Gefährliche Community: Die Netzgemeinde kennt keine Gnade

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Das soziale Internet der Gegenwart macht jeden zum potentiellen Star - und zum potentiellen Hassobjekt. Schon jetzt stehen Mörder ebenso am digitalen Pranger wie ihre Opfer, über dumme Betrüger wird global gelacht. Ganz beiläufig schafft das Netz Ruhm - und zerstört Existenzen.

Analoge Daten sind flüchtig. Ein Fernsehbild etwa ist an der Quelle ein halbwegs kohärentes Bündel von Informationen - aber mit jeder Weiterleitung franst es aus. Was einmal aus der Bildröhre herausgestrahlt ist, ist weg, versendet, nicht rückverfolgbar. Ein Segen.

Karte mit den Zugriffen auf das "Broken Laptop"-Blog: Globaler Boulevard

Karte mit den Zugriffen auf das "Broken Laptop"-Blog: Globaler Boulevard

Mit digitalen Daten ist das anders. Wenn Papa sich nachts heimlich bei Kabel 1 noch einen Softcore-Streifen angesehen hat, kann das am nächsten Morgen weder der Fernseher noch die Sendezentrale ausplaudern. Klickt Papa aber nachts heimlich Pornoseiten an, hinterlässt er Spuren. Bilddateien aus dem Browser-Zwischenspeicher, Cookies und gespeicherte Web-Adressen lassen sich noch einfach löschen - bei tiefer im Inneren des Rechners gespeicherten Logfiles und Dateiresten auf der Festplatte ist das schon schwieriger. Beim Internetprovider gespeicherte Verbindungsdaten bleiben sogar vollkommen außer Papas Reichweite. Irgendwer da draußen kann ihm jederzeit nachweisen, dass er eines Nachts auf der Suche nach geilen Teens oder willigen Hausfrauen war. Dabei hat er ja eigentlich nur empfangen, nicht gesendet.

Papas Generation nutzt das Netz oft immer noch ein bisschen wie Fernsehen-on-demand - und macht sich über die hinterlassenen Spuren keine Gedanken. Die nächste Generation aber, diejenigen, die mit dem WWW aufgewachsen sind, wissen eigentlich Bescheid - scheren sich aber einen Dreck um die riesigen Löcher in dem, was einst Privatsphäre hieß. Sie senden, sie hinterlassen gezielt und absichtlich Spuren, sie möchten gesehen werden, am liebsten global. Das ist gefährlich.

Man denke nur an den  "Star Wars Kid"

Ein Zwölfjähriger kann heute innerhalb weniger Tage Weltruhm erlangen - wobei sich die Definition von Ruhm seit Warhols Zeiten verändert hat. Berühmt ist im Zeitalter des Community-Netzes nicht notwendigerweise derjenige, der in den traditionellen Medien auftaucht. Berühmt ist jemand, dessen Webseite/Video/Blog sich in den letzten drei Tagen viele Leute angesehen haben, dessen Name viele Google-Hits erbringt. Berühmt ist der, fast wie in vormedialen Zeiten, über den gesprochen wird im (globalen) Dorf.

Berühmt ist zum Beispiel Anna Svidersky - wenn auch erst posthum. Wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag wurde die US-Amerikanerin von einem Psychotiker erstochen. Ihre MySpace-Seite wurde daraufhin zur virtuellen Pilgerstätte. Weltweit begannen Teenager um das Mädchen zu trauern, das sie gar nicht gekannt hatten: YouTube-Videos verknüpften Bilder von Anna mit traurigen Liedern, es wurden ihr zu Ehren Tributseiten eingerichtet, Songs für sie geschrieben. Online-Rollenspieler kopierten Annas Gesicht von den Fotos aus ihrem Profil auf die Köpfe ihrer Spielfiguren - sehr zum Entsetzen von Annas Freunden und Angehörigen.

Anna ist nicht die Einzige - eine MySpace-Totentafel sammelt inzwischen Sterbemeldungen über alle ehemaligen Mitglieder des Portals - die Dorfbewohner, die noch leben, gönnen sich ein wohliges Gruseln.

Beunruhigende Umarmung vom anderen Ende der Welt

"Ich habe so die Nase voll von Leuten, die Dich gar nicht kennen, die Sachen von Deiner Seite klauen, das macht mich wütend", schrieb eine Freundin in die Kommentarspalte von Annas MySpace-Profil. Die anfangs vermutlich tröstende Zuwendung durch Wildfremde hat sich in eine unangenehme Umarmung verwandelt, eine beunruhigende Anteilname durch Menschen, die womöglich auf der anderen Seite des Globus wohnen. Aber Anna ist berühmt - und niemand kann etwas dagegen tun.

Berüchtigt ist  Kevin Ray Underwood aus Oklahoma. Er führte ein Weblog, unterhielt eine MySpace- und mehrere weitere private Webseiten, die kaum jemanden interessierten - bis er vor einigen Monaten eine Zehnjährige entführte und ermordete. Seine Web-Auftritte wurden zu Puzzleteilen für das Rätsel, warum jemand so etwas tut, zu einem retrospektiven Omen - und gleichzeitig zu einer Sammelstätte für den Hass, den seine Tat hervorrief. Um Underwoods digitale Spuren versammelte sich eine stetig wachsende Gruppe Schaulustiger. Fast 50.000 Webseiten findet man, wenn man jetzt seinen Namen in eine Suchmaschine eingibt.

Berüchtigt ist auch Amir T. Der Brite hat vor einiger Zeit einen Laptop online versteigert, der Käufer war jedoch nicht zufrieden mit der Ware und behauptet, das Gerät sei defekt. Amir weigerte sich, den Handel rückgängig zu machen - hatte aber die Rechnung ohne seine eigene Unvorsichtigkeit gemacht. Auf der nicht gelöschten Festplatte des Laptops fand der Käufer einiges an Interessantem: Viele Handyfotos von Frauenbeinen in Strumpfhosen in der U-Bahn zum Beispiel, ein bisschen bisexuelle Pornografie, verschiedene Varianten von Amirs Lebenslauf, Familienfotos und sogar eine Kopie von Amirs Reisepass.

Neue Regeln für Ruhm, Popularität und Schande

All das nahm der erboste Käufer und stellte es online. Weit über drei Millionen Mal ist die Seite "Der kaputte Laptop, den ich bei Ebay verkaufte" bis jetzt angeklickt worden. Die Besucher kommen von überallher, um über Amir zu lachen, von Alaska bis Neuseeland. Amir hat inzwischen die Polizei eingeschaltet. Seit die Seite online ist, sei sein Leben "die Hölle auf Erden", sagte er der britischen "Daily Mail". "Mein Vater ist sehr wütend."

Die Mechanismen des Aufschaukelns, denen das sozial organisierte Netz folgt, heben die alten Regeln von Ruhm, Popularität und öffentlicher Schande auf. Nicht nur, wer Informationen über sich selbst online stellt, begibt sich in Gefahr - auch jeder, über den irgendwo digitale Informationen existieren.

Vollrausch-Partyfotos auf der Webseite eines Bekannten, gehässige Bemerkungen im Blog der Exfreundin, vor Fehlern strotzende Hausarbeiten aus der Studienzeit - wer einem Menschen schaden will, der hat schon heute gute Chancen, im Netz Verwertbares zu finden.

Das wird zunehmen - derzeit weit über 70 Millionen MySpace-Profile stehen den Rufmördern der Zukunft als Rohmaterial zur Verfügung. Die Profis unter den Datensammlern nutzen die neue Auskunftsfreude ohnehin längst - und arbeiten an Methoden der verfeinerten Auswertung. Unternehmen wie Google und Yahoo sammeln über ihre Dienste die größten Datenbanken mit privaten Informationen an, die es auf der Erde jemals gab. Selbst wer eine E-Mail an einen GoogleMail-Account schickt, muss in Kauf nehmen, dass der Text vollautomatisch auf werberelevante Schlüsselwörter hin durchsucht wird. All das ist beunruhigend, wenn auch nicht überraschend.

Für den Privatmenschen wird es zunächst aber vor allem dann unangenehm, wenn Information über ihn so präsentiert wird, dass sie Aufmerksamkeit findet - so wie die Seite über Amirs Laptop. Unterhaltsame Fundstücke (Amir), echte Emotion (Anna) oder gruselige Einblicke (Underwood) sind eine Ware. Wer sie anbietet, dessen virtueller Sozialstatus steigt.

Sei es bei der Nachrichten-Sammelseite digg.com, bei der Nutzer News und Links einstellen und bewerten, sei es bei der Online-Bookmarksammlung del.icio.us, bei MySpace, YouTube oder einem der zahlreichen ähnlich konstruierten Webdienste, die derzeit den Fleiß und die vereinte Wucht ihrer Nutzer zum Geschäftsmodell machen: Wer etwas produziert/ausgräbt/als erster entdeckt, das auch andere interessant finden, der darf stolz auf sich sein. Er bekommt Punkte. Sein Wort gilt in Zukunft mehr.

Dieser Mechanismus spült oft Interessantes aus obskuren Quellen nach oben - folgt aber im Großen den Gesetzen des Boulevard. Eines globalen Boulevards, der sich durch nationale Presseräte und verfassungsgemäße Persönlichkeitsrechte nicht kontrollieren lässt. Auf dem kleine Lichter ebenso zum Abschuss freigegeben sind wie Angelina Jolie und Brad Pitt. Die aber haben eine Armee von Anwälten und Agenten und kaufen sich zur Not die Polizei eines afrikanischen Staates - das können die kleinen Lichter nicht. Für die wird es deshalb Zeit, auf ganz neue Art über privaten Datenschutz nachzudenken - denn mit der Flüchtigkeit der analogen Information ist es für immer vorbei.

