Gema-Streit: Was das YouTube-Urteil bedeutet

Von

Wer hat gewonnen im Rechtsstreit zwischen Gema und YouTube? Werden bei der Plattform nun weniger Beiträge gesperrt - oder mehr? Warum sind einige Musikvideos problemlos abrufbar? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum YouTube-Urteil.

YouTube: Die Google-Tochter darf einige von der Gema beklagte Titel nicht mehr zeigen Zur Großansicht
DPA

YouTube: Die Google-Tochter darf einige von der Gema beklagte Titel nicht mehr zeigen

Wer hat denn nun gewonnen, die Gema oder YouTube?

Die sehr naheliegende Frage zum Urteil des Hamburger Landgerichts ist am schwersten zu beantworten. Beide Parteien haben verloren und gewonnen. Die Gema wollte, dass das Gericht YouTube als Inhalteanbieter haftbar für von Nutzern hochgeladene Inhalte macht. Hätte das Gericht so entschieden, hätte YouTube womöglich für Rechtsverstöße in der Vergangenheit Schadensersatz zahlen müssen.

So radikal ist die Hamburger Entscheidung nicht ausgefallen. YouTube haftet nur als Störer für die von Nutzern hochgeladenen Clips, die Rechte von Gema-Mitgliedern verletzten. Störerhaftung bedeutet eigentlich: Die Plattform ist erst dann verantwortlich für Rechteverletzungen der Nutzer, wenn jemand die Plattform auf den konkreten Fall hinweist. Das Hamburger Gericht legt YouTube nun jedoch erheblich weitreichendere Prüfpflichten auf: Die Plattform muss alle neuen Uploads scannen und mit Wortfiltern die Begleittexte prüfen.

Die Vertreter beider Parteien sehen sich als Sieger, beide räumen ein, dass sie nicht auf ganzer Linie gewonnen haben, beide Parteien wollen erst einmal die Urteilsbegründung prüfen, um dann über weitere Schritte zu entscheiden.

  • Gibt es nun bald eine Einigung im Streit zwischen Gema und YouTube?

Das ist nicht sicher, aber die Wahrscheinlichkeit ist durch das Urteil zumindest gestiegen. Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung der Angelegenheit ist es zwar sehr wahrscheinlich, dass das Verfahren in die nächste Instanz geht. Dennoch könnten die Parteien sich auf Lizenzzahlungen einigen, auch wenn das Verfahren noch läuft. Für die Gema ist das durch das Urteil reizvoller geworden, weil von YouTube nach dem heutigen Urteil keine Schadensersatzzahlungen für Verletzungen in der Vergangenheit geltend zu machen sind.

Aus YouTubes Sicht spricht für eine Einigung mit der Gema, dass das Gericht der Plattform weitreichende Prüfpflichten auferlegte. Das könnte teuer werden.

Entsprechend äußerten sich die Vertreter beider Parteien nach der Urteilsverkündung. Man sperre sich nicht gegen Verhandlungen, sagte die Gema-Anwältin. Und ein Google-Sprecher teilte mit, man wolle wieder mit der Gema an den Verhandlungstisch.

  • Worum streiten Gema und YouTube?
Es geht ums Geld - und dabei um die Kernfrage: Nach welchem Modell werden die Gebühren berechnet, die YouTube zahlen muss? Die Gema will eine Mischung: YouTube soll einen festen Betrag je Abruf eines Werks bezahlen (die sogenannte Mindestvergütung). Zudem soll YouTube einen festen Anteil des auf die Musiknutzung zurückzuführenden Nettoumsatzes an die Gema bezahlen (die sogenannte Regelvergütung).

Was bei der Mindestvergütung anfällt, wird mit der Regelvergütung verrechnet. Wenn also die Mindestvergütung höher ist, muss YouTube nur diese Summe bezahlen. Wenn die Regelvergütung höher ist, wird nur diese Summe fällig.

YouTube will lieber pauschal einen bestimmten Anteil seiner mit den Musikvideos erzielten Umsätze abführen. Die Gema fürchtet eine Verramschung, YouTube fürchtet Konditionen, die rein werbefinanzierte Geschäftsmodelle für Web-Musikvideos verhindern.

  • Wieviel Geld will die Gema?

Die Gema verlangt eine vergleichweise hohe Mindestvergütung je Abruf bei Diensten mit hoher Interaktivität wie YouTube (Direktabruf einzelner Tracks nach Suche, Überspringen einzelner Titel). Der Regeltarif sieht 0,006 Euro je Abruf vor, YouTube könnte bei einem Vertrag vielleicht einen Rabatt aushandeln, aber diese fixe Summe wäre bei den Millionen Abrufen dennoch ein wirtschaftliches Risiko für YouTube.

Eine Beispielrechnung: Laut der Internet-Marktforschungsfirma Comscore riefen deutsche Nutzer im April 2011 bei YouTube 3,8 Milliarden Videos ab. Einmal angenommen, 50 Prozent davon sind Musikvideos, deren Autoren die Gema vertritt: Dann müsste YouTube für die Videoabrufe in diesem Monat 11,4 Millionen Euro als Mindestvergütung an die Gema überweisen - diese Summe muss man erst mal mit Online-Werbung verdienen.

