S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wenn Sicherheitstechnik sich gegen die Sicherheit richtet

Nach dem Absturz des Germanwings-Airbus werden reflexhaft neue Maßnahmen gefordert. Dabei sollten wir angesichts der Tragödie lieber unsere Technikgläubigkeit hinterfragen.

Eine Kolumne von

Schließvorrichtung der Cockpit-Tür: Die Technik genießt mehr Vertrauen als die Menschen
REUTERS

Schließvorrichtung der Cockpit-Tür: Die Technik genießt mehr Vertrauen als die Menschen


Französische Ermittler schließen beim Absturz des Germanwings-Airbus trotz aller Hinweise auf eine vorsätzliche Tat einen Unfall derzeit nicht eindeutig aus. Deshalb möchte ich den folgenden Text explizit unter dem Vorbehalt verstanden wissen, dass der Pilot absichtsvoll gehandelt hat.

Wenn das der Fall sein sollte, dann fügt eine mir zugesandte Mail eine besondere (in dieser Kolumne oft behandelte) Perspektive zur Aufarbeitung der Katastrophe hinzu: den Zusammenhang von Technologie und Sicherheit. Es handelt sich um die private Mail eines Piloten der Lufthansa Group, der einen Airbus A320 fliegt, im Folgenden auszugsweise dokumentiert und von mir kommentiert.

Der Absturz: Es war letztendlich eine Flugzeugentführung.

Die erste Erkenntnis schon in der Überschrift - tatsächlich lässt sich über Google News bisher kein einziger Artikel finden, der das so explizit benennt: Flugzeugentführung. Nur dass der Täter von innen kam. Das verschiebt die Lesart der Katastrophe hin zu den Schwächen der bestehenden Sicherheitskonzepte. Denn diese richten sich explizit gegen Flugzeugentführungen. Wir haben es also auch mit einem Versagen der Sicherheitskonzepte zu tun.

Der Entführer nutzte dazu ein Instrument der Terrorabwehr. Gäbe es keine Panzertür, dann hätte es diesen Absturz nicht gegeben. Diese Tür machte mir schon immer ein mulmiges Gefühl. Das Cockpit wurde zum Tresor. Einen echten Plan B, wenn die Tasten-Codes dieser kleinen Folientastatur mal nicht klappen, weiß ich nicht und darf ich auch nicht wissen. Dieses nachgerüstete 9/11-Geschwür ist Materialisierung eines vergifteten Zeitgeistes, dieses paranoiden Misstrauens […]

Eine nach dem 11.9.2001 aufgebaute Sicherheitsstruktur hat gravierende Nebenwirkungen. Das hört sich seit den Snowden-Enthüllungen bekannt an. Und es deutet darauf hin, dass die Massenüberwachung Symptom einer paranoiden Welthaltung ist, die auch auf viele andere Bereiche großen Einfluss hat. Ebenso verstörend ist, dass das Instrument Panzertür in blindem Vertrauen in Technologie geschaffen wurde, wenn nicht einmal der Pilot eine Rückfallebene kennen darf.

Die Tür kann auch nicht sehen, auf welcher Seite die Guten oder Bösen sind. Gebaut wurde sie, weil die Bösen per def. Turbane tragen und keine Offiziersstreifen am Jackett. […] Sie bekämpft behördlich geschürte Terrorangst mittels Placeboeffekts, denn sie kann, so oder so, nicht vor gewollter oder ungewollter Fehlbedienung des Flugzeugs schützen.

Das gesellschaftliche Verständnis von "Sicherheit" ist radikal technologiegläubig geworden: Im Zweifel ist es besser, der Technik zu vertrauen als dem Menschen. Die Panzertür, hier Kristallisationspunkt des Flugzeugdramas, ist ein bitteres Symbol dafür, wie sich vermeintliche Sicherheitstechnologie gegen die Sicherheit wenden kann.

Was demnächst werden soll: eine Vorschrift, dass keiner mehr allein im Cockpit-Panzer sitzen darf! […] Bislang haben die Piloten die Passagiere ausgesperrt, weil man ihnen per Vorschrift zu misstrauen hatte. Mit der "Vier-Augen-Regel" müssen Piloten per Vorschrift demnächst auch ihrem direkten Kollegen misstrauen.

Die Technologiehörigkeit des gesellschaftlichen Sicherheitsgedankens wäre allein schon bedrückend genug. Aber mit ihr geht eine Misstrauenspflicht einher: Vertrauen wird eine schwarz-weiße Entweder-Oder-Frage. Wenn man gezwungen ist, der Technik zu vertrauen, bleibt weniger für den Menschen.

Angsthingebung wird umgepolt zu Sicherheitsgefühl. […] Lufthansa wollte zunächst offen darüber nachdenken. Aber der öffentliche Aufschrei zwang sie aus Imagegründen zum Mitfahren auf der Vier-Augen-Regel. Es ist nicht die einzige "Sicherheitsvorschrift", die so entstanden ist.

