Von Frank Patalong
Aus Microsoft-Sicht ist das Vorgehen aber höchst verständlich. Bing, die neue Suchmaschine des Konzerns, erntet Lob bei den Kritikern (und auch von SPIEGEL ONLINE), tut sich aber trotzdem schwer, Marktanteile zu gewinnen. Seit Menschen im Web nicht mehr suchen, sondern googeln, ist die Marktdominanz des Google-Konzerns fast zementiert.
Microsoft nimmt an allen möglichen Enden Geld in die Hand, um sich attraktive Alleinstellungsmerkmale zuzukaufen, mit denen es Google qualitativ ausstechen kann. Dazu gehören ausgebuffte Shopping-Suche-Features, Kooperationen mit cleveren Partnern wie Wolfram Alpha, verspielte Gimmicks wie die Visual Search und Schwerpunktbildungen wie das US-Reiseportal.
Die meisten davon weichen der direkten Konkurrenz mit Googles Kernkompetenzen aus und versuchen gerade Features auszuprägen, über die Google nicht verfügt - also Marktnischen und -lücken zu besetzen. Prächtig aber wäre es, ausgerechnet eine der Stärken von Google zu bedienen, während Googles Performance dort zugleich einbrechen würde.
Klingt nach einer Partnerschaft Gleichgesinnter, nach Königskindern, die zusammenkommen, nach einem Powerduo M&M - wenn es nicht einige deftige Schönheitsfehler geben würde. Denn es ist gut möglich, dass beide Partner hier etwas ganz falsch einschätzen.
Wollen die das wirklich? Oder nur Unruhe stiften?
Murdoch scheint zu glauben, dass die Nachrichten seiner Unternehmen dem Web fehlen werden, wenn er sie dem kostenlosen Web entzieht. Das ist natürlich ein Irrtum, denn das Gros der Nachrichten macht News Corp. ja nicht, sondern berichtet sie nur: Die Themen sind nach wie vor da, für alle zu lesen. Die Hoffnung, alle maßgeblichen Medienunternehmen würden dem Kostenlos-Boykott beitreten, ist wohl vergebens. Erstens wollen das nicht alle, zweitens gibt es sogar welche, die es gar nicht dürften: News-Outlets wie BBC, ARD und ZDF zum Beispiel, denen man das Feld überlassen würde.
Microsoft wiederum unterschätzt die Macht des Neides: Wenn das Unternehmen damit anfängt, für die Indexierung von Internetseiten der News Corp. zu bezahlen, was sollte deren Konkurrenten davon abhalten, ebenfalls die Hand aufzuhalten? Und wenn dann irgendwann alle Medienunternehmen von irgendjemandem Peanut-Zahlungen für Seitenindexierungen beziehen, kommt dann die Europäische Kommission und pocht auf Wettbewerbsgleichheit? Muss eine Suchmaschine dann auch für die Indexierung von SchülerVZ, von Ebay oder Amazon bezahlen?
Verrückt wäre das, und für den Bestand des Web höchst kontraproduktiv und außerdem sowieso unmöglich - sagt zumindest Rupert Murdoch: Am 17. November ließ er sich von seinem TV-Sender Fox News interviewen und ging unter anderem auch auf dieses Thema ein. Auf die Frage, ob er vorhabe, exklusive Vereinbarungen mit einzelnen News-Aggregatoren wie Google zu treffen, bei denen Geld an News Corp. fließe, antwortete Murdoch: "Nein, nein, nein. Ich glaube nicht, dass die sich das leisten könnten. Wenn die alles, was sie von Zeitungen und Magazinen in aller Welt nehmen, bezahlen würden, würden sie keine Profite mehr machen."
Laut "Financial Times" liefen da längst die Verhandlungen mit Microsoft, was mehrere Interpretationen zulässt: Entweder, es geht nur um exklusive Deals über ausgesuchte Inhalte. Oder es geht darum, die Diskussion noch ein Stückchen weiter zu drehen. Oder aber darum, mit geringem Aufwand für beide Partner Google vor das Schienbein zu treten.
Letzterer Grund dürfte auf jeden Fall motivierend wirken. Ob der Suchriese das aber überhaupt spüren würde, wäre fraglich: Solange es keinen flächendeckenden Kostenlos-Boykott, keinen generellen Boykott der Aggregatoren gibt, ist Murdochs News Corp. nicht mehr als ein dicker Fisch in einem mächtig großen medialen Ozean. Wenn es den bald nur noch hinter Glas gäbe, durch das Bing kleine Einblicke gewährt, wird das wohl kaum jemanden berühren außer Murdoch selbst: Ob der sich wirklich wünscht, dass man bald exklusiv bei Bing sehen wird, was man hätte lesen können, wenn man nur zur Zahlung bereit gewesen wäre?
Google müsste das in keiner Weise kratzen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE weist sie Firma auf die Möglichkeit der Robot-Exklusion (siehe oben) hin: "Wenn sie uns mitteilen, dass wir ihre Inhalte nicht indexieren sollen, dann machen wir das natürlich auch nicht."
Das kann man auch salopper sagen: Tut, was ihr nicht lassen könnt.
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