Aufstieg und Fall eines Start-ups Am Boom gescheitert

Die deutsche Start-up-Szene erlebt einen neuen Boom, nun besucht sogar die Kanzlerin junge Gründer. Doch das Überleben am Markt bleibt schwer. Das soziale Netzwerk Aka-Aki etwa wurde gefeiert und fiel dann tief. Chronik eines Absturzes.

Aka-Aki-Team: "Dem Hype darf man nicht trauen"
Aka Aki

Aka-Aki-Team: "Dem Hype darf man nicht trauen"

Von Max Biederbeck


Gabriel Yoran hatte eine geniale Idee, und scheiterte dennoch damit. Weil der Start-up-Gründer Geld verdienen wollte, konnte sein Produkt am Markt nicht bestehen. Heute ist er sicher: "Nur eine von zehn Geschäftsideen schafft es. Drei dümpeln vor sich hin. Der Rest verschwindet sofort wieder."

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Dabei sah es lange so aus, als sei sein Start-up Aka-Aki dieses eine Unternehmen, das es schafft. Die eine tolle Idee: Von den Medien gefeiert, mit Lead- und Webby-Awards preisgekrönt. Von 700.000 Nutzern geliebt.

"Aber dem Hype darf man nicht trauen", sagt Yoran heute. Alle würden zwar gerne über Projekte reden, die sie spannend finden. Ein gutes Geschäft stecke deshalb noch lange nicht dahinter. Das galt auch für sein Aka-Aki. Mittlerweile hat es keine Nutzer mehr. 2012 lösten Yoran und seine Mitgründer das Unternehmen auf.

Hoffnung auf das nächste Ebay

Junge kreative Köpfe vermarkten ihre Ideen, erfinden Apps oder erschließen den Online-Markt auf neue Weise. Das klingt nicht nur interessant, sondern ist Investoren auch eine Menge Geld wert. Immer früher versuchen Private-Equity- und Venture-Capital-Firmen, sich in solche Unternehmen einzukaufen. Die Start-ups selbst brauchen die Finanzspritze, um überhaupt auf den Markt kommen zu können.

Bei Gründern wie Investoren gibt es dabei immer die Hoffnung: Vielleicht ist ja irgendwo das nächste Facebook dabei, oder das neue Ebay. Die großen US-amerikanischen Vorbilder der Szene.

Das Interesse am neuen Unternehmertum ist so groß, dass sogar die Politik Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland sieht. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Kanzlerin Angela Merkel etwa besuchen am Donnerstag den erfolgreichen jungen Spielentwickler "Wooga" und treffen sich mit Start-up-Gründern und Finanziers der Szene. Präsenz zeigen.

Besonders um die Berliner Szene ist ein Hype entstanden, deren Schattenseiten Gründer Gabriel Yoran von Beginn an erlebt hat. 2004 kommt der damals 25-Jährige auf die Idee, ein Handy-Programm zu entwickeln. Es soll das Prinzip der zu dieser Zeit populären Netzwerke Xing und MySpace auf das Handy übertragen. "Ich dachte mir, vielleicht könnte man dieses 'Ich kenne den über den über den'-Prinzip auf die Straße bringen", erinnert sich Yoran. Die einfache Grundidee: Das Telefon piepst in der Hosentasche und teilt dem Nutzer mit - deine Freundin Anja ist in der Nähe.

Das iPhone kommt, die Nutzerzahlen explodieren

Als er die Idee einigen seiner Kommilitonen präsentiert, sind sie begeistert. Zusammen mit zwei externen Programmierern steigen sie ins Geschäft ein. Die Investoren stehen Schlange, noch bevor die Unternehmer ihr Produkt 2007 überhaupt veröffentlichen. "Der Hype ging schon los, als wir in einem Blog-Beitrag über unserer Idee geschrieben haben", erinnert sich Yoran. Schnell findet sich ein passender Geldgeber, die Nutzerzahlen steigen. Anfangs erst langsam, weil nur wenige Handys einen Internetzugang haben und mobile Datenverbindungen noch sehr teuer sind. 2008 kommt Aka-Aki aber schon auf 50.000 Nutzer.

Im Februar 2009 folgt die erste Aka-Aki-App für das iPhone und die Zahlen explodieren. "Wir hatten Hunderttausende neue Nutzer - gleichzeitig. Die haben uns völlig überrannt", sagt Yoran. Sein Start-up muss 40 neue Server kaufen, um die Überlastung unter Kontrolle zu bekommen. Ein enormer Aufwand. Yoran und seine Kollegen sind allein ein halbes Jahr damit beschäftigt, ihr System zu stabilisieren und für immer neue Server zu programmieren. Tag und Nacht.

Währenddessen kostet Aka-Aki immer mehr Geld, denn der Markt für neue Smartphone-Produkte wird härter. Mehr Anbieter wollen mitspielen. Die wenigen professionellen App-Entwickler verlangen immer höhere Preise. Weil Aka-Aki aber kostenlos ist, zahlen die Gründer für jeden neuen Nutzer drauf.

Die Gründer zerstreiten sich

Ein Finanzierungsmodell soll ihr Projekt retten. Sie entwickeln den Plan, die App über Werbung zu finanzieren. Aber auch auf diese Idee hoffen immer mehr Anbieter und nur wenige Werbekunden wechseln zunächst zum mobilen Markt. Die Werbebanner bringen deshalb immer weniger ein. Die ersten Nachahmer kopieren zudem das Prinzip von Aka-Aki.

