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Game Bytes: Was Karl Marx mit Solitaire zu tun hat

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Elektronische Arbeitsplätze sind voller Versuchungen. Ein US-Senator hat jetzt einen der größten Zeitvernichter ausgemacht: Solitaire. Lesen Sie in den Game Bytes, was der Politiker gegen das elektronische Kartenlegen tun will, was das mit Karl Marx zu tun hat - und wer das Spielen im Büro einst erfand.

Karl Marx: Solitaire gegen Entfremdung?
AP

Karl Marx: Solitaire gegen Entfremdung?

Kein Zweifel: Ein ordentlicher Prozentsatz der Leser dieses Textes ist in Wahrheit gerade bei der Arbeit. Ein Computerarbeitsplatz ist ein verführerischer Ort im Zeitalter der elektronischen Unterhaltung und Information. Manche Arbeitgeber blockieren bestimmte Webseiten für ihre Angestellten, andere benutzen eigens entwickelte Software, um dem teuer bezahlen Humankapital auf die Finger zu schauen, damit nicht so viel Zeit für private E-Mails und zeitfressende Flash-Games verschwendet wird.

Im US-Staat North Carolina hat man jetzt entdeckt, dass der Feind nicht im Netz sitzt, sondern im Innersten, auf den amtlichen Festplatten. Vorinstalliert, leicht zu bedienen, extrem suchtgefährdend: Das Kartenspiel Solitaire, fürchtet Senator Austin Allran, zerstört die Produktivität der Staatsdiener. Von den 50.000 Rechnern, die in der Verwaltung von North Carolina im Einsatz sind, sollen deshalb nach seinem Vorschlag die mitgelieferten Spielebündel verschwinden - auf dass Minensuchen und Kartenlegen dem Bürger nicht weiterhin geldwerte Stechuhr-Zeit stehlen. "Das erste Anti-Solitaire-Gesetz des Landes" sieht die Zeitung "Christian Science Monitor" am Horizont heraufziehen.

"Psychischer Genuss" gegen Entfremdung

Senator Allran verspricht sich Einsparungen in Millionenhöhe. Der "Christian Science Monitor" dagegen zitiert einen Sozialogen namens Bill Snizek von der Virginia Tech University, der Solitaire auf verblüffende Weise in einen marxistischen Kontext stellt: Im 19. Jahrhundert hätten Arbeiter im monotonen Fabriksystem "einen beträchtlichen Teil ihrer Identität" eingebüßt.

Von dem, was bei Marx "Entfremdung" hieß, schlägt Snizek dann den Bogen zum Point-and-Klick-Bummelstreik der modernen Rechner-Lohnsklaven: Er fragt, ob "psychischer Genuss", den Angestellte durch gelegentliche, offiziell verordnete Spiel-Zeiten erlangen könnten, "die verlorene Identität und den verlorenen Stolz auf die Arbeit zum Teil wettmachen kann". Ein bisschen erinnert das an Otto Waalkes' alten Vorschlag, Fließbandarbeit durch "bunte Schraubenzieher" zu versüßen.

Flut von Nachahmungs-Präsidenten-Ermordungen?

Solitaire: Bunter Schraubenzieher fürs Büro

Solitaire: Bunter Schraubenzieher fürs Büro

Videospiel-Gesetzgebung ist in Nordamerika im Augenblick ohnehin ein großes Thema: Nicht nur in North Carolina sondern auch in Michigan, Illinois und Kalifornien werden derzeit Gesetze verhandelt, die Verschärfungen der Kontrolle von Videospielverkäufen erreichen sollen. Auch jenseits der Grenze in Kanada wird über solche Regelungen nachgedacht, in zwei Provinzen sind sie bereits verabschiedet.

Dabei geht es allerdings nicht um mit Kartenlegen vergeudete Arbeitszeit, sondern um die Abgabe von Spielen für Erwachsene an Kinder. Die bisherigen Kontrollen reichten nicht aus, Händler, die Altersbeschränkungen nicht einhielten, müssten stärker belangt werden können, so die Verfechter der Verschärfungen.

Um die Wichtigkeit dieser durchaus löblichen Absicht zu unterstreichen, vergleicht der kalifornische Abgeordnete Leland Yee Computerspiele mit Pornographie, Zigaretten und Alkohol, vor denen Kinder ja auch geschützt werden sollten. Man dürfe nicht erlauben, dass Minderjährige Spiele kaufen könnten "die ihnen genau die Sachen beibringen, für die wir Leute ins Gefängnis stecken", sagte er gegenüber Reuters.

Yee führte dann Beispiele für Spielinhalte an, die nun wirklich nicht kindgerecht sind: "Frauen misshandeln, Straßengangs beitreten, Polizisten töten oder sogar Präsident Kennedy ermorden." Letzteres, kommentiert die Branchenseite Gamesindustry.biz gehässig, sei vermutlich ein Verweis auf "eine Flut von Nachahmungs-Präsidenten-Ermordungen, von der wir bis jetzt gar nichts wussten".

Space War (PDP-1 Restoration Project): Multiplayer von 1961

Space War (PDP-1 Restoration Project): Multiplayer von 1961

Aber zurück zu Marx und Solitaire: Dass Computerspiele am Arbeitsplatz nicht nur Entfremdung bekämpfen, sondern durchaus Produktivität herstellen können, zeigt die gesamte Frühgeschichte dieses inzwischen so profitablen Industriezweigs. Schon fast so lange, wie es Computer gibt, gibt es auch Computerspiele. Und viele, die solche Spiele entwickelt haben, hätten in dieser Zeit eigentlich etwas ganz anderes machen sollen.

Zum Beispiel ein paar Studenten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), die in den Sechzigern in der privilegierten Situation waren, einen PDP-1 programmieren zu dürfen. Der hieß zwar "Minicomputer", war aber in etwa so groß wie ein Kühlschrank. Derzeit bemüht man sich am Computer History Museum im kalifornischen Mountain View darum, einen alten PDP-1 wieder zum Laufen zu bringen.

Das Ur-Game vom MIT wirkt heute noch modern

1961 sollten Martin Graetz und einige andere Studenten eigentlich Differentialgleichungen mit dem "Minicomputer" lösen. Stattdessen entwickelten sie Space War, das möglicherweise erste Computerspiel der Welt. Über die Frage, wer denn nun wirklich zuerst da war, wird mancherorts mit religiösem Eifer gestritten, eins ist sicher: Pong kam erst später - auf den Markt sogar erst in den Siebzigern.

Space War wirkt mit seiner schlichten Spielmechanik auch heute noch modern - und es ist ein Multiplayer-Spiel. Zwei Spieler treten in Raumschiffen gegeneinander an, die um eine zentrale Gravitationsquelle kreisen. Wer den andern zuerst abschießt und es gleichzeitig vermeidet, ins schwarze Loch in der Bildschirmmitte gezogen zu werden, gewinnt. Die Gravitations-Simulation und die simple Steuerung inspirierten später zahlreiche andere Spieldesigner - etwa auch die des C64-Low-Budget-Klassikers Thrust.

Wenn Ihr Arbeitgeber Ihnen also Solitaire von der Festplatte geräumt hat, Ihr Internetzugang aber noch funktioniert, holen Sie sich doch in einem unbeobachteten Moment mal einen Kollegen an die Tastatur und spielen hier eine Runde Original-Space-War.

Gegen die Entfremdung.

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