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Gamecity HH: Hamburg wirft Vorurteile gegen Computerspiele über Bord

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Pickelige Jungs, verroht und verwahrlost - und Schuld daran sind vor allem Computer- und Videospiele. So lautet das Credo vieler Politiker. Ganz anders in Hamburg: In der Hansestadt wird die Game-Entwicklung nun erstmals mit öffentlichen Geldern gefördert.

"Computer- und Videospiele sind längst ein bedeutender Bestandteil der Jugendkultur", sagt Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) - und würde damit bei vielen Gamern vermutlich auf Widerstand stoßen, die das Wort "Jugend" in diesem Zusammenhang ganz und gar überflüssig finden. Aber immerhin - Hamburgs Senat erkennt die wirtschaftliche Bedeutung von Computer- und Videospielen an. Das ist mehr, als man von vielen anderen Bundesländern behaupten kann. Und noch in diesem Jahr will der Senat anfangen, tatsächlich Geld in die Hand zu nehmen, um dafür zu sorgen, dass die Wachstumsbranche auch in Hamburg wächst.

"Das kreative Potential, das notwendig ist, um die Branche durch wegweisende Produkte voranzubringen, liegt auch bei kleinen Unternehmen", erklärt Uldall auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, "und genau diesen möchten wir durch die Prototypen-Förderung den Markteintritt erheblich erleichtern". Prototpyen-Förderung heißt: Entwicklerstudios, die in Hamburg ansässig sind, können jetzt den ersten Schritt auf dem Weg zum fertigen Spiel mit öffentlichen Geldern vorfinanzieren.

Bis zu 100.000 Euro pro Projekt will Hamburg als zinsloses Darlehen zur Verfügung stellen, damit das gebastelt werden kann, was man als unabhängiger Spieleentwickler braucht, um einen Verleger zu finden: Einen spielbaren Level zum Beispiel, mit dem man einen internationalen Publisher davon überzeugen kann, dass er das geplante Produkt weiterfinanzieren - und schließlich auch verkaufen - soll. Gefördert werden kann theoretisch alles, vom PC- bis hin zum Handyspiel.

Die Gelder würden mit Hilfe eines "Fachgremiums" verteilt, so der Senator, "zusammengesetzt aus langjährig erfahrenen Entscheidern und Professionals aus der Spielebranche". Im Oktober soll sich dieser Spielerat zum ersten Mal treffen. Nicht alles darf jedoch gefördert werden - und da wird es in den kommenden Jahren wohl heftige Debatten über Grenzziehungen geben. "Gewalt verherrlichende oder verharmlosende, pornografische, volksverhetzende oder Spiele mit rassistischem Inhalt sind explizit von der Förderung ausgeschlossen", sagt Uldall - wo aber die Gewaltverherrlichung anfängt, sieht der eine oder andere Entwickler vermutlich anders als Verwaltungsbeamte.

"Moderner, medienkompetenter Umgang"

Gerade innerhalb der Union wird das Thema Games gerne unter der von Bayerns Innenminister Beckstein ersonnenen Überschrift "Killerspiele" verhandelt - dennoch bestreitet Uldall, dass im Vorfeld ideologische Hürden zu überwinden gewesen seien: "Die Entwicklung und Umsetzung des Förderungsmodells ist auf keine Vorbehalte gestoßen. Ein moderner, medienkompetenter Umgang mit dem Thema macht ein Engagement in der Spielebranche genauso selbstverständlich wie in angrenzenden Entertainment-Bereichen."

Erfolgreiche Game-Serie aus Deutschland: "Anno" von der Firma Sunflowers aus Heusenstamm bei Frankfurt/Main.
sunflower.de

Erfolgreiche Game-Serie aus Deutschland: "Anno" von der Firma Sunflowers aus Heusenstamm bei Frankfurt/Main.

Zwar fördern auch andere Bundesländer auf die eine oder andere Art Spielentwickler, etwa über den Umweg der Filmförderung. Aber was Hamburg nun vorhat, "das ist in dieser Form ein neuer Ansatz", sagt Malte Behrmann vom Bundesverband der Entwickler von Computerspielen G.A.M.E., "grundsätzlich ist das super."

Insgesamt ist der Anteil am Spiele-Weltmarkt, den deutsche Studios halten, verschwindend gering. Dass die Politik da geschlafen habe, verneint Uldall aber: "Gerade wir in Hamburg haben doch gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Bereits seit zwei Jahren bauen wir unsere Unterstützung für die Games-Branche sukzessive aus."

Bislang ist dies allerdings vor allem durch Networking geschehen - so organisiert der sogenannte Arbeitskreis Games regelmäßig Treffen für die ansässigen Entwickler und andere Interessierte. Die zinslosen Darlehen stellen da eine neue Qualität dar - bleibt abzuwarten, ob Hamburg sich nun zum deutschen Game-Mekka entwickelt. Rund 100 Unternehmen, die mit der Branche im Zusammenhang stehen, sind einer Studie der Universität Hamburg zufolge hier ansässig - davon sind aber nur 20 Entwicklungsstudios. Wer Förderung bekommt, muss von nun an jedenfalls hierbleiben - wer innerhalb der ersten drei Förderjahre wegzieht, muss das Geld gleich zurückzahlen - samt Zinsen.

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