Giganten-Flirt Zusammen sind wir dick

In den vergangenen acht Jahren ist Google den einstigen Hausherren des Webs, Microsoft und Yahoo, über den Kopf gewachsen. Sollten diese nun fusionieren, sähe sich Google mit einem kapitalen Konkurrenten konfrontiert. Kleinere Mitbewerber hätten zwischen den Giganten keinen Platz mehr.

Von


Hand aufs Herz: Kennen Sie jemanden, der für die Suche im Internet nicht Google nutzt? Gemeint ist nicht ab und zu, wenn man spezielle Suchinteressen hat, sondern für die ganz normale, tägliche Suche im Netz. Kennen Sie Menschen, die statt Google beispielsweise MSN Search (neuerdings live.com genannt) nutzen, Yahoo, AOL, Altavista, WiseNut, A9, Fireball, Lycos, Seekport, Ask, Teoma, Hotbot, Abacho oder sonstwen?

Aus zwei mach eins: Klingt wie ein Schreckschrei - fragt sich nur, für wen?
[M] SPIEGEL ONLINE; Fotos: AP

Aus zwei mach eins: Klingt wie ein Schreckschrei - fragt sich nur, für wen?

In Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie so jemanden nicht kennen - fast so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auch das Gros der oben genannten, einst alle leidlich prominenten Searchengines längst vergessen oder nie genutzt haben. In Sachen Internet ist Deutschland allerdings ein Markt der Extreme: Während Google weltweit einen Marktanteil von rund 55-57 Prozent für sich beanspruchen kann (sagen etwa Nielsen Netratings oder Comcast), liegt der hierzulande bei unfassbaren 89,2 Prozent (aktuelle Statistik, Webhits).

Yahoo und MSN Search kommen demnach zusammen auf knapp fünf Prozent aller Suchanfragen, was die Betreiber natürlich bestreiten würden. Wir Heimnutzer aber ahnen, wie nahe das der Wahrheit kommt: Google verdrängt zunehmend alle anderen Suchmaschinen.

Yahoo und Microsoft wissen das auch. In den USA sind sie noch immer stark, im englischsprachigen Web verbuchen sie nach wie vor 20 respektive knapp über zehn Prozent Marktanteil. Den haben sie in den letzten Jahren allerdings mächtig krümeln sehen, und der Profiteur ihres Schwundes war stets derselbe: Google.

Gerade Yahoo bekam in den vergangenen Jahren zunehmend zu spüren, was das heißt. Während es bei Google schon unter "Enttäuschung" läuft, wenn das Unternehmen im Vierteljahr nur 4,7 Milliarden Dollar umsetzt, bröckeln bei der Konkurrenz die Einnahmen. Kein Markt ist so brutal wie das Internet, wo jede Firma, die eine Nische besetzt, prinzipiell auch den ganzen Markt beherrschen kann.

Eine schwelende Affäre

Dass Microsoft da nicht ewig zusehen konnte, war klar. Bill Gates war Mitte der Neunziger zwar mit deutlicher Verspätung, aber dem festen Willen angetreten, die Märkte des Webs aufzurollen. Geschafft hat das Microsoft nirgendwo - vom Internet Explorer einmal abgesehen. Google hat sich derweil zum lukrativsten Web-Unternehmen weltweit gemausert. Und womit? Mit der Wahrnehmung durch Menschen, werblich vermarktet.

Aus Microsofts Perspektive droht das zum Selbstläufer zu werden: Je größer der dickste Dampfer auf dem Markt, desto dunkler sein Schatten, in dem man die Konkurrenten nicht mehr sieht - wer wüsste das besser als Microsoft?

Aus eigener Kraft ist es in den letzten Jahren weder Microsoft, noch anderen Google-Konkurrenten gelungen, sich dagegen zu stemmen.

Gerade MSN, ein im Grunde nur in den USA wahrgenommenes Angebot, taumelt seit Jahren zwischen verschiedensten Marktpositionierungen, wollte Inhalteportal sein, AOL-Konkurrenz, universelle Dienstleistungsschnittstelle bis hin zum Inkasso - und immer wieder zur besten, meistgenutzten Suchmaschine werden.

Microsoft folgte dabei oft den Trends, die Yahoo setzte, um wieder anderen Trends hinterher zu hecheln. Denn wenn MSN der ewige Dritte im Web-Suchmarkt zu sein schien, war Yahoo spätestens seit 1997 der ewige Zweite. Diese offensichtliche Verwandtschaft musste dazu führen, dass sich die beiden irgendwann beschnüffelten.

Bleibt die Frage, ob zwei hinkende Herren mittleren Alters zusammen schneller sind als ein Jugendlicher Sprinter. Im Web ist auch das durchaus möglich.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.