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Geheimes Irak-Video: Ex-Hacker soll WikiLeaks-Quelle an Militär verpfiffen haben

Das US-Militär hat einen Soldaten festgenommen, der geheimes Videomaterial an die Web-Plattform WikiLeaks weitergegeben haben soll. Nun erklärt ein ehemaliger Hacker, er habe den Mann an die Behörden verraten. Die WikiLeaks-Betreiber widersprechen seiner Darstellung allerdings vehement.

WikiLeaks

Hamburg/Washington - Ein Soldat, der das Aufsehen erregende Video von einem Einsatz amerikanischer Kampfhubschrauber im Irak an die Web-Seite WikiLeaks weitergegeben haben soll, wurde verhaftet. Das hat das US-Militär am Montag offiziell bestätigt.

Zuerst hatte das Magazin "Wired" von der Festnahme berichtet, konnte aber keine Bestätigung offizieller Stellen vorweisen. Bereits vor zwei Wochen sei der 22-jährige Analyst Bradley M. festgenommen worden, teilte nun ein Pentagon-Sprecher mit. M. stehe unter Verdacht, geheime Dokumente und Videos weitergegeben zu haben, hieß es. Wo er festgehalten wird, gaben die Militärs nicht bekannt. Möglicherweise sitzt er in einem Militärgefängnis in Kuwait.

M. soll WikiLeaks unter anderem ein Video zugespielt haben, auf dem zu sehen ist, wie US-Militärhelikopter auf eine Menschengruppe auf einem Platz in Bagdad schießen. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben. Unter den Opfern waren zwei Mitarbeiter von Reuters. WikiLeaks hatte das Video, das von der Bordkamera eines der Hubschrauber aufgezeichnet worden war, Anfang April veröffentlicht und damit einen Sturm der Entrüstung über das Vorgehen der US-Piloten ausgelöst.

"Ich wollte nicht, dass noch einmal FBI-Agenten an meine Tür klopfen"

Der ehemalige Hacker Adrian Lamo erklärt nun, er habe die Behörden über die Weitergabe des Videos informiert. M. habe ihm gegenüber mit dem Coup prahlen wollen, behauptet Lamo gegenüber der BBC. Lamo, der früher selbst als Hacker Schwachstellen, beispielsweise auf den Web-Seiten der "New York Times" oder von Yahoo, aufdeckte, arbeitet heute als Journalist und Sicherheitsberater, seit er einmal vom FBI aufgespürt und später zu einer Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

M. habe ihn per E-Mail und MSN-Chat kontaktiert, erklärt Lamo. So etwas geschehe regelmäßig, weil sich viele Leute ihm gegenüber mit Hack-Erfolgen brüsten wollen, so Lamo. Normalerweise würde er solche Kontaktversuche ignorieren, die Schilderungen des Soldaten hätten ihn jedoch aufhorchen lassen. Er habe sich in diesem Fall genau an die Regeln halten wollen. "Ich wollte nicht, dass noch einmal FBI-Agenten an meine Tür klopfen."

Die Entscheidung, M. zu verpfeifen, sei ihm dennoch äußerst schwer gefallen, behauptet Lamo. Viele Leute würden ihn nun als Spitzel bezeichnen. "Ich hoffe, er bekommt wie ich eine zweite Chance", sagte Lamo der BBC.

Angebliche Sicherheitslücken beim US-Militär

Interessant sind dabei auch Lamos Schilderungen von den Tricks, mit denen M., der auf einer Basis in der Nähe von Bagdad stationiert war, die Geheimdokumente aus dem militärischen Sicherheitsbereich geschmuggelt haben soll. Die geheimen Aufzeichnungen waren demnach in einem verriegelten Raum abgelegt, zu dem man nur nach Eingabe eines Passcodes Zutritt bekommt. Laut Lamo soll M. aber behauptet haben, er habe einfach an die Tür geklopft, woraufhin man ihn eingelassen haben.

Um die Geheimdaten unbemerkt herausschleusen zu können, habe M. einen CD-Rohling als Musik-CD getarnt, diese unauffällig in das Laufwerk eines Computers eingeschoben und dann heimlich Dokumente und Videos darauf gebrannt - während er mit einem Kopfhörer so tat, als würde er Musik hören. Auf diese Weise soll er unter anderem das berühmte Helikopter-Video und insgesamt 260.000 geheime Nachrichten von US-Botschaften entwendet und auf die WikiLeaks-Server geladen haben.

WikiLeaks warnt vor Lamo

Die WikiLeaks-Betreiber widersprechen dieser Darstellung allerdings vehement. Zumindest die Angabe, sie hätten eine solche Zahl geheimer Botschaftsdokumente zugespielt bekommen, sei "inkorrekt", teilen sie über das Twitter-Konto von WikiLeaks mit. Auch die Identität desjenigen, der ihnen das Video überspielt hat, könnten sie nicht bestätigen. "Wir speichern nie persönliche Daten unserer Quellen", heißt es im Twitter-Feed.

