Geschichten online: An die Mäuse, Genossen!

Von Gunnar Luetzow

John Bird, Gründer der Obdachlosenzeitschrift "The Big Issue", schlägt im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit neue Wege ein - über das Internet.

Egal, auf welche der zahllosen Londoner Straßen man seinen Fuß setzt, sie sind meist immer schon vor einem dort: die Verkäufer der Obdachlosenzeitung "The Big Issue", die zum Vorbild für entsprechende Blätter in aller Welt wurde.

John Bird: Unternehmer in Sachen Obdachlose

John Bird: Unternehmer in Sachen Obdachlose

Der 54-jährige "Big Issue"-Gründer John Bird ist jedoch alles andere als willens, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen oder gar früh in Rente zu gehen. Stattdessen engagiert er sich gegen Obdachlosigkeit und soziale Ungerechtigkeit jetzt auch im Netz.

Mit zwei Partnern, einer halben Million Pfund Risikokapital und seiner neuen Firma Burgeon Creative Ideas brachte er die Seite abctales.com an den Start, die es jedem User ermöglichen sollen, kreativ zu schreiben. Bereits jetzt sind dort mehrere hundert Geschichten im Angebot. Obwohl der Besucher der Seite mit einem herzlichen, vor britischem Understatement strotzenden "Welcome to probably the most exciting story site in the world" begrüßt wird, bleibt Birds Enthusiasmus auf dem Boden: "Natürlich gibt es nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal da gewesen und die Ingredienzien sind bekannt. Neu ist jedoch, dass wir die Suppe auf eine andere Art und Weise zubereiten", sagt der ABCtales-Chef. "Was uns dabei am Wichtigsten ist, dass wir Geschichten von ganz normalen Leuten veröffentlichen. Von Busfahrern beispielsweise - und allen anderen, die nicht in den Medien vorkommen und keine professionellen Autoren sind."

ABCtales: "Geschichten von ganz normalen Leuten"

ABCtales: "Geschichten von ganz normalen Leuten"

Dennoch kommen natürlich auch gelegentlich Semi-Prominente zu Wort, ohne die anscheinend in der britischen Medienszene nichts mehr geht. Als da wären: Punk-Pate Malcom McLaren, Body-Shop-Gründerin Anita Roddick, New-Age-Autoren, der eine oder andere Schauspieler und eine ehemalige als volksnah geltende Nordirland-Ministerin.

Da damit jedoch Geld weder auf die Schnelle noch langfristig zu machen ist, stellt sich die Frage, was das eigentlich soll. John Bird beantwortet sie wie folgt: "Unserer Ansicht nach schreiben zu wenig Leute, da sie es als bedrohlich empfinden. Viele wollen eine Geschichte oder ein Buch schreiben, aber haben einfach nicht den Mut, da sie sich vor dem Computer oder dem Papier fürchten und keine sonderlich gute Ausbildung genossen haben.

"Mit dem ABC als Grundlage geben wir ihnen einen Rahmen, mit dem sie beginnen können. Schließlich hat jeder eine Geschichte zu erzählen und mit der Zeit werden einige davon auch - genau wie "The Big Issue" - offline auf der ganzen Welt veröffentlicht."

Ein Mann mit Vergangenheit

"Was die Bedeutung des Schreibens angeht, spreche ich aus eigener Erfahrung", sagt Bird. "Ich komme selbst aus der Unterschicht, womit ich den verachteten Teil der Arbeiterklasse meine. Diejenigen, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, die wechselnde Wohnsitze haben und in Slums leben. Deren Alltag ist der tägliche Kampf ums Überleben. Meine Familie kam aus Irland und als ich 1946 geboren wurde, war unser Teil Londons zerbombt. Ratten, kein fließendes Wasser, kein Strom."

Was darauf folgte, war ähnlich tragisch: Waisenheim, Jugendgefängnis und "eine Menge Ärger", der durch Autodiebstähle nicht eben geringer wurde. Und dennoch: "Was mich aus all dem herausgeholt hat, war die Kreativität. Ich habe angefangen zu zeichnen und zu schreiben. Und vielen der Obdachlosen, mit denen ich heute arbeite, geht es ähnlich. Während der 25 Jahre, die ich trotzkistischer Revolutionär war, habe ich geglaubt, es gehe darum, die Gesellschaft zu verändern. Doch wenn man seine eigenen Einstellungen nicht ändert, ist man ebenfalls angeschmiert."

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