Werbung nach Totgeburt Trauernde Mutter schreibt bewegende Anklage gegen Tech-Konzerne

Eine US-Journalistin verliert ihr Kind vor der Geburt - und bekommt im Netz weiter Werbung für Schwangere und Mütter angezeigt. Ihren Ärger darüber dokumentiert sie in einem Twitter-Post, der gerade viral geht.

Smartphone mit Facebook-Logo
DPA

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Eigentlich sollte Gillian Brockells Sohn Ende Januar zur Welt kommen. Am 30. November jedoch schrieb die US-Journalistin, die für die "Washington Post" arbeitet, auf Twitter: "Wir sind untröstlich, euch allen mitzuteilen, dass unser Babyboy, Sohan Singh Gulshan, tot geboren wird." Sie und ihr Partner seien deshalb derzeit im Krankenhaus. Einige Twitter-Nutzer sprachen Brockell, die auf Instagram einen ähnlichen Beitrag veröffentlicht hat, daraufhin ihr Beileid aus.

Zwei Wochen später sind unter Brockells altem Posting diverse Anteilnahmebekundungen hinzugekommen, andere Frauen berichten dort von ihren eigenen Erfahrungen - denn was Brockell durchgemacht hat und weiter durchmacht, ist seit Dienstag ein Thema, das längst nicht mehr nur ihre Freunde und Follower bewegt.

Mit etwas Abstand zu ihrem Krankenhaus-Aufenthalt hat die Journalistin einen offenen Brief an vier Tech-Konzerne ins Netz gestellt, in dem sie über deren Anzeigen-Systeme klagt. Innerhalb von kaum zwölf Stunden wurde Brockells Schreiben auf Twitter mehr als 13.000-mal retweetet und über 30.000-mal mit "Gefällt mir" markiert.

Vier prominente Adressaten

"Ich weiß, dass ihr wusstet, dass ich schwanger war", heißt es in dem Brief, den Brockell an Twitter, Facebook, Instagram und die Datenanalyse- und Credit-Score-Firma Experian richtet. "Es ist meine Schuld, ich konnte diesen Instagram-Hashtags nicht widerstehen: #30weekspregnant, #babybump."

Unter anderem habe sie auch ein- oder zweimal auf die Werbung für Schwangerschaftsbekleidung geklickt, die ihr Facebook angezeigt habe, schreibt Brockell, und: "Vermutlich habt ihr mich nach 'Stillmode für die Feiertage' und 'geeigneter Farbe fürs Babybett' googeln gesehen."

Dann fragt die Journalistin: "Aber habt ihr nicht auch gesehen, wie ich 'Sind das Vorwehen?' und 'Baby bewegt sich nicht' googelte? Habt ihr nicht die drei Tage Stille mitbekommen, die ungewöhnlich für einen Vielnutzer wie mich war? Und dann die Ankündigung mit Begriffen wie 'untröstlich', 'Problem' und 'tot geboren' und die 200 Trauer-Emoticons meiner Freunde? Ist das etwas, das ihr nicht erkennen konntet?"

Anzeigen wie zuvor

Als sie nach der Totgeburt ihr Smartphone benutzt habe, "für ein paar Minuten Ablenkung vor dem nächsten Heulen", habe sie weiter die Anzeigen gesehen, die sie auch bekommen hätte, wenn ihr Kind noch leben würde, schreibt Brockell. Von Experian habe sie sogar noch eine Spam-Mail bekomme, die sie aufforderte, "die Registrierung ihres Babys abzuschließen", die sie nach eigener Aussage nicht einmal begonnen hatte.

Dann berichtet sie, was passierte, als sie unpassende Anzeigen über Klicks auf Optionen wie "Werbeanzeige verbergen" und "Das ist nicht relevant für mich" auszublenden versuchte: Es kamen andere Anzeigen. "Wisst ihr, was euer Algorithmus entscheidet, Tech-Konzerne?", fragt die Journalistin . "Er entscheidet, dass man ein Kind bekommen hat, geht von einem guten Ausgang aus und überschüttet einen mit Anzeigen für die besten Still-BHs (...…) und Tricks, wie man sein Baby nachts zum Durchschlafen bringt."

Ihr Schreiben schließt Gillian Brockell mit einem Vorschlag für die Tech-Firmen: "Wenn ihr klug genug seid, mitzubekommen, dass ich schwanger bin, dass es eine Geburt gab, dann seid ihr sicher auch klug genug, mitzukriegen, dass mein Baby gestorben ist, und dann könnt ihr eure Anzeigen anpassen, oder vielleicht, aber nur vielleicht, mir gar keine mehr zeigen."

Zuspruch vieler Nutzer

Zahlreiche Nutzer unterstützen auf Twitter Brockells Aufruf, jemand schreibt ihr: "Ich werde dafür sorgen, dass alle meine Informatikstudenten Ihren Brief sehen werden."

Auch ein Facebook-Manager, der für Anzeigen zuständig ist, hat sich bereits zu Wort gemeldet. Rob Goldman sprach sein Beileid für den Verlust und die "schmerzhafte Erfahrung mit unseren Produkten" aus, dazu erwähnte er die Option, bei Facebook Anzeigen zum Thema "Kindererziehung" zu blockieren. Das System müsse noch besser werden, schrieb Goldman, "aber bitte seien Sie versichert, dass wir daran arbeiten und dankbar sind für Ihr Feedback."

Brockell schrieb zurück, jemand habe ihr vor einigen Tagen bereits gezeigt, wie man bestimmte Anzeigen abschaltet (unter Einstellungen/Werbeanzeigen/Werbethemen verbergen): Während man trauert, sei es aber schwierig, die passende Einstellung zu finden. "Aus diesem Grund schlug ich eine Werbepause vor, sobald ein Begriff wie 'Totgeburt' fällt."

Für Facebook ist es nicht das erste Mal, dass das Unternehmen mit unpassenden Einblendungen nach Todesfällen konfrontiert wird. 2014 bat das Unternehmen um Entschuldigung, nachdem in seinem automatisch generierten Jahresrückblick für den Web-Designer Eric Meyer zwischen Partyfotos und positiven Sprüchen auch immer wieder dessen Tochter aufgetaucht war. Sie war im Juni 2014 an ihrem sechsten Geburtstag gestorben.

mbö



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