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Gerüchteküche: "Wikipedia steht definitiv nicht vor dem Aus"

Seit Wochen kursieren Gerüchte um finanzielle Probleme bei der Wikipedia. SPIEGEL ONLINE hakt nach - jetzt dementiert die deutsche Wikimedia-Spitze alles, spricht über ihre notorische Geldnot und enthüllt, wie viel das Projekt kostet.

SPIEGEL ONLINE: Seit rund zwei Wochen gibt es hartnäckige Gerüchte, der Wikipedia könne mittelfristig das Geld ausgehen. Steht die Wikipedia vor dem Aus?

Arne Klempert (links) ist Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Mathias Schindler Mitglied des Vorstands

Arne Klempert (links) ist Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Mathias Schindler Mitglied des Vorstands

Arne Klempert: Wikipedia steht definitiv nicht vor dem Aus. Das Gerücht entstand durch eine Fehlinterpretation eines Bloggers und wurde anschließend von anderen Weblogs und klassischen Medien ungeprüft weiterverbreitet. Der wahre Kern ist, dass die finanziellen Reserven der Wikimedia Foundation nicht sehr komfortabel sind und sie deshalb fortlaufend auf Spenden angewiesen ist. Dieses Schicksal teilt Wikimedia jedoch mit vielen anderen spendenfinanzierten Organisationen.

SPIEGEL ONLINE: Das Gerücht klingt auch deshalb plausibel, weil Sie inzwischen wahrscheinlich enorme technische Kosten bewältigen müssen. Was kostet die Wikipedia wirklich?

Mathias Schindler: Der Betrieb der Wikipedia kostet im Moment etwa 75.000 Dollar im Monat. Das sind hauptsächlich die Betriebskosten für die rund 350 Server und die Gehälter für die zehn Angestellten. Wenn man das in Relation zur Größe der Website setzt - nach verschiedenen Statistiken zählt Wikipedia mittlerweile zu den zehn am stärksten genutzten Internetangeboten der Welt - sind diese Kosten extrem niedrig.

Klempert: Durch das nach wie vor enorme Wachstum der Wikipedia werden diese Betriebskosten in Zukunft jedoch weiter steigen. Auch werden wir weiter in den Ausbau der technischen Infrastruktur investieren müssen, um die steigenden Besucherzahlen bewältigen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Entscheidend ist doch, ob das Spendenaufkommen reicht oder nicht. Wie sieht das in Deutschland aus: Was für Kosten stehen hier was für Einnahmen gegenüber?

Klempert: Das lässt sich nicht genau beziffern, denn verlässliche Statistiken nach Ländern gibt es weder für die Kosten, noch für die Einnahmen.

Schindler: Die Wikipedia ist nach Sprachen, nicht nach Ländern sortiert. Der Betrieb aller Sprachen wird durch die Foundation geleistet, eine Aufsplittung der Kosten nach Ländern ist daher nicht möglich und damit auch keine Rechnung, ob nun beispielsweise die Deutschen mehr spenden, als sie "kosten".

Klempert: Unserer Einschätzung nach nimmt Deutschland aber gemessen an der Einwohnerzahl sowohl bei den Nutzern als auch bei den Spenden einen Spitzenplatz ein. Das macht sich auch organisatorisch bemerkbar. So ist Wikimedia Deutschland nach wie vor die mit Abstand stärkste nationale Sektion von Wikimedia. Allein im vergangenen Jahr konnte der gemeinnützige Verein für rund 60.000 Euro Hardware anschaffen, die den Zugriff auf die Wikipedia beschleunigt und das Hauptrechenzentrum in Florida entlastet.

SPIEGEL ONLINE: Sie finanzieren sich bisher vornehmlich aus Spenden. Ist das ein Modell, das mittelfristig wirklich tragfähig ist?

Schindler: Alle unsere Zahlen sagen ja. Denn die Ursache für die steigenden Kosten sind steigende Zugriffszahlen. Jeder zusätzliche Besucher ist aber natürlich auch ein potentieller Spender. Auf dieser Grundlage wächst Wikimedia jetzt seit der Übertragung des Projektes an die Wikimedia Foundation im Jahre 2003.
Mit professionellerem Fundraising lässt sich dieses Finanzierungsmodell sogar sehr wahrscheinlich noch deutlich verbessern. Dazu gehört auch, dass wir noch deutlicher darauf hinweisen müssen, dass Wikimedia im Gegensatz zu allen anderen Websites vergleichbarer Größe von einer gemeinnützigen Organisation betrieben wird.

SPIEGEL ONLINE: Wären alternative Finanzierungswege denkbar?

Klempert: Es gibt für uns keine Alternativen zur Finanzierung durch Spenden. Natürlich sind Ergänzungen denkbar, um neben den Spenden noch Mittel aus anderen Quellen zu erhalten, beispielsweise durch Lizenzen zur Nutzung des Namens und des Logos. Einen weitgehenden Wechsel auf ein anderes Finanzierungsmodell halte ich aber für ausgeschlossen. Denn das würde dieses außergewöhnliche Projekt in seinen Grundfesten erschüttern.

Schindler: Wikimedia ist nicht zufällig eine gemeinnützige Organisation, sondern aus Prinzip. Ohne den Einsatz zigtausender Freiwilliger wäre Wikipedia auch heute noch eine leere Website. Und es ist nur schwer vorstellbar, dass Menschen so viel Energie in ein Projekt investieren würden, das als Wirtschaftsunternehmen geführt wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre es nicht nahe liegend, den enormen Publikumserfolg der Wikipedia über eine Werbevermarktung zu Geld zu machen?

Klempert: Es gibt keine Pläne zur Einführung von Werbung, auch nicht als Ergänzung zur Spendenfinanzierung. Das Thema wird zwar seit Jahren immer wieder von Dritten als Patentrezept angeführt, von uns aber seit jeher abgelehnt.

Schindler: Auch schon Werbung in sehr dezenter Form könnte gefährliche Folgen haben. Sie könnte zu einer Verringerung der Spendenbereitschaft führen und damit mehr Werbung erforderlich machen. Am Ende hätten wir dann die Abhängigkeit von der Spendenbereitschaft der Öffentlichkeit nur durch die Abhängigkeit von der Werbewirtschaft ersetzt. In diese Einbahnstraße wollen wir nicht einbiegen.

Die Fragen stellte Frank Patalong

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