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Gerichtsakten: Formatierungsfehler verrät Facebooks Wert

Ein Coup mit Maus und Textverarbeitung: Eine Nachrichtenagentur hat in eigentlich geschwärzten Gerichtsakten den Wert gefunden, den Facebook sich 2008 selbst einräumte. Demnach war die Community vergangenes Jahr viel weniger Wert als noch 2007.

Facebook ist zum Opfer eines Anfängerfehlers im Umgang mit Bürosoftware geworden. Gestern erst hatte die Meldung die Runde gemacht, die Betreiber des größten Social Networks der Welt hätten 65 Millionen Dollar an drei ehemalige Studienkollegen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bezahlt. Die drei hatten argumentiert, Zuckerberg habe die Idee zu Facebook einst an der Harvard University geklaut - ihr eigenes Studenten-Netzwerk ConnectU war im Gegensatz zu Facebook weitgehend erfolglos geblieben. Zuckerberg hatte die Vorwürfe stets bestritten, man einigte sich schließlich, im Sommer 2008, ohne ein offizielles Urteil.

Facebook-Gründer Zuckerberg: 15 oder 3,7 Milliarden?
Erik Seemann

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Nun veröffentlichte einer der Anwälte, die Facebook damals vertraten, erstmals eine Zahl zu dem Fall: 65 Millionen Dollar habe man Facebook in dem Vergleich abgerungen. Was sogleich heftige Diskussionen darüber auslöste, wieviel davon denn wohl in Unternehmensanteilen und wie viel in bar ausbezahlt worden sei. Etwas zweifelhaft schien die herausposaunte Summe auch deshalb, weil die betreffende Kanzlei schon vor Abschluss des Vergleichs aus den Diensten Facebooks entlassen worden war, wie AP berichtet.

Parallel gelang dem Agenturkorrespondenten ein simpler Coup: In einer Mitschrift des Gerichtsverfahrens, das Michael Liedtke sich verschafft hatte, waren die Passagen, in denen es um Geld ging, zwar geschwärzt - es handelte sich jedoch um ein elektronisches Dokument. Man sei in der Lage gewesen "die geschwärzten Passagen zu lesen, indem wir sie aus einer elektronischen Version des Dokumentes heraus- und in ein anderes Dokument hineinkopierten". Jemand hatte also offenbar im Gerichts-PDF den delikaten Teil des Textes nur schwarz hinterlegt, aber nicht gelöscht oder überschrieben.

Durch den Formatierungsfehler kam Liedtke an exakte Zahlen: "In dem Vergleich erklärte sich Facebook bereit, ConnectU 20 Millionen Dollar in bar und 1.253.326 normale Aktien auszuzahlen." Lege man die Bewertung zugrunde, auf deren Basis Microsoft einst 240 Millionen Dollar für 1,6 Prozent von Facebook bezahlt hatte, wären diese Aktien 45 Millionen Dollar wert gewesen - der Gesamtwert von Facebook wurde für den Microsoft-Deal auf 15 Milliarden Dollar taxiert. All das würde zu der Zahl passen, die der geschasste Facebook-Anwalt publizierte.

Facebooks eigener Bewertung zufolge, so AP, seien die Aktien Mitte 2008 aber nur 11 Millionen Dollar wert gewesen. Der Microsoft-Bewertung zufolge wäre eine Facebook-Aktie 35,90 Dollar wert gewesen, der hauseigenen zufolge nur 8,88 Dollar. Das gesamte Unternehmen wurde demnach mit 3,7 Milliarden Dollar bewertet - zumindest für den Zweck, eine Vergleichssumme im Streit mit ConnectU festzulegen.

Facebook wollte zu den Zahlen keinen Kommentar abgeben. AP zitiert Analysten, denen zufolge das Unternehmen 2008 zwischen 250 und 300 Millionen Dollar umgesetzt habe. Der Wert von Facebook dürfte angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise eher gesunken sein - so wie der zahlloser anderer Unternehmen auch.

cis/AP

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