Spätestens an dieser Stelle darf man ernsthaft verzweifeln. Fast alle sind sich einig, dass zumindest ein Teil der Öffentlichkeit hysteriegetrieben und irrational funktioniert. Es werden nur je nach eigener Perspektive die sozialen oder die redaktionellen Medien als Hauptschuldige ausgemacht. Und doch ist gleich die erste Maßnahme eine, die eine aufgewühlte Öffentlichkeit reflexhaft fordert, während sie weder in der Lage noch willens ist, zwischen Sicherheit und einem Sicherheitsgefühl zu unterscheiden. So entstehen Sicherheitsmaßnahmen, die sich oberflächlich betrachtet sinnvoll anfühlen mögen, aber manchmal auch kontraproduktiv sein können. Oder sogar völlig neue Gefahren mit sich bringen - wie Panzertüren zum Beispiel oder auch Massenüberwachung.

Die nächste Stufe: Piloten-Psychotests. […] Was tut dann der Mensch? Er verstellt sich natürlich und widersetzt sich der willkürlichen Beurteilung, weil […] die Existenzbedrohung durch ein Berufsverbot für den Einzelnen gigantisch ist. Drinnen oder Draußen qua Psychokonformität. Ein totalitäres System. Es trimmt auf Heuchelei statt Wahrhaftigkeit. Schädlich für alles […] nicht nur in der Fliegerei.

Bumm, da explodiert zum Schluss die unangenehmste Frage von allen, die praktischerweise in den Hintergrund tritt, wenn man einen einzelnen Menschen als Alleinschuldigen ausmachen kann. Es ist die Frage nach der Mitverantwortung der Gesellschaft an der Katastrophe, sowohl durch falsche Sicherheitskonzepte - wie auch im Umgang mit psychischen Störungen.

Wenn man Angst haben muss, dass schon die Andeutung einer Labilität den Lebensentwurf vollständig zerstören kann, entsteht automatisch eine angstgesteuerte Kultur des Verbergens, die extrem kontraproduktiv sein dürfte. Und wo zieht man die Grenze? Depressive Piloten? Labile, waffentragende Polizisten? Durchgeknallte Mitarbeiter des Wasserwerks, die ja mit wenigen Handgriffen Hunderttausende vergiften könnten?

In einem reichen Land, in dem man monatelang und manchmal vergeblich um einen Therapieplatz betteln muss, sind die Folgen psychischer Störungen nicht nur Privatsache. Erst recht nicht, wenn sich die Gesellschaft einbildet, soziale Probleme mit der richtigen Technologie lösen zu können und so in sicherheitsesoterischer Technologiegläubigkeit versinkt, die zwingend enttäuscht wird. Ein System, das den Menschen prinzipiell als Schwäche betrachtet, ist unmenschlich.

tl;dr

Eine zunehmend paranoid durchwirkte Gesellschaft will nicht den Unterschied zwischen Sicherheit und Sicherheitsgefühl erkennen.

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insgesamt 214 Beiträge
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Seite 1
flankendiskriminator 01.04.2015
1.
Eine der, wenn nicht sogar die, beste Kolumne zum Thema. Danke, Herr Lobo und auch Danke an den Piloten der Lufthansa.
Leser161 01.04.2015
2. Doppel-Wow
Das ist eine Analyse auf den Punkt. Und dann auch noch von jemanden der wohl kein professioneller Schreiber ist. Warum liest man solch scharfe Gedanken nicht öfters in den Medien? Etwas schade: Mich hätte interessiert wieso der Pilot die 4-Augen-Regelung nicht gut findet. Gut, natürlich ist das eine Regel mit eingebauten Misstrauen, aber doch nur für den Fall der Fälle. Auf vielen Arbeitsstellen lässt man Kollegen z.B. Konzepte gegenlesen, zur Sicherheit halt.
zursachet 01.04.2015
3. Hallo Herr Lobo
Vielen Dank für diese internen Einblicke und Ihre aus meiner Sicht sehr treffende Einordnung derselben. In der Tat scheint mir die Gesellschaft mitterweile reflexartig nach allem zu schreien was irgendwie das (falsche) Gefühl gestiegener Sicherheit vermitteln kann. Ein echte Verantwortung möchte aber niemand übernehmen. Das wird dann lieber auf die bösen Medien geschimpft - weil es einfacher ist sich über jemand zu echauffieren als über sich selbst zu reflektieren. Wie aus der email hervorgeht sind die privaten Konsequenzen eines psychischen erkrankten Piloten erheblich. Es geht hier nicht um einen einfachen Schalterbeamten, sondern um jemanden mit Verantwortung von Leib und Leben vieler Menschen. Hier "droht" natürlich sofort die Fluguntauglichkeit verbunden mit Jobverlust, Isolation und finanziellen Sorgen. Wenn dies durch die Fluggesellschaften und Versicherungen aufgefangen werden soll - und das sollte es - dann müssen wir uns auch auf entsprechende Kostensteigerungen einrichten. Mit "finde den billigsten Flug" Mentalität ist das nicht vereinbar.
dennis.hoppler 01.04.2015
4. Bravo und danke
für den bislang besten Beitrag zu diesem schrecklichen Vorfall.
davidair 01.04.2015
5. Danke!
Danke Herr Lobo! Endlich eine Stimme der Vernunft zu diesem Thema.
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