  • Wessen Rechte vertritt die Gema?

Die Gema nimmt Gebühren für alle Verwertungen von Musik (Verkauf, Werbung, Live-Auftritte, Radio) ein, die das Urheberrecht an den Stücken betreffen. Sie vertritt Komponisten, Textautoren oder ihre Musikverlage (etwa 64.000 Mitglieder in Deutschland). Außerdem vertritt die Gema in Deutschland mehr als zwei Millionen Rechteinhaber aus dem Ausland - wenn ihre Werke hierzulande laufen, reicht die Gema den jeweiligen Verwertern im Ausland die Gebühren weiter. Deshalb sperrt YouTube in Deutschland auch Videos internationaler Künstler mit Verweis auf den Gema-Streit. Nicht immer sind die großen Plattenfirmen damit einverstanden. Die Chefs von Sony Music und Universal Music in Deutschland drängen seit Monaten auf eine Einigung.

  • Wird nach dem Urteil weniger gesperrt?
Nein. Vorerst ändert sich für die Nutzer wenig. Es könnte bald schwieriger werden, Videos mit dem Text "Rolf Zuckowski im Kindergarten" in der Beschreibung hochzuladen, denn YouTube muss nun auch mit Wortfiltern nach Werken suchen, die wegen der Rechte von Gema-Mitgliedern nicht veröffentlicht werden dürfen. Aber solche Probleme dürften derzeit nur wenige Uploader betreffen.

  • Warum sind einige Musikvideos nie gesperrt?

Es gibt eine Methode, mit der Rechteinhaber sicher gehen können, dass Musikvideos oder andere Streams zu ihren Werken bei YouTube abrufbar sind und bleiben. Wer einen Wahrnehmungsvertrag mit der Gema hat, kann bestimmte Online-Nutzungen von diesem Vertrag ausschließen. Wer das tut, behält die Online-Rechte (welche, zählt der Gema-Berechtigungsvertrag detailliert auf) und lässt in Deutschland durch die Gema nur die anderen Offline-Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte vertreten. Wer das tut, muss mit YouTube, Spotify, Simfy und all den anderen Online-Anbietern direkt verhandeln. Ein solcher Ausschluss der Online-Rechte aus dem Gema-Vertrag könnte erklären, warum beispielsweise das komplette neue Album der Ärzte ohne Sperrungen bei YouTube abrufbar ist.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 129 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ein link und schon funktioniert alles wieder
rudilum2000 20.04.2012
Unblock YouTube | Free & Completely Compatible YouTube Unblocker (http://www.unblockyoutube.us)
2.
Herb_G 20.04.2012
Zitat von sysop....] Das Hamburger Gericht legt der Gema nun jedoch erheblich weiter reichende Prüfpflichten auf: Die Plattform muss alle neuen Uploads scannen und mit Wortfiltern die Begleittexte prüfen. [... Gema-Streit: Was das YouTube-Urteil bedeutet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,828830,00.html)
Das kann ich mir aber nicht vorstellen, dass "die Plattform Gema" hier irgendetwas machen muss. Ich kaufe die Buchstaben Y,O,U,T,B,E und löse das Wort auf.
3.
schlst 20.04.2012
Ein Falscher Schritt in die richtige Richtung.
4.
Fritz Motzki 20.04.2012
Zitat von rudilum2000Unblock YouTube | Free & Completely Compatible YouTube Unblocker (http://www.unblockyoutube.us)
Danke! Hoffentlich hört der Quatsch bald auf. Bin bei einem hochgeladenen Katzenvideo auf Urheberrechtsverletzung hingewiesen worden, weil im Hintergrund Sexbomb lief.
5.
deb2011 20.04.2012
... über Schweden ist mir Gema so was von egal ;)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Copyrights
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 129 Kommentare
  • Zur Startseite

So funktioniert die Gema
Die Gema
Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) ist eine sogenannte Verwertungsgesellschaft, in der sich die Rechteinhaber von musikalischen Werken organisiert haben.
Das macht die Gema
Die Gema sammelt für Sende- und Aufführungsrechte Gebühren ein bei Plattenfirmen und Konzertveranstaltern, Fernseh- oder Radiosendern. Wer einen CD- oder DVD-Rohling kauft, zahlt eine Abgabe an die Gema. Auch jeder Kneipier, der Radio dudeln lässt, jeder Organisator eines Straßenfestes muss Abgaben zahlen – solange dort Gema-pflichtige Musik läuft, also im Zweifelsfall immer.
Ausschüttung
Anschließend schüttet die Gema das eingesammelte Geld nach einem extrem komplizierten Schlüssel wieder an ihre Mitglieder - die Komponisten, Textdichter und Musikverleger - aus.

