Geheimdienst 2.0 US-Behörden basteln an MySpace für Spione

MySpace, Facebook, jetzt kommt A-Space. Der oberste Geheimdienstler der USA will ein social network für Spione gründen. Über die Schlapphut-Community sollen befreundete Nachrichtendienste ihre Informationen austauschen. Doch die Geheimniskrämer sind skeptisch.


"Willst du mein Freund sein?" - kaum ein Satz hat in den vergangenen Jahren eine so vollständige Bedeutungs-Deflation erlebt wie dieser. Konnte man die Zahl seiner Freunde früher gemeinhin an den Fingern ablesen, gilt auf den Social-Network-Plattformen nur der etwas, der Zehntausende davon vorweisen kann.

Äußerst zurückhaltend mit Kontakten war seit eh und je eine andere Community, die gerade erst entdeckt, dass das vernetzte Schwatzen auch Vorteile haben könnte: die Geheimdienste. Einst oft gar in Kaderstrukturen organisiert, damit sich Agenten nicht gegenseitig verraten konnten, lernen die gerade, miteinander zu reden. Jetzt wird ihnen laut "Financial Times" von der US-Regierung ein eigenes social network spendiert: "A-Space", eine Art Facebook oder MySpace für Geheimniskrämer - und die Chefs der Erfolgs-Communitys sollen mitwirken. Für kommenden Monat sind sie laut "FT" von dem zuständigen Director of National Intelligence (DNI), Mike McConnell, zu einer Diskussionrunde über das Projekt eingeladen.

Die reden notorisch wenig miteinander, was zwar mitunter Leben schützt, der Arbeit und den gemeinsamen Zielen aber nicht unbedingt zuträglich ist. Zumal in einem Land wie den USA, wo sich noch die hinterletzte Behörde einen eigenen Geheimdienst leistet. Allein in der 1981 gegründeten United States Intelligence Community sollen sich eigentlich 15 verschiedene Geheimdienste fleißig austauschen - von der CIA und der berüchtigten NSA bis hin zur IN (dem Geheimdienst des Energieministeriums) oder der OIA (dem Spionageapparat des Finanzministeriums).

Geheimdienst 2.0

Das aber tun sie nicht genügend, wie erhebliche Kommunikationspannen rund um die Anschläge des 11. September 2001 bewiesen. Jetzt also sollen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber fleißig miteinander kommunizierend die "Firewalls zwischen den traditionell" verschwiegenen Organisationen niedergerissen werden. Dass sich die Geheimdienste dabei an einem Modell wie MySpace orientieren, erscheint weniger naheliegend, als nähmen sie sich Wikipedia zum Vorbild: Gemeinsam an einem Wissenstand zu arbeiten, böte sich an.

So etwas gibt es allerdings seit längerem. Die sogenannte, von der CIA begründete Intellipedia wächst und wirkt bereits seit Spätsommer vergangenen Jahres, genügt den Anforderungen allein aber offenbar nicht. Networking-Konzepte wie MySpace sind geeigneter, um thematische Pools zu bilden, virtuelle Arbeitsgruppen oder Expertenkreise.

An so etwas, berichtet die von John McConnell geführte Geheimdienstbehörde DNI, die direkt im Kabinett Bush vertreten ist und der die Dienste der Intelligence Community unterstellt sind, hätten auch befreundete Geheimdienste durchaus Interesse.

Eine Kooperation habe sich aber bisher nicht ergeben, weil die Mentalität des Gebens und Nehmens nicht der von traditionellen Geheimdiensten entspricht: Anfragen, ob ein Zugang erlaubt wird, würden vom DNI freundlich mit einem "Aber ja, und was bringt ihr an Informationen ein?" beantwortet. Das aber führe dazu, dass die potentiellen Partner sich zurückziehen würden.

Doch auch innerhalb der Dienste gebe es Sicherheitsbedenken gegen das Projekt, dass nicht zuletzt auch den elektronischen Kommunikationsfluss über zum Teil inkompatible interne Systeme hinaus erleichtern soll. Manche Geheimdienstler befürchten, berichtet die "FT", dass ihre Tarnung auffliegt oder dass Doppelagenten die Informationen aus dem Netzwerk absaugen und an den Gegner weitergeben.

Ein einwand, über den sich die DNI nicht hinwegsetzen will: Vorerst bleibe die Teilnahme am A-Space darum freiwillig.

pat



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