ein gutes Beispiel für das Bild ihrer Zielgruppe, das die Industrie fälschlicherweise immer noch hat, sind die Film-Angebote, die jetzt für das mobile Spielgerät PSP von Sony herauskommen werden. Das ist eine Liste von Actiontiteln, von "Spiderman 2" bis "Triple X". Vorn dabei, wie immer, wenn eine neue Abspielplattform auf den Markt kommt, ist natürlich auch die Pornographie. Der "Playboy" hat schon PSP-Filmchen angekündigt, und auch ein japanische Hardcore-Produktionsfirma wird mit Titeln wie "The Nurse of a Big Breast" dabei sein.

Garantie für Ballons am Brustkorb

"Für jede weibliche Figur in einem Mainstream-Videospiel gibt es praktisch die Garantie, dass an ihrem Brustkorb Ballons hängen", schreibt die stets spitzzüngige "Jane" im Spieleblog "GameGirlAdvance".

Während ihre männlichen Kollegen sich auf Messen an "Booth Babes" ergötzen, und flammende Apologien der aufgeblähten Pixelbrust verfassen, warten die Damen zunehmend frustriert darauf, in Spielen eine andere Rolle als die des Busenwunders spielen zu dürfen. Noch mal Jane: "Es ist die gleiche alte Geschichte, die wir von den veränderungsresistenten Entwicklern seit Jahren zu hören bekommen. Sie haben eine Formel, sie wissen, dass sie funktioniert, und sie wollen sie nicht verändern."

Women's Game Conference: "Die Formel verändern"

Women's Game Conference: "Die Formel verändern"

Inzwischen aber formiert sich der Gamerinnen-Widerstand, natürlich vorzugsweise im Netz. "Girl Gamers" etwa ist eine von mehreren Netz-Gemeinschaften, in denen Frauen - und Männer, die keine Angst davor haben, sich in überwiegend weiblicher Umgebung zu bewegen - auf ihre Weise über Games reden können. Über 2000 registrierte Mitglieder hat die Seite schon. Und der Tonfall in den Foren unterscheidet sich wohltuend von dem merkwürdigen Macho-Nerd-Gerede, das man auf gewöhnlichen Gamerseiten oft findet.

Interessant ist an den Diskussionen auf Seiten wie "Girl Gamers" oder "Thumb Bandits" vor allem eines: Auch die Gamerinnen selbst sind, ganz im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants, noch stark damit beschäftigt, sich selbst zu definieren. Von Geschlechtsgenossinnen fühlen sie sich verlacht und unverstanden, von den oft testosteronvernebelten Anfeindungen männlicher Gamer abgestoßen.

"Ich muss mich immer beweisen, bevor mich ein männlicher Gamer ernstnimmt", schreibt eine Forumsteilnehmerin bei "Girl Gamers". Auch sexistische Anfeindungen, beschweren sich viele, seien in Onlinespielen immer noch an der Tagesordnung.

"Böse Anti-Girl-Gaming-Strahlung" aus Barbiespielen

Viele Diskussionen drehen sich aber genau um die Frage, die die Industrie auch umtreibt: Was für Spiele wollen Frauen eigentlich? Die "Thumb Bandits" beantworten diese Frage elegant, indem sie nicht eine Hitliste mit Lieblingsspielen von Frauen veröffentlichen, sondern zwei: Eine für Anfängerinnen, und eine für Veteraninnen.

In der ersten stehen die üblichen Verdächtigen, die immer genannt werden (auch bei der WGC) wenn es um frauengerechte Spiele geht: Natürlich die Sims, Bewegungs- und Tanzspiele für Konsolen, der sofort zugängliche Klassiker Tetris und Tomb Raider, mit der Mutter aller Spiel-Heldinnen Lara Croft - auch wenn die eher zur "Ballonbrust"-Fraktion gehört.

PSP-Pornographie aus Japan: Die Herren begreifen nicht

PSP-Pornographie aus Japan: Die Herren begreifen nicht

Der zweiten Liste ist die Bemerkung vorangestellt, dass Spielerinnen auch weiterhin nur hoffen können, "dass eines Tages alle Spiele die Wahl bieten werden, männliche ODER weibliche Figuren zu spielen".

Was dann kommt, hat mit dem Klischee rein gar nichts mehr zu tun: Der Shooter Halo 2 steht ebenso auf der Liste wie die Horrorserie Resident Evil und das Rennspiel Burnout 3. Die Autorinnen klagen, dass "Barbie-Spiele und Olsen-Zwillinge-Spiele" immer noch das öffentliche Bild bestimmten und dass deshalb "Spiele für Mädchen unter acht Jahren ihre böse Anti-Girl-Gaming-Strahlung auf alle Mädchen über diesem Alter ausbreiten".

Die Wünsche der Frauen, die die Schwelle zur fremden Welt des Daddelns schon überschritten haben, fasst die Bloggerin "Regina" im progressiven Gameblog "Playgressive" schlicht zusammen: "Wir wollen gute Spiele, nicht unbedingt Mädchenspiele! Ein mieses Mädchenspiel ist immer noch ein mieses Spiel."

Dafür, dass tatsächlich bessere Spiele dabei herauskommen könnten, sprechen auch die aktuellen Zahlen über Spielerinnen weltweit. Besonders die Europäerinnen, zeigt sich da, haben noch einiges aufzuholen: In den USA stellen Frauen schon 39 Prozent der Daddler, in Japan knapp 37 Prozent, in Korea sind die Damen sogar in der Mehrheit: Fast zwei Drittel der Gamer dort sind weiblich. Im alten Europa stellen die Damen nur ein Viertel der Spieler.