Twitter zu #Youtube #Gema
DPA
Fotostrecke
Musikmarkt in Zahlen: Downloads für Deutschland, Musik-Abos für Schweden

Glossar der Musikindustrie
Independent / Major
Als unabhängige Label gelten alle Plattenfirmen, die nicht zu den vier großen international tätigen Unternehmen Sony Music, Emi, Warner Music und Universal Music gehören. Die großen vier (Majors) machen 70 bis 80 Prozent des Musikumsatzes weltweit - der Rest entfällt auf die kleinen Independent-Labels. Zum Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) gehören in Deutschland 1200 Firmen, der internationale Indie-Verband Merlin hat nach eigenen Angaben um die 12.000 Mitglieder.
Label
Welche Arbeit die Plattenfirma für den Künstler erledigt, ist von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich. Ein Extrafall ist der sogenannte Bandübernahmevertrag: Da gibt ein Künstler eine fertige Produktion ab, das Label organisiert nur noch Hersteller und Promo, wickelt die Abrechung ab. Ein Label kann aber auch die Produktion finanzieren und organisieren. Je mehr das Label erledigt, umso höher ist in der Regel dessen Anteil an den Einnahmen. Wenn das Label die Aufnahme bei einem anderen, vielleicht professionelleren Produzenten finanziert hätte, würde es mit dem Künstler einen sogenannten Künstlervertrag und mit dem Produzenten einen Produzentenvertrag abschließen. Bei fast allen Verträgen trägt letztendlich das Label das Warenrisiko: Wenn weniger Platten gekauft werden als produziert wurden, bleibt das Label auf den angefallenen Kosten für Herstellung und Werbung sitzen.
Musikverlag
Während die Label Vervielfältigungs- und manchmal auch Leistungsschutzrechte wahrnehmen, werten Musikverlage die Urhebernutzungsrechte der Musiker an ihren Kompositionen und Texten aus. Sie kümmern sich um die Gema-Abrechnung, auch der Live-Auftritte, und manche Verlage bemühen sich, die von ihnen betreuten Stücke Radiostationen und Werbeagenturen anzupreisen, in Spielfilmen zu platzieren, und überwachen, dass die Werke nicht von anderen ohne Genehmigung bearbeitet werden. All das kann ein Musiker auch selbst machen - ein Verlag nimmt ihm gegen Beteiligung die Arbeit ab. Manche Verlage beschäftigen eigene Mitarbeiter, die sich um die Verwertung in Radio und Werbung bemühen, um zusätzliche Einnahmen für Künstler und Verlag zu erzielen. Inzwischen bauen viele Label eigene Verlage auf, um mehr Rechte auszuwerten.
Booking
Die Booking-Agentur organisiert die Live-Auftritte eines Künstlers. Großen Stars zahlen solche Agenturen oft vorab ein hohes Garantiehonorar aus, das sie dann refinanzieren müssen. Die meisten Booking-Agenturen arbeiten aber auf Provisionsbasis - ein Anteil von 20 Prozent an den Einnahmen der Künstler ist gängig.
360-Grad-Vertrag
Das Schlagwort bezeichnet die Strategie von Labels, mit Künstlern nicht mehr allein beim Tonträger-Vertrieb zusammenzuarbeiten, sondern auch bei der Auswertung von Urhebernutzungsrechten (als Musikverlag), beim Livegeschäft (als Booker) und beim Merchandising.
Gema
Die Gema nimmt Gebühren für alle Verwertungen von Musik ein, die das Urheberrecht an den Stücken betreffen. Wer CDs mit vom Gema-Vertragspartner geschriebener Musik herstellt, die Songs digital verkauft, in Werbespots nutzt, live spielt oder im Netz als Download, Stream oder im Webradio vertreibt, zahlt dafür Gebühren. Die Gema schüttet die Einnahmen - nachdem die Verwaltung bezahlt ist - an Komponisten, Autoren oder ihre Musikverlage aus.
GVL
GVL steht für Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten. Ein Leistungsschutzrecht bezieht sich immer auf die bestimmte Aufnahme eines Stücks. Wer daran Leistungsschutzrechte hält, hängt von den Produktionsverträgen ab. Im Prinzip hat jeder ein Leistungsschutzrecht an einem Stück, der Musik einspielt oder einsingt. So können auch Produzenten Leistungsschutzrechte an einer Aufnahme haben oder Labels, wenn sie die Produktion abgewickelt haben. Wenn ein Musiker im Studio seine Stück selbst einspielt, erwirbt er auch Leistungsschutzrechte an dieser Aufnahme, genauso wie bezahlte Studiomusiker. Der Verkauf der Musik im Laden oder Download-Shop ist die Erstverwertung dieser Rechte - dafür kriegen die Musiker in der Regel einen Vorschuss und einen Teil der Einnahmen. Wenn die von ihnen eingespielte oder produzierte Musik aber im Radio, Fernsehen oder Kaufhaus läuft, bei Veranstaltungen abgespielt wird, müssen die Sender und Veranstalter für diese Zweitverwertung der Rechte an die GVL zahlen. Diese Zusatzeinnahmen schüttet die GVL an die Mitglieder aus.

E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.