Schließlich spalten sich die sieben Gründer in zwei Lager. Das eine will einen bezahlten Dating-Dienst im Netzwerk integrieren. Das andere baut auf das gerade wachsende Geschäft mit Social Gaming. Man ist uneinig darüber, wie es weitergehen soll.

Die Unternehmer ringen sich zur Gaming-Variante durch. Ein Fehler, denn die User nehmen das eigens neu entwickelte Spiel nicht an. Es scheint, als lasse sich mit Aka-Aki einfach kein Geld verdienen. Yoran und seine Kollegen entscheiden sich, das Unternehmen kontrolliert abzuwickeln, bevor sie insolvent gehen.

Für Investoren sind solche Misserfolge zu verkraften. "Es gilt zwar tatsächlich die Regel, dass nur ein bis zwei Investments zu großem Erfolg führen. Allerdings entwickeln sich weitere drei bis vier Start-ups zu profitablen und überlebensfähigen Firmen, die nur nicht diese extrem hohen Renditen bringen", sagt der Geschäftführer der Telekom-Tochter T-Venture Patrick Meisberger.

Yoran dagegen ist sicher, man müsse immer eins im Kopf behalten: Es sei der Normalfall, dass ein Start-up nicht funktioniert, egal wie groß der Hype darum ist. "Auf der einen Seite muss ein Gründer naiv genug sein, um zu glauben, er könne die Wahrscheinlichkeit besiegen. Gleichzeitig muss er im Geschäft eiskalt kalkulieren können", sagt er. Ein schwieriger Spagat.

Mittlerweile haben sich die Gründer auf neue Projekte verteilt. Yoran etwa kümmert sich wieder um eine Internet-Sicherheitsfirma, die er schon während der Schulzeit gegründet hat. Das sei zwar nicht so romantisch, aber ein gutes Geschäft. Er ist jetzt einer von denen, die profitabel vor sich hindümpeln.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
MartinK. 07.03.2013
1. Hmm
Zitat von sysopAka Aki Die deutsche Startup-Szene erlebt einen neuen Boom, nun besucht sogar die Kanzlerin ein junge Gründer. Doch das Überleben am Markt bleibt schwer. Das soziale Netzwerk Aka-Aki etwa wurde gefeiert und fiel dann tief. Chronik eines Absturzes. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/gescheitertes-startup-der-tiefe-fall-von-aka-aki-a-887134.html
Von Aka-Aki habe ich bis dato noch nichts gehört. Auch nicht aus meinem Freundeskreis. Ansonsten kann ich auch nur, mit den Worten von Public Enemy aus den 80er, sagen: "Don't belive the hype."
sonicsolar 07.03.2013
2.
Wie kann man denn so ein Ding aufziehen, ohne sich Gedanken übers Geldverdienen gemacht zu haben?
thomas.wolsch@gmx.de 07.03.2013
3.
Zitat von sysopAka Aki Die deutsche Startup-Szene erlebt einen neuen Boom, nun besucht sogar die Kanzlerin ein junge Gründer. Doch das Überleben am Markt bleibt schwer. Das soziale Netzwerk Aka-Aki etwa wurde gefeiert und fiel dann tief. Chronik eines Absturzes. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/gescheitertes-startup-der-tiefe-fall-von-aka-aki-a-887134.html
Hilfreich für den Leser wäre es auch gewesen, zu schreiben worum es sich bei Aka-Aki überhaupt handelt, Das soziale Netzwerk Aka-Aki sagt nichts über die "geniale" Idee dahinter aus. Was also soll den besser sein als bestehende Datenablieferwebseiten?
52m.de 07.03.2013
4. Auch kostenloses ...
... verursacht Kosten.
smartphone 07.03.2013
5. Startup etwa seichter Artikel
Generell haben wir hierzulande eine eher lausige Gründerunterstützerkultur . Natürlich ist es wichtig , "liken" nicht automatisch heißt, man ist auf Öl gestossen. Wesentlch wichtiger ist der Umgang hierzulande mit Hochqualifizierten schon im Vorfeld . Sprich wir haben eine HR-Kultur , die krass gesagt genau die besten der besten viel zu früh aussortiert .... Der nächste Punkt sidn Gründerzentren , die ausser "ist das überhaupt tragfähig" keinerlei Gespür entwickeln , was innovativ ist -sprich auch gefällig gefördert werden müßte. Stattdessen liegen gleich die Aasgeier auf der Lauer. Es ist von herausragendem Interesse ,daß man HWL IHK etc bezahlen muß . Wenn man die IHK mal mit gewissen Fakten konfrontiert weil einer ihrer Geschäftführer mal wieder weltfremdes Zeug in der Presse "lanciert" wird das als Meinung und nicht als unterlassene Arbeit ( seit Jahren ) interpretiert . Deutschland braucht keine Apphyper ,sondern Nachfolgeindustrien für die - das muß man mal aussprechen in dieser Form als Auslaufmodell anzusehene KFZ Industrie . Dazu bedarf es erst mal ganz andere Umgangsmethoden mit der wirklich systemwichtigen Klientel - der Ingenieure - Die Umgangmethoden ,die sich "unsre" BWLer" leisten ist halt nur auf Boni statt effektiver Arbeit reduzierbar ....
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