Geschäftsidee: iTunes austricksen mit Cola-Coins

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Schlecht für die Zähne, gut für die Ohren: Bei eBay blüht der Handel mit Gutscheinen für Kaufmusik aus Apples iTunes Musicstore. Weit unter Preis gehen dort Songcodes über den virtuellen Tresen, durch die man sich günstig mit Musik eindecken kann.

Genau 0,99 Euro kostet ein Song im iTunes Musicstore – normalerweise. Seit August jedoch gibt es für Sparfüchse auch einen alternativen Weg, um an legale Musik-Downloads zu kommen. Man muss nur die süße Brause aus dem Hause Coca Cola trinken – schlecht für die Zähne, gut für die Ohren, sozusagen. Auf der Deckel-Innenseite vieler Cola-Getränke sind seit dem Sommer Codes aufgedruckt, die man auf der extra dafür eingerichteten Cokefridge-Website in Cola-Devotionalien oder in Songcodes für den iTunes Musicstore eintauschen kann. Vier der Coins genannten Deckel-Codes ergeben einen kostenlosen Song.

Cola-Coins zu iTunes-Codes

Einige Flaschen-Sammler haben dieses System nun zum Geschäftsmodell gemacht und verhökern Coins und Codes bei eBay zu Schnäppchenpreisen. So werden etwa 15 Songcodes für 4,44 Euro, das dicke 50er-Paket für 16,98 Euro oder – ganz seltsam - gleich 477 Songs für 99 Euro angeboten. Damit unterbieten die Code-Dealer Apples offizielle Preise um zwei Drittel und machen Kaufmusik mit Preisen von 25 bis 40 Euro-Cent pro Titel ungewohnt erschwinglich. Dennoch scheint sich diese Methode des Musikerwerbs noch nicht so richtig herumgesprochen zu haben, denn etliche Angebote stehen trotz der günstigen Preise tagelang wenig beachtet auf der Auktionsplattform herum.

Legal oder nicht?

Daran, ob dieses Treiben rechtens ist oder nicht, hegen offenbar selbst die Anbieter Zweifel. Einige versuchen sich in leicht durchschaubare Schutzbehauptungen zu retten. So etwa ein Anbieter, der angibt, dem Käufer für knapp 17 Euro ein Weihnachtsgedicht zu verkaufen – mit 50 iTunes-Codes als kostenlose Dreingabe versteht sich. Ein anderer will Streit aus dem Weg gehen, indem er angibt, der via eBay erzielte Verkaufspreis sei als Aufwandsentschädigung für die Erstellung eines iTunes-Accounts zu sehen und nicht als Preis für die 50 mitgelieferten Songs.

Ganz gleich wie die Anbieter ihr Geschäft verklausulieren, Apple dürfte der Handel mit den Billig-Songs ein Dorn im Auge sein. Auf Anfrage erhielt SPIEGEL ONLINE jedoch nur die Apple-typische Antwort - "kein Kommentar". Noch müssen sich die Code-Händler also keine Sorgen machen, in Kürze eine Abmahnung im Briefkasten zu finden: Offensichtlich sucht Apple noch nach der adäquaten Reaktion.

Leergut ist gut

Darüber, woher ihre Ware stammt, geben die Verkäufer nur ungern Auskunft. Einige wenige erklärten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bereit, ihre Cola-Quellen offen zu legen – namentlich genannt werden wollte allerdings keiner.

Als typisches Beispiel mag ein junger Mann dienen, der in einem Getränkemarkt arbeitet und angibt, "gelegentlich" vom Leergut ein paar Deckel abzuschrauben. Offenbar hat er jede Menge Gelegenheiten, bietet er doch regelmäßig Chargen von je 50 Songcodes, entsprechend 200 Flaschen-Deckeln, bei eBay feil. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Begriff Leergut sich auch auf Flaschen erstrecken könnte, deren Deckel noch ungewöhnlich fest sitzt.

In einem anderen Fall versorgt sich die Mitarbeiterin eines gastronomischen Betriebs ebenfalls aus dem dort anfallenden Leergut mit Cola-Deckeln. "Da kommen so circa 1000 Stück in der Woche zusammen", sagt sie und gibt an, dass sie für das Eintippen der rund 200 Coins, die für ein 50er Paket Songcodes nötig sind, "durch eine große beleuchtete Leselupe" rund 50 Minuten brauche. So kommt sie auf einen Nebenverdienst von rund 15 Euro pro Stunde – eine Rate, die in der Gastronomie allenfalls inklusive Trinkgeld erreicht wird.

Einen Haken hat die Sache

Ein dicker Nachteil des Code-Kaufs ist allerdings, dass man ausschließlich einzelne Songs erwerben kann. Der Erwerb ganzer Alben ist mit den Songcodes nicht möglich. Für ein Album mit 15 Songs, das normalerweise 9,99 Euro kosten würde, muss man daher 15 Songcodes investieren.

Was normalerweise ökonomischer Unsinn wäre, wird durch die günstigen Code-Preise bei eBay wieder aufgewogen - und doch gibt es einen Pferdefuß. Bestimmte Goodies, wie etwa interaktive Booklets oder Videos sind meist Käufern des vollständigen Albums vorbehalten und sind über Songcodes nicht zu bekommen. Ungünstiger noch, es gibt immer wieder Alben, bei denen auch bestimmte Songs ebenfalls Album-Käufern vorbehalten und die nicht einzeln erhältlich sind. Von der Pink Floyd-Scheibe "Animals" beispielsweise sind nur zwei Songs einzeln erhältlich, und selbst das Hit-Album "Ta-Dah" der Scissor Sisters ist nur in Teilen per Einzel-Songkauf zu bekommen.

Karma durch Cola

Wer sich nicht scheut, die 16-stelligen Zahlenfolgen der Cola-Coins selbst einzugeben, kann sogar noch billiger an die virtuelle Währung kommen. Einige Händler bieten bei eBay für wenige Euro ganze Chargen von bis zu 1000 Deckelchen an. Wer angesichts der Dumpingpreise für die Dinger etwas für sein Karma tun möchte oder zumindest sein Gewissen beruhigen, sollte zumindest einen Teil der so erworbenen Codes spenden.

Auf der Cokefridge-Website gibt es unter dem Menüpunkt "Charity" nämlich die Möglichkeit, Coins für Renovierungsarbeiten in einem SOS-Kinderdorf zu spenden. Pro Coin gehen 0,25 Cent an dieses Projekt. Insgesamt sollen auf diese Weise bis zum 22. Dezember 100.000 Euro zusammenkommen. Noch steht der Zähler aber nur knapp über der 12.000 Euro Marke. Das lässt spendablen Code-Tippern reichlich Platz, ihre Cokefridge-Coins in Karma-Punkte umzuwandeln.

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