Geschäft mit freien Inhalten: Geteilt, verschenkt, verdient

Von Helmut Merschmann aus Berlin

Statt hoher Preise und Urheberrechte freie Verbreitung - und vielleicht eine kleine Spende für den Schöpfer. Von freier Software kennt man das. Bei der Konferenz Wizards of OS zeigten Kreative: Mit Büchern, Fotos, Musik geht das auch. In Brasilien werden die ersten Bands so schon reich.

In Brasilien gab es 2004 noch 74 Prozent illegale Computer. Entweder befand sich illegale Software auf ihnen oder die Geräte sind gleich auf dem inoffiziellen Nebenmarkt produziert und gehandelt worden, quasi unter dem Ladentisch. Zwei Jahre später betrug ihr Anteil nur noch fünfzig Prozent.

Rio de Janeiro: Brasilien ist das Musterland von Open Business. Hier können Musiker schon von der Geschenkökonomie leben
DPA

Rio de Janeiro: Brasilien ist das Musterland von Open Business. Hier können Musiker schon von der Geschenkökonomie leben

Der Grund? "It’s the economy, stupid!" – Die Wirtschaft, Dummerchen: Ronaldo Lemos bemüht das berühmte Zitat aus dem ersten Präsidentschaftswahlkampf Bill Clintons, um den Sinneswandel seiner Landsleute zu erklären. Lemos, Projektleiter von Creative Commons in Brasilien, sagt: Seitdem die brasilianische Regierung ein Ratenfinanzierungsprogramm für PCs aufgelegt habe, seien legale Computer attraktiver und für die Menschen erschwinglicher geworden.

Doch für teure CDs, DVDs oder Bücher gibt der durchschnittliche brasilianische Geldbeutel immer noch nicht genug her. Daher nimmt man es im südamerikanischen Schwellenland mit dem Urheberrecht nicht so genau. Außer dem Handel mit Raubkopien blüht aber auch ein Markt für lizenzfreie und entsprechend günstigere Produkte.

Eine regelrechte Open-Business-Bewegung hat sich etabliert. Not - schließlich geht's ums Wirtschaften, Dummerchen - macht erfinderisch. Inspiriert vom Vorbild freier Software, die es in Form von Free- oder Shareware schon lange gibt, werden Filme, Bilder und vor allem Musik unter der sogenannten Creative-Commons-Lizenz gehandelt. Dieses Modell ermöglicht es einem Musiker oder Autor festzulegen, ob sein Werk frei oder kommerziell eingeschränkt der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Erste Bands verdienen frei genug für Privatjets

Während in Brasilien das größte Musiklabel Sony BMG bloß 52 Künstler unter Vertrag hat und sich dieses Jahr aufgrund drastischer Einnahmenverluste einen Sparkurs von 40 Prozent auferlegt hat, blüht die Tecno-Brega-Szene. Statt fünfzehn Neuerscheinungen wie bei Sony BMG erscheinen jährlich etwa 400 CDs dieses aus den Favelas stammenden Untergrundsounds, der romantische Schlager mit elektronischer Musik verbindet. Tecno-Brega wird bei keinem Plattenlabel veröffentlicht, sondern nur in Form von MP3-Files ins Internet gestellt. Obwohl die Musiker die gängigen Marktstrukturen ignorieren, erlangen sie so große Popularität.

Straßenhändler vertreiben Mix-CDs zum Spottpreis, die wiederum von anderen Musikern zu neuen Mixen weiterverarbeitet werden. Den größten Anteil an der Wertschöpfungskette nimmt allerdings nicht die Musik ein – sie wird ja umsonst vertrieben -, sondern Partys und Live-Konzerte. Unter Brasiliens musikbegeisterter Jugend ist es angesagt, Spontanpartys und kurzfristig anberaumte Konzerte zu besuchen, deren Örtlichkeit über das Internet bekannt gegeben wird.

Am Ende eines solchen Events kann man gleich Live-Mitschnitte des soeben gehörten Auftritts als CD erwerben. "Das ist ein Multi-Millionen-Dollar-Markt", sagt Ronaldo Lemos, "einige Bands sind so populär und reich, dass sie sich Privatjets leisten können".

Open Business hat Zulauf

Brasilien gilt als Musterland der Open-Business-Bewegung und hatte sich bereits offiziell gegenüber der Welthandelsorganisation (WTO) für eine Neuordnung des Urheberrechts eingesetzt. Bislang bringt das vorherrschende Geschäftsmodell vor allem den reichen Industrieländern Vorteile. Doch auch dort sind freie Software, Open Source und freie Inhalte inzwischen zu großen Themen geworden.

Schon sprechen die Veranstalter der Berliner Konferenz Wizards of OS 4 - zweckoptimistisch - von einem "Siegeszug". Immerhin, das neue Geschäftsmodell hat Zulauf.

Der Musiker Danny Bruder klagt etwa über die Praxis der deutschen Musikverwertungsgesellschaft Gema, den Gebrauch von freien Lizenzen zu unterbinden. Die Gema sammelt im Auftrag der organisierten Musiker Gebühren ein, etwa von Radiosendern oder Veranstaltern öffentlicher Partys. Nach einem komplizierten Schlüssel wird dieser Topf am Ende des Jahres aufgeteilt - allerdings nur unter den Gema-Mitgliedern. Will ein Musiker aber auch nur einen einzigen Song - beispielsweise zur Eigenwerbung - umsonst im Internet vertreiben, muss er aus der Gema austreten. Bruder wandte dieser Verwertungsform den Rücken.

Mit Creative Commons aus dem Gema-Korsett

Seine Musikplattform Copycan will Musikern ein alternatives Geschäftsmodell anbieten. Sie können dort einen Song hochladen, müssen eine Creative-Commons-Lizenz zeichnen und legen den Gesamtbetrag fest, den sie für ihre Arbeit erhalten wollen. Beispielsweise hundert Euro. Haben sich genügend Musikliebhaber eingefunden und einen Betrag entrichtet, wird der bislang nur als Hörprobe bestehende Song veröffentlicht und ist nun frei verfügbar. Ob dieses "Den Ersten beißen die Hunde"-Prinzip funktioniert, steht noch nicht fest – Copycan ist noch nicht gestartet.

Auf mehr Erfahrung mit Open Business kann Jamendo zurückblicken, eine in Luxemburg ansässige Plattform für freie Musik. 1500 Alben stehen dort zum Hören oder Herunterladen zur Verfügung. Täglich kommen fünf bis zehn dazu. Jeden Tag werden zwischen 500 und 2000 Downloads gezählt und pro Monat zwei Millionen Songstreams.

Das "nachhaltige Businessmodell für freie Inhalte", wie es Geschäftsführer Laurent Kratz beschreibt, bezieht seine Einnahmen gegenwärtig vor allem aus Werbung, die in den Musikstreams enthalten ist. Weitere Erlöse stammen aus Lizenzen für den kommerziellen Gebrauch der freien Musik in Bars und Cafés. Die Künstler profitieren von den Rückflüssen allerdings noch nicht. Gutmütige Hörer können ihnen jedoch Geldspenden zukommen lassen - "Geschenkökonomie" heißt das dann.

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