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Geschmackloser Scherz: Say Cheese - denn das ist Käse!

Der Typ ist Tourist, ganz offensichtlich. Und tot, sollte man meinen, denn schräg unter ihm rast gerade ein Flugzeug ins World Trade Center. Doch das inzwischen berühmte Foto ist kein Zeitdokument, sondern eine geschmacklose Fälschung.

Gefälschtes WTC-Foto: Winterjacke und Wollmütze im New Yorker Spätsommer?

Gefälschtes WTC-Foto: Winterjacke und Wollmütze im New Yorker Spätsommer?

Wer studiert hat, weiß das: Eine der ehernen Regeln in Uni-Mensen lautet, sich zum Essen niemals neben Medizin-Studenten im pathologischen Praktikum zu setzen. Außer man hat einen ungewöhnlich robusten Magen.

Denn im Angesicht des Horrors fangen Menschen an, blöde Witze zu reißen - eine besondere Spielart des Galgenhumors, der Konzepte wie Pietät völlig fremd sind.

Das kann man getrost auch von einem Bild sagen, das seine Reise um die Welt vor etwa 14 Tagen begann (erste Zusendung an SPIEGEL ONLINE: 17. September). Ein jugendlicher Tourist auf dem Dach des WTC ist darauf zu sehen - und links unten rast gerade ein Passagierflugzeug auf das Gebäude zu. Das Bild heißt mal "uoh.jpg", mal "missing.jpg" und verbreitete sich erst langsam, und nun in den letzten 48 Stunden mit zunehmender Geschwindigkeit.

Verbunden wird der Schnappschuss meistens mit folgender Legende: Das Bild habe sich auf einem Film gefunden, den man einer Kamera entnommen habe, die man in den Trümmern des WTC gefunden habe.

Das alles ist natürlich nur rabenschwarzer Humor, über dessen Qualität man sich nun streiten könnte. Trotzdem erreichen uns auch Anfragen, ob etwas dran sein könnte an dieser Legende.

Eine Frage, die man getrost verneinen kann. Abgesehen davon, dass es so gut wie undenkbar wäre, dass eine Kamera (und der sich darin befindliche Film) sowohl den Zusammenbruch des WTC als auch die dabei entwickelten Hitzegrade überstanden haben könnte, gibt es ein paar viel stichhaltigere Gegenargumente.

UrbanLegends weist darauf hin, dass sich sowohl rund um die eingebelendete Datums- und Zeitangabe als auch rund um den Umriss des Flugzeugs Spuren digitalen "Wischens" finden: Bei digitalen Montagen nutzt man die "blur" oder Wischer-Funktionen, um zu deutliche Schnittkanten beim Zusammenfügen von Bildern zu kaschieren.

Doch schwerer wiegen drei Argumente, die nicht von der Hand zu weisen sind: Erstens pflegte die Aussichtsplattform auf dem WTC nicht vor 9.30 Uhr für Touristen zu öffnen. Die Terror-Attacke hatte aber bereits um 8.45 Uhr stattgefunden.

Zweitens hätte man das erste in der Terror-Attacke benutzte Flugzeug von der Aussichtsplattform aus nicht fotografieren können: Die öffentliche Plattform lag auf dem Südturm des WTC. Die Attacke erfolgte von Norden. Ein Foto in Richtung Norden zeigte nichts als den Nachbarturm: Die Richtung, aus der die Attacke erfolgte, war die Einzige, in der die Aussichtsplattform keine freie Sicht bot.

Das anfliegende Flugzeug ist zwar eines der American Airline (wie Flug AA 011, der das WTC traf), aber vom falschen Typ: Im Bild sieht man eine Boeing 757. Flug AA 011 war eine Boeing 767.

Das Bild ist also nichts als eine Fälschung.

Tipps: Hoax-Buster

Eine ganze Reihe von Websites hat sich der Aufgabe verschrieben, die im Internet kursierenden Gerüchte und Verschwörungstheorien zu prüfen und gegebenenfalls zu entkräften. Zu den besten gehören mit Sicherheit das UrbanLegends-Archiv und die Urban Legends Reference Pages (beide in englischer Sprache). Frankophile Surfer finden in den Seiten der Hoaxbuster eine reichhaltige Quelle. Ausführlichere Hintergrundinformationen zur Entstehung moderner Mythen, Entzauberungen parawissenschaftlicher Theorien und vieles mehr findet man bei der Skeptic Society.

Vergleichsweise finster sieht es hingegen in Deutschland aus. Die deutschen Skeptiker-Seiten könnten inaktueller kaum sein, werden offensichtlich nur dann gepflegt, wenn das Magazin der Gesellschaft gerade erscheint. Ausgabe 2/2001 ist im Handel.

Eine gerade erst begonnene Initiative von Martin Ebert trägt in knapper, übersichtlicher Form schon einmal die diversen Mythen und Theorien in Sachen WTC zusammen.

Unumstritten erstklassig ist dagegen die Hoax-Info der TU Berlin. Dort geht es zwar vornehmlich um Viren-Falschmeldungen, doch auch gegen massiv verbreitete Gerüchte versuchen die TU'ler entsprechend vorzugehen.

Frank Patalong

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