Gesundheitsrisiko Bildschirmarbeit Pausenlos-Arbeiter in Zwangshaltung

Wer glaubt, bei der Büroarbeit könne man sich körperlich nicht kaputt machen, irrt: Stundenlanges Steifsitzen und Starren in unnatürlicher Haltung fordert auch physisch Tribut. Dagegenhalten kann man mit ergonomisch gestalteten Arbeitsplätzen - und mit kleinen Verhaltensänderungen.

Elementare Sitz-Gymnastik: Bewegen und Strecken soll man sich auch, wenn man nicht in einem Luxusbüro mit Blick aufs Wasser arbeiten darf
dapd/ DAK

Elementare Sitz-Gymnastik: Bewegen und Strecken soll man sich auch, wenn man nicht in einem Luxusbüro mit Blick aufs Wasser arbeiten darf


Dortmund/Mainz - Nacken und Schultern sind verspannt, der Rücken schmerzt, die Augen brennen. Etwa jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland klagt laut einer Befragung im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) häufiger über derlei Beeinträchtigungen durch Bildschirmarbeit.

Meistens treten Beschwerden des Bewegungsapparates auf. Sie sind gleichzeitig auch die häufigste Ursache, wenn Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen, wie die Fehlzeitenstatistiken der Krankenkassen bestätigen. "Das Problem ist, dass man sich zu wenig bewegt, wenn man zu lange in Zwangshaltung vor dem Rechner arbeitet", erklärt Stephan Letzel, leitender Arbeitsmediziner an der Uniklinik Mainz. Dadurch werden Muskeln, die für die Haltearbeit zuständig sind, einseitig belastet. Das Resultat sind Verspannungen und Schmerzen in Schulter, Nacken und um die Lendenwirbelsäule herum. "Es ist wichtig, dass die Leute nicht die ganze Zeit still sitzen, sondern auch mal aufstehen und sich zwischendurch bewegen", betont der Experte.

Ideal sind nach Meinung von Lars Adolph höhenverstellbare Tische, an denen auch mal im Stehen gearbeitet werden kann oder Stühle, bei denen sich Rückenlehne und Sitzfläche mitbewegen. Der Abteilungsleiter für Ergonomie bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund empfiehlt außerdem, Bewegungsabläufe in den Arbeitsalltag einzuplanen. Das könne beispielsweise das Telefonieren im Stehen sein oder kleine Wege zu Aktenschränken oder zum Kollegen im Nebenbüro. Auch wenn der Drucker nicht in Handreichweite aufgestellt ist, wird der Büromensch gezwungen, sich zu bewegen.

Kriterien für einen ergonomisch gestalteten Büro-Arbeitsplatz
Tisch
Ausreichend groß ist die Arbeitsfläche, wenn sie mindestens 1,60 Meter breit und 80 Zentimeter tief ist. Der Tisch sollte so hoch sein, dass die Tischkante bei locker herabhängenden Oberarmen etwa auf der Höhe der Ellenbogen liegt. Die Füße müssen ganzflächig auf dem Boden stehen. Bei nicht höhenverstellbaren Tischen und kleinen Menschen können Fußstützen als Notbehelf dienen - sie engen allerdings die Bewegungsfreiheit ein.
Stuhl
Ein ergonomischer Stuhl ist in der Höhe und Sitztiefe verstellbar und besitzt Rollen. Sitz- und Rückenlehne sollten sich mit jeder Körperbewegung permanent neigen lassen. Die Rückenlehne reicht idealerweise bis zu den Schulterblättern und stützt den unteren und mittleren Rücken perfekt ab. Armlehnen können die Schulter- und Nackenmuskulatur entlasten, wenn sie nach vorne geneigt sind oder noch besser in Höhe und Breite verstellbar sind. So lassen sie sich den unterschiedlichen Körpermaßen anpassen.
Bildschirm
Ein 15-Zoll-LCD-Bildschirm (38 cm) ist richtig aufgestellt, wenn der Sehabstand 60 Zentimeter beträgt. Um gut lesbar zu sein, müssen die Schriftzeichen dann - gemessen am Großbuchstaben E - mindestens 3,9 Millimeter groß sein. Entspannter für Augen und Nackenmuskulatur ist es, wenn die Oberkante des Bildschirms etwas unterhalb der horizontalen Sehachse liegt und der Bildschirm so nach hinten geneigt ist, dass der Blick senkrecht auf die Bildschirmoberfläche fällt. Um Blendungen zu vermeiden, sollten Arbeitsplatz und Bildschirm so angeordnet sein, dass der Blick parallel zum Fenster gerichtet ist.
Tastatur
Um genügend Fläche für Hände und Arme zu haben, empfehlen Ergonomen, die Tastatur 10 bis 15 Zentimeter von der Tischkante entfernt zu platzieren. Damit die Handgelenke nicht nach oben abgeknickt werden, sollte die Tastatur möglichst flach sein und nicht steil nach oben geneigt werden. Auch Handballenauflagen können sinnvoll sein.
Maus
Grundsätzlich sollte die Maus nicht zu klein und der Handform des Benutzers gut angepasst sein. Bis auf Laptop-Mäuse, die auf Dauer nicht zu empfehlen sind, treffen diese Anforderungen auf die meisten Mäuse zu. Treten Beschwerden in Hand oder Arm auf, kann man auch auf spezielle ergonomische Mäuse zurückgreifen - oder auf Grafiktablets, bei denen völlig andere Bewegungsmuster abgerufen werden.

Quelle: Forschungsberichte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Besonders belastet sind auch die Augen, die vor dem Bildschirm täglich Höchstleistungen vollbringen. Um sie nicht noch mehr zu strapazieren, sollte alles vermieden werden, was die Augen zusätzlich anstrengt, sagt Adolph: "Glänzende Bildschirmoberflächen, wie sie bei Laptops fast durchgängig zu finden sind, stören den Betrachter, weil sich Objekte darin spiegeln. Sie sind für die Büroarbeit nicht geeignet." Auch wenn es zu dunkel ist, leide das Auge, weil die Pupillen ständig geweitet sind. Als Folge könne der Augeninnendruck steigen, und dies führt zu Augenschmerzen. Tückisch bei der Bildschirmarbeit sei auch der konzentriert starre Blick auf den Bildschirm: Anstatt wie durchschnittlich üblich etwa 25-mal blinzele das Auge dabei oft nur zweimal pro Minute. Dadurch werde der Augapfel nicht ausreichend mit Tränenflüssigkeit benetzt, wodurch die Augen anfangen zu jucken und sich zu röten. Wer seinen Augen etwas Entspannung gönnen will, der solle öfter mal aus dem Fenster schauen und regelmäßig für fünf bis zehn Minuten von der Bildschirmarbeit pausieren.

Wer Rücken und Augen schonen will, sollte seinen gesamten Arbeitsplatz ergonomisch, also möglichst belastungsarm einrichten. Detaillierte Informationen, wie man einen Computerarbeitsplatz optimal gestaltet, sind beispielsweise auf den Internetseiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin frei zugänglich.

Der BMAS-Studie aus dem Jahr 2007 zufolge wiesen rund drei von vier untersuchten Arbeitsplätzen Mängel auf - sei es, dass die Beleuchtung nicht optimal, das Mobiliar ungeeignet oder der Bildschirm veraltet war. "Da gibt es noch viele Aufklärungsdefizite - sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Unternehmen. Aber auch Ärzte und Sicherheitsfachleute adressieren dieses fehlerhafte Verhalten nicht immer angemessen", sagt Ergonomieexperte Adolph.

Helmine Braitmaier/dapd



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