Gina-Lisa Lohfink Eine Demütigung, eine Million Mal geklickt

Der Fall Gina-Lisa Lohfink sorgt für Empörung. Es geht um den Vorwurf einer Vergewaltigung, festgehalten auf Video. Auf einem Pornoportal ist der Clip eine Million Mal geklickt worden - erst jetzt wurde er gelöscht.


Am Freitagmorgen kommt die Antwort von Corey von Pornhub. Man sei über die Angelegenheit informiert, schreibt er. Und: "Wir haben schnell reagiert, so wie wir es immer tun, um Inhalte zu entfernen, die gegen unsere Geschäftsbedingungen verstoßen."

Die Angelegenheit - das ist ein Video, in dem der Reality-TV-Star Gina-Lisa Lohfink und zwei Männer zu sehen sind. Es wurde vor vier Jahren aufgenommen, ist aber in diesen Tagen wieder Thema vieler Diskussionen. Pornhub - das ist eine der größten Pornoseiten weltweit. Und das mit dem "schnell reagiert" ist schon ein bisschen dreist.

Pornhub löschte das Video nur nach einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE - und erst nachdem es mehr als eine Million Mal angeklickt worden ist während des einen Jahres, das es online stand.

Die Vorgeschichte: Gina-Lisa Lohfink gibt an, im Juni 2012 von zwei Männern vermutlich mit K.-o.-Tropfen betäubt worden zu sein, bevor der anschließende Sex gefilmt wurde. Sie hat beide Männer wegen Vergewaltigung angezeigt. Die zuständige Richterin zeigte sich von der Beweislage nicht überzeugt. Stattdessen wurde der ehemalige "Germany's Next Topmodel"-Star wegen Falschverdächtigung dazu verdonnert, eine Geldstrafe von 24.000 Euro zu zahlen. Lohfink hat dagegen Einspruch erhoben.

Die Vorkommnisse sorgen für Empörung - auch weil das fragliche Video einen anderen Hergang nahelegt: von einer Frau, die weggetreten wirkt und mehrfach "Hör auf" sagt. (Die Hintergründe beim "Stern").

Das besonders Perfide an dem Fall ist, dass Videoclips der fraglichen Nacht im Juni 2012 gleich in den Tagen darauf Redaktionen angeboten und dabei auch als "Vergewaltigungsvideo" beworben worden sind. Dass, nachdem der Verkauf nicht klappte, Videos im Netz kursieren. Dass sich die offenkundige Demütigung von Gina-Lisa Lohfink tausendfach, millionenfach wiederholt.

Was geht in den Leuten vor, die sich dieses Video anschauen?

Einer der Männer ist verurteilt worden, weil er das Video verbreitet hat und damit gegen die Persönlichkeitsrechte Lohfinks verstoßen hat. Wie aber kann es sein, dass ein Video, das unrechtmäßig verbreitet worden ist und in dem es deutliche Anzeichen dafür gibt, dass eine Frau möglicherweise missbraucht wird, ein Jahr lang bei Pornhub steht?

Selbst nach der Löschung dieses einen Clips finden sich auf dem Portal weiterhin kürzere Fassungen des Videos - in den dazugehörigen Kommentaren monieren mehrere Pornhub-Nutzer, dass eine Vergewaltigung zu sehen sei. Diese Ausschnitte wurden bereits vor zwei bzw. drei Jahren hochgeladen. Und auch auf anderen kleineren Portalen ist das Video zu finden.

Wer sich die fraglichen Clips anschaut, sieht und hört tatsächlich einiges, was auf eine Vergewaltigung hindeutet: dass Lohfink betäubt wirkt, ihr wiederholtes "Hör auf", die Sprüche der Männer.

Beim letzten Check wurde der gut zwei Minuten lange, nun gelöschte Clip 1.027.969 Mal angeklickt. 52 Prozent der User-Bewertungen lauten: Daumen hoch (der Anteil liegt niedriger als bei anderen Videos - was kaum ein Trost sein dürfte).

  • Was geht in den Leuten vor, die sich diese Demütigung anschauen?
  • Was in den Köpfen derer, die anschließend auf "Daumen hoch" geklickt haben?
  • Und was bei den Betreibern von Pornhub?

Viel ist über das Portal nicht bekannt, das 2007 auftauchte und als eine der größten Porno-Seiten weltweit gilt. Zum Pornhub-Netzwerk gehören die ebenfalls sehr großen Seiten RedTube und YouPorn.

Die Verantwortung von Pornhub

Der Deutsche Fabian Thylmann hat mal das Porno-Netzwerk gekauft, zu dem Pornhub gehörte, es dann aber wieder verkauft. Seinen Hauptsitz hat Pornhub in Montreal, Kanada. Weitere Büros und Server stehen laut Wikipedia in San Francisco, Houston, New Orleans, London. Wer aktuell Chef ist, ist unbekannt. Vice President of Operations ist Corey Price, es ist wohl jener Corey, der die Anfrage beantwortet hat.

Pornhub pflegt das Image einer irgendwie lustigen Unternehmung, die mit schlüpfrigen Pressemitteilungen immer wieder Öffentlichkeit bekommt. Kaum eine Woche, in der nicht über irgendeine Pornhub-Statistik berichtet wird: Welches Land angeblich wozu masturbiert, welche Nationen am längsten können.

Vergangene Woche meldete Pornhub den Start einer Pornoparodie in virtueller Realität, in dem ein Donald-Trump-Doppelgänger vorkommt. Solche Dinge.

Selbst für wohltätige Zwecke will man sich bei Pornhub engagieren: 2012 lief eine Aktion, laut der für alle 30 Klicks in den zwei Kategorien "große Brüste" und "kleine Brüste" Geld für eine Anti-Brustkrebs-Kampagne gespendet worden sei.

Das ist clever, aber irreführend: Pornhub ist nämlich nicht nur die Seite mit lustig-schlüpfrigen Statistiken, sondern eben auch ein Portal, in dem sich bewusste Schändungen und etwas, das für viele nach Vergewaltigung aussieht, hervorragend verbreiten lassen. Und wo sich die Demütigung einer Frau eine Million Mal wiederholt, bevor die Betreiber einen Finger rühren.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde nach Veröffentlichung um den Hinweis ergänzt, dass sich auf dem Portal Pornhub weiterhin kürzere Fassungen des gelöschten Videos befinden.

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