Globale Gesprächsspione Jäger des verlorenen Satzes

Die Plauderei auf der Straße oder in der U-Bahn, das intime Gespräch auf der Parkbank - in einer Großstadt ist das Private öffentlich. Weltweit sammeln heimliche Lauscher peinliche oder bizarre Konversationen. Im Netz entsteht eine literarische Geografie des witzigen Plauschs.

Von


"Wenn er mir nicht das verdammte Geld gibt", schrie der New Yorker im Anzug in sein Mobiltelefon, "dann bring ich die Schlampe um!" Der Obdachlose, an dem er gerade vorbeiging, warf ein: "Wie wäre es, wenn du mir ein bisschen Geld gibst, und ich bringe die Schlampe um?" Zum Glück hatte jemand mitgehört.

Der amerikanische Tourist kannte sich aus mit Immobilien. Windsor Castle sei ja gut und schön, meinte er, aber "warum zum Teufel hat die Queen es so nah an der Autobahn gebaut?" Dieser nicht nur fürs kulturhistorische Überlegenheitsgefühl der Briten wunderschöne Satz wäre verloren gewesen, ausgesprochen und vergessen, hätte ihn nicht eine Einheimische mitgehört - und online gestellt, auf der Seite "Overheard in London".

Die Lauscher sind nur zwei von vielen. Weltweit sammeln Menschen das, was am Nebentisch im Restaurant, an der Bushaltestelle oder in der U-Bahn an Bizarrem, Bösartigem und schlicht Dämlichem zu hören ist und teilen ihre Lieblings-Gesprächsschnipsel mit der Welt. In Verbindung mit den Darstellungsmöglichkeiten des Netzes in Zeiten von Google kann so eine globale Geografie der öffentlichen Konversation entstehen. Das Volk schaut sich selbst aufs Maul.

"Der hübscheste Mann, den ich je gesehen habe"

So richtig ins Rollen gebracht hat den elektronischen Tratsch über Unbekannte Morgan Friedman. Vor drei Jahren hörte der New Yorker ein Gespräch mit, das ihm zu gut gefiel, um es für sich zu behalten. Er stellte "Overheard in New York" ins Netz, eine Webseite, die sich ausschließlich belauschten Kurz-Konversationen widmet, einen "Liebesbrief an New York", wie Friedman selbst sagt. Mit Liebesbotschaften wie der eines Mannes, der seinem Sohn weise Ratschläge über Metropolen erteilte: "Siehst du den Mann da drüben? Siehst du, dass der eine andere Farbe hat als du? So was sieht man manchmal in großen Städten."

Nun werden Verwirrungen wie die eines jungen Mannes, der eine junge Frau in der Damentoilette als "hübschesten Mann, den ich je gesehen habe" pries, für die Ewigkeit und ein globales Publikum aufgezeichnet - mit der Hilfe von Hunderten von bereitwilligen Lauschern in den Straßen und Gebäuden der Stadt.

Ein Team von Redakteuren filzt die Einsendungen, prüft sie auf Plausibilität und wählt die besten/bösesten aus. Zum Beispiel die Antwort eines kleinen Jungen am Flughafen auf die Frage seiner Mutter, wer wohl zu Hause miauend in seinem Bett warten würde: "Daddy!"

Bloß keine Verabredung mit seiner Unterwäsche

Friedmans Team versieht die Zitate mit gemeinen Überschriften ("Kandidat für den Papa des Jahres") und stellt sie auf die Seite. Mittwochs gibt es statt der Gesprächsschnipsel eine ganze Flut thematisch sortierter Einzeiler - diese Woche ist zum Beispiel Leibwäsche dran ("Ich werde meine Unterwäsche sicher zu keiner Verabredung mit seiner Unterwäsche gehen lassen").

Das Konzept ist erfolgreich - inzwischen sind zu "Overheard in New York" noch die Schwesterseiten "Overheard at the Office" und "Overheard at the Beach" hinzugekommen, und sogar ein Buch mit ausgewählten Kurzdialogen gibt es bereits. Und weil das System so simpel wie universell ist, gibt es weltweit ähnliche Initiativen: Von Dublin bis Nairobi, von Bukarest bis Singapur werden aufgeschnappte Konversationsfetzen katalogisiert.

"Dieser Fahrstuhl fährt in die Stadt"

Für Volkskundler tut sich da ein ganz neues Reservoir an Forschungsmaterial auf - auch wenn die Glaubwürdigkeit der einzelnen Einsendungen zuweilen zweifelhaft ist. Auch für den Laien bieten die Lauscher-Seiten die Möglichkeit, Studien über globale Lachgewohnheiten anzustellen.

Indischer Humor beispielsweise ist für Europäer eher gewöhnungsbedürftig ("Die Zigaretten sind teurer geworden - hör' also lieber zu rauchen auf." - "Jaja! Aber die Krebsmedikamente sind dafür billiger geworden - das gleicht sich aus …"), und kenianischer wirkt für uns eher surreal ("Fährt dieser Fahrstuhl nach oben oder nach unten?" - "Er fährt in die Stadt!"). Während etwa in Irland Wert auf eine ziemlich ausführliche Vorgeschichte gelegt wird, sind die New Yorker Konversationen unübertroffen in Kürze und Drastik.

Ihre perfekte Form hat die dokumentarische Straßen-Literatur erst jetzt gefunden - mit Hilfe des Mashup-Prinzips: Mihai Parparita, ein Softwareentwickler und Blogger, hat Ortsinformationen und Zitate aus "Overheard in New York" mit Google Maps kombiniert und das Ergebnis "Overplot" genannt. Die Straßen von Gotham sind bei ihm eine urbane Konversationslandschaft, die zu einem virtuellen Lausch-Spaziergang über den Broadway oder einem neugierigen Wort-Bummel durch den Central Park einlädt.

"Overplot" macht süchtig: Worüber wird am Flughafen gesprochen, worüber in Harlem, worüber im Bankenviertel? Inspirieren Fähr-Fahrten andere Gespräche als Bustouren? Sind die Menschen in armen Vierteln netter zueinander als in Reichen?

Was jetzt noch fehlt, ist eine globale Variante von "Overplot", eine Weltkarte des belauschten Gesprächs. Und eine deutsche Version von "Overheard in …" - so eine ist uns nämlich bislang nicht bekannt.

Nachtrag: Mehrere Leser haben auf die "Datenbank des Vorüberschreitens" der Künstlergruppe monochrom mit Gesprächen aus den Straßen Österreichs hingewiesen - die wollen wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten. Und auch eine deutsche Sammelseite gibt es: Belauscht.de. Jetzt warten wir auf Overplot Deutschland.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.