Diskussion um Privatsphäre Google verteidigt Gmail-Werbetechnik gegen Kritiker

Haben Gmail-Nutzer kein Recht auf Privatsphäre? Ein Schreiben von Google-Anwälten scheint das nahezulegen und hat in den USA Verbraucherschützer gegen den Konzern aufgebracht. Die Kritik ist teilweise unangebracht und kommt für das Unternehmen zu einem schlechten Zeitpunkt.

Google-Logo: Streit mit Verbraucherschützern
REUTERS

Google-Logo: Streit mit Verbraucherschützern


Ein einziger Absatz hat dafür gesorgt, dass Google derzeit heftiger Kritik ausgesetzt ist. Der Absatz stammt aus einem 39 Seiten langen Schreiben, in dem sich Googles Anwälte gegen eine Sammelklage wehren. In dem Verfahren geht es um Googles Praxis, den Text aller via Gmail verschickten und empfangenen Nachrichten automatisch nach Stichwörtern zu durchsuchen, um neben den Nachrichten passende Werbung zu platzieren. Die Kläger sehen diese Analyse ihrer Nachrichten als Eingriff in die Privatsphäre.

In ihrer Erwiderung auf die Klage haben Googles Anwälte sich nun auf eine Urteil von 1979 bezogen und den folgenden, offenbar etwas ungeschickt formulierten, Absatz geschrieben: "Wie der Versender eines Geschäftsbriefs damit rechnen muss, dass der Assistent des Empfängers das Schreiben öffnet, muss der Nutzer eines Web-basierten E-Mail-Dienstes damit rechnen, dass seine E-Mails vom E-Mail-Provider des Empfängers automatisiert verarbeitet werden. 'Eine Person hat keinen legitimen Anspruch auf Vertraulichkeit von Informationen, die er Dritten zur Verfügung stellt'."

Die amerikanische Verbraucherschutzgruppe Consumer Watchdog bezeichnete Googles Erklärung umgehend als "erstaunliches Eingeständnis". Schließlich habe der Konzern damit erklärt, Gmail-Nutzer hätten keinen Anspruch auf Privatsphäre. Wer Wert auf Privatsphäre lege, solle auf die Nutzung des Google-Dienstes verzichten, raten die Verbraucherschützer harsch.

Zudem sei das von Google angeführte Beispiel irreführend. "Eine E-Mail zu versenden, ist wie einen Brief mit der Post zu verschicken. Von der erwarte ich, den Brief dem auf dem Umschlag genannten Empfänger zuzustellen und nicht, dass der Postbote den Brief öffnet und liest", so der Datenschutzbeauftragte der Organisation John M. Simpson.

Google wehrt sich

Google hingegen findet die Vorwürfe unbegründet. Der Konzern erklärte in einer Stellungnahme, man nehme die Privatsphäre und Sicherheit seiner Nutzer sehr ernst, anderslautende Behauptungen seien "schlicht unwahr." Die in Gmail eingebauten Sicherheits- und Datenschutzfunktionen seien auf höchstem Niveau. "Unabhängig davon, wer eine E-Mail an einen Gmail-Nutzer schickt, dieser Schutz wirkt".

In vielen aktuellen Kommentaren heißt es, die Kunden hätten doch Googles Nutzungsbedingungen zugestimmt. Das Fachblog "The Verge" macht hingegen darauf aufmerksam, dass es in der Argumentation nicht um Nutzer von konzerneigenen Angeboten geht. Vielmehr bezögen sich die Aussagen auf Nutzer anderer Dienste, die nicht in die Google-AGB eingewilligt hätten.

Mehr Service, weniger Privatsphäre

"The Next Web" fügt an, die Debatte werde zusätzlich vom ohnehin durch den NSA-Skandal erhitzten Klima befeuert. Die Behauptung, Google habe den Schutz der Privatsphäre seiner Nutzer komplett aufgegeben, sei sensationsheischend und irreführend. Und schließlich erklärt "The Register", dass der vielzitierte Satz rechtlich vollkommen korrekt und seinerseits nur ein Zitat aus einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1979 ist.

Trotzdem kommt die Diskussion um Privatsphäre für Google zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Gerade erst hat das Unternehmen die Funktionen des von Android-Handys bekannten Dienstes Google Now auf die Google-Suche ausgedehnt. Amerikanische Nutzer können Google damit nun beispielsweise fragen: "Wie steht es um meine Einkäufe"? Die Suchmaschine wird daraufhin den Gmail-Account nach Post, die sich auf Einkäufe bezieht, durchsuchen, um Lieferdaten und Bezahlinformationen ausgeben zu können.

In Deutschland steht dieser Service noch nicht zur Verfügung.

meu/mak



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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
twan 15.08.2013
1. ?
Zitat von sysopREUTERSHaben Gmail-Nutzer kein Recht auf Privatsphäre? Ein Schreiben von Google-Anwälte scheint das nahe zu legen und hat in den USA Verbraucherschützer gegen den Konzern aufgebracht. Die Kritik ist teilweise unangebracht und kommt für das Unternehmen zu einem schlechten Zeitpunkt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/gmail-umstrittene-aussagen-googles-zur-privatsphaere-von-nutzern-a-916699.html
? Es war dann von Anfang an klar, dass eine Routine alle Mails eines gmail Kontos scannt. Wen ich gmail unter der Voraussetzung nutze, wie kann es dann möglich sein, dass eine Sammelklage angestrebt wird?
Christoph 15.08.2013
2.
Zitat aus dem Artikel: 'Eine Person hat keinen legitimen Anspruch auf Vertraulichkeit von Informationen, die er Dritten zur Verfügung stellt' Weder der Versender noch der Empfänger einer Email stellt deren Inhalt den Providern zur Verfügung, sondern der Provider ist nur Transporteur der Nachricht, genauso wie die Post Transporteur konventioneller Briefe ist. Deswegen ist Gmail nicht in der Rolle des Sekretärs, sondern in der Rolle des Briefträgers und der hat die Post nicht zu öffnen.
Mlchael 15.08.2013
3. Lieber twan...
es geht nicht (nur) um Leute die gmail nutzen. Wenn ich - beispielsweise als .gmx Nutzer - eine email an jemanden schicke, der eine gmail Adresse hat, dann werden MEINE mails durchsucht. Wo habe ich jemals zugestimmt meine Privatsphäre an google zu verkaufen?
weltsensation 15.08.2013
4. Eine Karte ist kein Brief
"Eine E-Mail zu versenden, ist wie einen Brief mit der Post zu verschicken. Von der erwarte ich, den Brief dem auf dem Umschlag genannten Empfänger zuzustellen und nicht, dass der Postbote den Brief öffnet und liest", so der Datenschutzbeauftragte der Organisation John M. Simpson. Da hat der gute Mann etwas nicht verstanden: eine unverschluesselte Email ist einer Postkarte vergleichbar - erst die Verschluesselung macht einen "Umschlag" drumrum und damit einem "Brief" daraus.. Alles #neuland - auch jenseits des Atlantiks scheinbar...!
mantrid 15.08.2013
5. Datenkrake Google
Wenn ein Mitarbeiter meine Post öffnet, auf der deutlich "PERSÖNLICH/ VERTRAULICH" prangt, hat er danach ein sehr großes Problem. Google schient einfach keinen Respekt vor der Privatssphäre Dritter zu haben, weswegen ich auch alle deren Dienste wie die Pest meide. Zumindest haben es sie es jetzt öffentlich zugegeben, dass sie sich einen Dreck um die Belange ihrer Kunden scheren.
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