Und: Die Gamerinnen sind deutlich älter, als ihre männlichen Pendants, nämlich im Schnitt zwischen 30 und 35. Anspruchsvolle Spiele für diese Gruppe, die mehr will als ballern - das wäre sicher für alle Gamer ein Gewinn. Auch für die männlichen.

Diesen Artikel...
Forum - Spielewelten - Sind Games grundsätzlich männlich?
insgesamt 228 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
L. Schmidt, 06.06.2005
---Zitat von sysop--- Wie könnten weibliche Welten für Gamerinnen aussehen? ---Zitatende--- Vielleicht so? http://www.diesims.de/ Diese Cyber-Puppenhaus-Lebenssimulation ist zumindest derzeit das PC-Spiel mit den unbestreitbar höchsten Frauenanteil..
2.
DJ Doena 06.06.2005
Das Problem mit Computerspielen ist, das sie Anfangs von Männern für Männer gemacht wurden. Auch sind die meisten Genre eher männertypisch ausgelegt (Autorennen, Taktik und Ego-Shooter). Wie vom Vorposter erwähnt, sind die Sims sehr beliebt bei Frauen. Eigentlich überhaupt alles, was von einem Brettspiel abgleitet wurde (Monopoly, Siedler von Katan, ...) sowie die von MS mitgelieferten Kartenspiele Hearts und Solitär.
3. männliche spiele?
tigre, 06.06.2005
wenn man sich mal die flut an konsolenspielen anguckt, ist die frage schon berechtigt. die sims sind nur ein beispiel. generell glaub ich allerdings, dass frauen auch gerne spielen. ich kenn da so einige, gegen die hab ich bei tekken keine chance, nicht das ich schlecht spiele, aber frauen können genauso ehrgeizig und spielesüchtig sein. nur weil uns seit je her durch die medien eingetrichtert wird, dass es immer nur männer sind, die gerne spielen. mit technischen geräten werden immer zuerst männern in verbindung gebracht, schon mal aufgefallen? es gibt ja genug beispiele (filme, serien), wo die freundin den 14 jährigen helden anhimmelt, weil er die welt mit seinem amiga rettet, oder so ähnliche szenarien.. selbst bei strange days) aber vielleicht wollen frauen einfach nur lieber in der realen welt leben und vielleicht sind es die männer, die sich schneller in ihre fantasiewelt zurückziehen, um macht auszuüben, oder ähnliches.. (ich gebs ja zu, bei GT4 bin ich auch schneller als schumi..;-)) ein consolero
4.
Anna Föglein 06.06.2005
---Zitat von sysop--- Frauen mögen keine Action, Games am PC und an der Konsole sind eine männliche Domäne - so das verbreitete Vorurteil. Männer designen Spiele allerdings vornehmlich für Männer. Fehlen weibliche Designer, um den Spielen neue Impulse zu geben? Wie könnten weibliche Welten für Gamerinnen aussehen? ---Zitatende--- Wie Tekken, Starcraft, GTA, X-Wing, Monkey Island, Half-Life und der ganze Rest. Als besonders männerspezifisch habe ich diese Spiele wirklich nicht empfunden. Was mir wirklich Schwierigkeiten macht, ist Descent, Doom1&2 und einige Maps bei Counterstrike - da versagt meine Orientierung, ich bräuchte mehr eindeutige Landmarken. Aber da jede/r Spieler/in (sorry, einmal musste sein) die eine oder andere Schwäche hat, ist das für mich weniger ein frauen- als ein persönliches Problemchen. Ich denke nicht, dass Frauen keine Spiele mögen - sie werden nur nicht dazu ermuntert, wie die Jungs. Computerspielen passt oft nicht so in die "hihi, wie schöner pinker Lipgloss" Zickchenwelt wie es das bei den gleichaltrigen möchtegerncoolen Jungs tut; da fangen eben weniger Mädchen überhaupt zu spielen an. Ob das so schlimm ist?
5. gamegebrösel
Doc_Bienlein, 07.06.2005
Also mir geht dieses Frauen- Männergebrösel ja schwer auf die Nieren. So extrem verschieden sind die Geschlechter letztlich auch nicht und zum Glück sind sie - auch nicht ganz genau gleich! Ich (männlich) mag beispielsweise Ballergames überhaupt nicht und spiele fast nur Simulationen. Meine Frau (ja, ich bin verheiratet) hat es eher mit den Ballergames. Allerdings mag sie die "Balloon"-Frauen genauso wenig wie ich. Stimmt! Aber es geht doch viel mehr ums Spiel, als um die Charaktere. Spielen macht Spass und sollte gesellschaftlich nicht immer so geächtet oder belächelt werden. Unser Sohn (ja wir haben ein Kind) mag die Ballergames auch. Ist doch besser er ballert jetzt im Game rum - dann muss er nämlich später nicht mehr ... Blöde, aufgeblasene Hysterie um die ganze Game-Kultur! Game ist Game. Leben ist Leben. Punkt. Mein Lieblingsgame ist übrigens auf dem Netz zu finden: hattrick.org (Boah, böser Mann - eine Fussballsimulation!) Und ich träume sogar davon! Träumen! Denn: Leben ist Leben! Game over!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: