Gegen Google-isierung Sechs EU-Länder für Europäische Digitale Bibliothek

Das Projekt einer Europäischen Digitalbibliothek findet immer mehr Anhänger. Nach Frankreich haben sich nun auch Deutschland und vier weitere EU-Staaten dazu bekannt. Das Projekt ist die europäische Antwort auf ein ähnliches Vorhaben von Google in den USA.


Herzogliche Bibliothek Gotha/Thüringen: Kulturelles Erbe Europas erhalten
DPA

Herzogliche Bibliothek Gotha/Thüringen: Kulturelles Erbe Europas erhalten

Es ginge darum Europas einzigartiges Kulturerbe zu bewahren, schreiben die Vertreter von sechs EU-Regierungen in einem Brief an EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und den EU-Ratspräsidenten Jean-Claude Juncker. Die Digitalisierung solle das in europäischen Bibliotheken gesammelte wissenschaftliche und kulturelle Erbe im Internet verfügbar machen.

Die Initiative für eine Europäische Digitale Bibliothek hatte Frankreichs Präsident Jacques Chirac gestartet. Zu den Unterstützern gehören nun auch Deutschland, Polen, Italien, Spanien und Ungarn. Es gehe darum, den Platz Europas in Wissenschaft und Kultur zu sichern, heißt es in dem von Chirac und Gerhard Schröder initiierten Brief. Der EU wird empfohlen, bereits begonnene Digitalisierungsprojekte von Bibliotheken aufzugreifen und zusammenzuführen.

Vor allem in Frankreich fürchtet man eine Google-isierung der Welt des Wissens und den Verlust nationaler Kultur. Der weltweit führende Suchmaschinenbetreiber Google hatte bereits Ende 2004 damit begonnen, die Bestände der führenden englischsprachigen Universitätsbibliotheken Harvard, Stanford, Michigan State und Oxford zu digitalisieren. Google-Nutzer sollen so schon bald Zugriff auf Milliarden Buchseiten bekommen. Die Europäische Digitale Bibliothek ist die Antwort auf das Google-Projekt, das in erster Linie englische Bücher erfasst.

Der Präsident der französischen Nationalbibliothek, Jean-Noël Jeanneney, hatte in der Zeitung "Le Monde" erklärt, das Ende des denkenden Europas sei nahe. Das dominante Amerika zwinge dem Rest der Welt seine Sprache auf, klagte Jeanneney, um schließlich den jahrhundertealten Wissensschatz der Europäer unzugänglich zu machen. Die gigantische Digitalisierungsaktion Googles werde jungen Surfern vorgaukeln, dass auf der Welt nur noch englische Bücher existierten.

Die EU-Digitalisierungsinitiative wird auch von 19 Nationalbibliotheken unterstützt. Die groß angelegte Datenerfassung des Kulturerbes der Alten Welt benötige eine straffe Koordination von Seiten der EU, erklärten die Bibliotheksvertreter am Mittwoch in einem Statement. Selbst die British Library aus London stellte sich hinter das Projekt, ohne die Stellungnahme jedoch zu unterzeichnen.



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