Geschichte eines Spiels Moorhuhns Mutter plant Nachwuchs

Eigentlich sollte die virtuelle Moorhuhnjagd nur auf fünf Laptops laufen. Doch daraus wurde nichts - zur Überraschung der Schöpfer des digitalen Federviehs. Und jetzt? Überschwemmen mehr oder weniger reale Moorhühner bald ganz Deutschland?

Von Alexander Stirn


Der große Erfolg war gar nicht geplant. Während heute lustig flatternde Moorhühner allerorten abgeknallt werden, sollte das Jagderlebnis ursprünglich eine wirklich exklusive Sache bleiben. Nicht

Das lacht das Moorhuhn: Ursprünglich als Promotion für wenige Kneipen gedacht, vergnügt sich nun halb Deutschland an der virtuellen Schrotflinte

Das lacht das Moorhuhn: Ursprünglich als Promotion für wenige Kneipen gedacht, vergnügt sich nun halb Deutschland an der virtuellen Schrotflinte

einmal fünfzig Kneipen hatte der Scotch-Produzent Johnnie Walker für eine ganz besondere Promotion ausgewählt. Das war im Herbst 1998.

Seitdem ist viel passiert. "Es ist schon ein Wunder, dass das Spiel so einschlägt", sagt Heidi Vorwerk. Die Chefin der Agentur V und B macht schon lange Werbung für Johnnie Walker. Bis vor wenigen Jahren war die allerdings auf Printmedien und Fernsehen beschränkt.

"Wir müssen irgendwas anderes machen", sagte sich Vorwerk. Also setzte sich das Team der Hamburger Agentur zusammen, strengte die kreativen Köpfe an und entwickelte Ideen rund ums Thema Scotch. Die passenden Analogien waren mehr oder weniger schnell gefunden: Schottland, Highlands, Jagd und zuletzt - richtig - Moorhühner. Die virtuelle Moorhuhnjagd in den schottischen Highlands war geboren.

Wenig später, im Frühjahr 1998, wurde das Konzept dem Kunden vorgestellt: erste Ideen, ein paar Skizzen und viele Worte. Dem Whisky-Hersteller gefiel's. "Das kam super gut an", erinnert sich Vorwerk. "Alle fanden die Idee saukomisch." Wohl nicht nur ganz freiwillig. Denn schließlich war Johnnie Walker auf der Suche nach einer frechen Idee, um die begehrte Zielgruppe der unter 30-Jährigen zu erreichen.

Im Sommer schließlich übernahm die Softwareschmiede Art Department das Projekt. "Wir sollten irgendwas interaktives, irgendein kleines Game programmieren", erinnert sich Creative Director Frank Ziemlinski. Nach knapp zwei Monaten war die Moorhuhnjagd fertig. Gespräche mit dem Auftraggeber folgten, das Spiel wurde noch etwas entschärft. Dann war auch Johnnie Walker mit dem Ergebnis zufrieden.

"Coole Sachen verlangen nun mal auch ein bisschen Mut", sagt Moorhuhn-Schöpfer Ziemlinski. Und sie zahlen sich aus. Aufgrund des großen Erfolgs hat Art Department zahlreiche Anfragen von anderen Firmen bekommen. Für die Bochumer, mittlerweile ein Label der Phenomedia AG,

Moorhuhns Mutter: Heidi Vorwerk ist Chefin der Hamburger Agentur V und B

Moorhuhns Mutter: Heidi Vorwerk ist Chefin der Hamburger Agentur V und B

sind solche Aufträge kein Neuland mehr: Schon Anfang der neunziger Jahre hat die Firma für den Snackhersteller "Bi-Fi" eines ihrer ersten Werbespiel entwickelt.

Rund 60.000 Mark hat die Programmierung gekostet, schätzt Heidi Vorwerk. Weitere 30.000 Mark gingen fürs Konzept drauf. Alles in allem dürften, so die 54-Jährige, wohl 200.000 bis 300.000 Mark ins Projekt Moorhuhn geflossen sein. Doch dann, im Herbst 1998, konnte das Promotion-Team endlich durch die Kneipen ziehen - in grüner Jagdkluft und mit fünf Laptops im Rucksack.

Für V und B war der Fall Moorhuhn damit abgeschlossen. Zumindest vorläufig. Bis im Sommer vergangenen Jahres auf einmal die Nachfrage nach dem Ballerspiel enorm anstieg. "Irgendwas muss passiert sein", sagt Vorwerk. Offensichtlich wurde das Spiel, das zunächst nur auf den Laptops existierte, kopiert und übers Internet verbreitet. Moorhuhns Mutter ist sich sicher: "Irgendwann wird so was zum Selbstgänger."

Und wie. Im Herbst tauchten die ersten privaten Homepages aus, von denen das Spiel heruntergeladen werden konnten. "Das haben wir am Anfang gar nicht so gern gesehen", sagt Vorwerk. Nicht verwunderlich, könnte der Download-Button fürs Johnnie-Walker-Spiel doch zufällig neben einem Werbebanner der Konkurrenz stehen.

Das ganz große Echo gab es jedoch erst, als der Berliner Radiosender 104.6 RTL das Spiel auf seinen Seiten angeboten hatte, als die Fernsehsendung "Giga" darauf aufmerksam wurde und als Harald Schmidt es kurz in seiner Sendung vorstellte. Allein 104.6 hat mehr als 5000 Downloads verzeichnet.

Noch lange nicht tot: Der Moorhuhn-Wahn scheint gerade erst zu beginnen

Noch lange nicht tot: Der Moorhuhn-Wahn scheint gerade erst zu beginnen

Der Moorhuhn-Wahn scheint noch nicht zu Ende. Seit Anfang des Jahres betreibt die Werbeagentur die offizielle Webseite zur Jagd. Und die Zugriffszahlen wachsen ständig. Allein in der vergangenen Woche hat V und B, so Vorwerk, 7000 Downloads gezählt. Dreimal so viel, wie in der Woche zuvor. Inzwischen gründen sich die ersten Fanclubs.

"Es war schon ein glücklicher Zufall, dass wir den Nerv der Leute so getroffen haben", räumt die 54-Jährige ein. Per E-Mail wird die Agentur mittlerweile auf dem Laufenden gehalten, welche Büros das Jagdfieber so alles gepackt hat. Zuletzt kamen Arbeitsämter, DaimlerChrysler und Flughäfen hinzu.

Auch V und B will den Moorhuhn-Hype nicht an sich vorbeiziehen lassen und versucht es kultig: Auf der Homepage doziert ein Dr. med. Horst Heiner Griltanz über den "kalten Moorhuhnentzug". Ein zweites Spiel soll in einigen Wochen fertig sein. Und demnächst will die Agentur groß ins Merchandising-Geschäft einsteigen.

Das Huhn aus den virtuellen Highlands könnte dann ganz schnell ziemlich real werden: auf T-Shirts, Schirmen und den Hutablagen deutscher Autos - als neue Form des "Wackeldackels".



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