Vor allem aber raten die WikiLeaks-Betreiber zur Vorsicht im Umgang mit Adrian Lamo, der sich so offenherzig zu seiner Hilfestellung für das Militär bekannt hat. Per Twitter schreiben sie: Er sei ein notorischer Verbrecher, Informant und Manipulator. "Journalisten sollten vorsichtig sein."

WikiLeaks ("leak" ist Englisch für "lecken, Leck schlagen") ging im Januar 2007 online. Die Seite gibt Insidern eine Plattform, die Geheimnisse ausplaudern wollen. Die Dokumente, die Quellen auf der Seite der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, behandeln ein weites Themenspektrum von Giftmüll-Verklappung in Afrika bis zu Enthüllungsberichten über Scientology. 2008 wurde die Seite vom britischen "Economist"-Magazin mit dessen Preis für Neue Medien ausgezeichnet. Ende vergangenen Jahres hatte WikiLeaks erhebliche Geldprobleme und stellte zwischenzeitlich alle Aktivitäten ein.

mak

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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1. Wieso wurden nicht die zynischen Schützen festgenommen?
Emil Peisker 07.06.2010
Zitat von sysopDas US-Militär hat einen Soldaten festgenommen, der Geheimmaterial an die Web-Plattform WikiLeaks weitergegeben haben soll. Nun erklärt ein ehemaliger Hacker, er habe den Mann an die Behörden verraten. Die WikiLeaks-Betreiber widersprechen seiner Darstellung allerdings vehement. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,699257,00.html
Wieso wurden die zynischen Schützen, die die Morde an den Journalisten durchführten und behaupteten, es handele sich um gefährliche Terroristen, die sofort eliminiert werden müssten, nicht festgenommen?
2. Weiß man nicht
hundl 07.06.2010
Naja, man weiß nicht ob die Meldung nicht einfach ein Versuch ist, zukünftigen WikiLeaks Informanten Angst zu machen. Daran glaube ich nämlich eher. Unabhängig davon bleibt die ganze Sache eine unglaubliche Sauerei.
3. Amerika kann Stolz auf diesen Mann sein.
chu84k4 07.06.2010
Zitat von Emil PeiskerWieso wurden die zynischen Schützen, die die Morde an den Journalisten durchführten und behaupteten, es handele sich um gefährliche Terroristen, die sofort eliminiert werden müssten, nicht festgenommen?
Genau das frage ich mich auch. Der couragierte Soldat, der diese Schweinerei nicht gewissenlos Verschweigt, sollte für seine Aufrichtigkeit und Mut geehrt werden. Wenn nicht vom amerikanischen Militär, dann von zivilen Organisationen. Vielleicht verhilft ihm der Blick der Öffentlichkeit zu einem gerechten Gericht. Er hat viel Mut bewiesen, ganz im Gegensatz zu den offensichtlich schießgeilen Soldaten und denen, die diese Decken und den Vorfall unter den Teppich kehren (wollten). Sie sind diejenigen, denen man den Prozess machen sollte. Danke WikiLeaks. Danke mak.
4. Da bleiben Fragen
Bokurano 07.06.2010
Denn: 1. Wieso werden die Soldaten nicht bestraft? Schließlich haben sie ohne grund Menschen getötet. 2. Seit einiger Zeit versucht die US-Regierung bzw. das US-Militär/Geheimdienste Wikileaks auszuschalten. Da dies aber durch direkte Angriffe zu auffällig wäre und somit widerstand drohen würde, versucht man halt jetzt die Glaubwürdigkeit bzw. möglichen Informanten Angst zu machen. Man kann dem Militär da nicht trauen, es könnte nur ein Versuch sein, möglichen Informanten Angst zu machen, wenn ihr da Infos hinsendet, werdenw ir euch sicher finden und bestrafen und so. Das nen lächerlicher versuch Wikileaks zu schwächen.
5. Frage aller Fragen
albgardis 07.06.2010
Zitat von Emil PeiskerWieso wurden die zynischen Schützen, die die Morde an den Journalisten durchführten und behaupteten, es handele sich um gefährliche Terroristen, die sofort eliminiert werden müssten, nicht festgenommen?
Genau das ging mir beim Lesen auch durch den Kopf. Einfach unbegreiflich, dass diese Frage nicht einmal angeschnitten wurde im Artikel. Das sind Moerder, ganz klar, und ich finde es unfassbar, dass hier auf solchen Nebensaechlichkeiten herumgeritten wird. Komisch, dass ich erst heute hier im SpOn ueberhaupt von der Geschichte erfahre! Ich haette doch zu gerne gewusst, wie unser neuer Messias im Weissen Haus das erklaeren moechte... habe jedoch ueberhaupt nichts gewusst von dieser Sache bis eben.
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