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Forum - Ende der Privatsphäre?
insgesamt 101 Beiträge
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1.
Pfälzer, 14.06.2006
---Zitat von sysop--- Geben wir im Netz zu viel von uns preis? Wissen Geheimdienste und Großunternehmen schon jetzt zu viel über die Netznutzer? ---Zitatende--- Ich gebe nur das Preis, von dem ich will, dass es andere wissen sollten. Und Geheimdienste haben ja sowieso keine Skrupel mehr vor der Privatsphäre. Die bekommen ihre Inforamtionen auch so - die brauchen dafür nicht ins Netz.
2.
aloa5, 14.06.2006
Natürlich. Nicht umsonst hat eine amerikanische Tageszeitung (NYT ? ) alleine durch Recherchen der öffentlich zugänglichen Daten viele CIA-Mitarbeiter enttarnt. (in 2006) Online-Auktionshäuser sowie grosse Online-(Buch-)Händler gene Ihre Daten bei Bedarf an den amerikanischen Geheimdienst. Es soll sogar schon dazu gekommen sein, das jemand aufgrund eines Buch-Kaufes die Einreise in die USA verweigert wurde. Vorratsdatenspeicherung (die Daten könne auch aus den USA abgefragt werden ---natürlich NUR zur Terrorbekämpfung - dort gibt es aber keine Einschränkungen für Rasterfahnungen) macht ein übriges. Was zusätzlich ? RFID - Dinge wie Rabattkarten und Daten-Remarketing. Demnächst wird der neue Pass (die Daten) für 50ct. an Interessenten aus der Wirtschaft (vom Staat) verhökert, wenn die Verlautbarungen richtig sind. Wir sind schon jetzt offen wie ein Buch. Demnächst erhalten die Kunden schon am Eingang zu Ihrem Geschmack (durch RFID-Chips in der Kleidung) schon die passenden Sonderangebote am Stand ausgedruckt. Der Markt gehört einem amerikanischen Unternehmen und die CIA hat Deine Hosengrösse. Durch die passende Rabattkarte noch den Namen dann ein IP-Abgleich und alle Personalausweisdaten. Was bleibt ? Ausziehen ! ALOA
3.
Mischa Dreesbach, 14.06.2006
---Zitat von sysop--- Geben wir im Netz zu viel von uns preis? Wissen Geheimdienste und Großunternehmen schon jetzt zu viel über die Netznutzer? ---Zitatende--- Mir persönlich wäre es ein Rätsel, welches Interesse Geheimdienste und Großkonzerne an mir haben könnten... Jedenfalls spräche ein, wie auch immer geartetes, Interesse an meiner Person, seitens der genannten Organisationen nicht für deren Kompetenz. :)
4.
arte de la comedia, 14.06.2006
---Zitat von Mischa Dreesbach--- Jedenfalls spräche ein, wie auch immer geartetes, Interesse an meiner Person, seitens der genannten Organisationen nicht für deren Kompetenz. :) ---Zitatende--- Gut. Fangen wir mal an: "Führen Sie Tagebuch?"
5.
aloa5, 14.06.2006
---Zitat von Mischa Dreesbach--- Mir persönlich wäre es ein Rätsel, welches Interesse Geheimdienste und Großkonzerne an mir haben könnten... Jedenfalls spräche ein, wie auch immer geartetes, Interesse an meiner Person, seitens der genannten Organisationen nicht für deren Kompetenz. :) ---Zitatende--- Grosskonzerne haben Interesse an Ihrem GELD. Und Geheimdienste werten Daten aus. Wenn Sie in einem islamischen Staat waren und die Fluggesellschaft oder das Kreditkatenunternehmen, mit welchem Sie (das Flugticket oder dort etwas) gezahlt haben aus den USA kommt, sind Sie vielleicht schon gespeichert. Dann haben Sie noch bei einem bekannten Online-Buchhandel ein Buch gekauft, welches durch ein bestimmtes dort enthaltenes (gescanntes) Wort als "verdächtig" eingestuft wurde. Daraufhin hat man Sie per VDS abgefragt und mit Hilfe Ihrer IP´s und Timestamps sowie die Log´s anderer Server Ihre Internet-Besuche der letzten 6 Monate abgefragt, soweit verfügbar. Ausserdem weiss man, was Sie auf dem Flug "landestypische" arabische Speisen verdrückt haben sind Sie vielleicht so verdächtig, das man Sie nicht mehr in die USA oder andere Staaten lässt. ....nur mal so.....und das ist noch nicht alles. Rasterfahndungen sind eine TOLLE Erfindung ;)
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