Goldesel PC Nebenbei Geld verdienen mit Spam

Einen Dollar pro Stunde will eine amerikanische Firma dafür bezahlen, dass sie Werbe-E-Mails über private PCs versenden darf. Wer das dubiose Geschäft mitmacht, dem droht Ärger mit seinem Provider, eventuell sogar die Kündigung.


Spam: Geschäftsmodell für Privat?
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Spam: Geschäftsmodell für Privat?

"Ihr Computer schläft nicht", heißt es auf der Website der US-Firma Sendmails Corporation. Die meiste Zeit stehe der Rechner nutzlos herum, das "produktivste Werkzeug in der Menschheitgeschichte" friste ein Dasein als teuere Schreibtischdekoration.

Doch Sendmails verspricht Abhilfe: Jeder private PC-Besitzer, der seinen Rechner mit Internetzugang zur Verfügung stellt, soll Geld bekommen. Genauer gesagt: einen Dollar pro Stunde Rechenzeit. Um Leute zu ködern, lockt das Unternehmen neue Partner mit einer Prämie von fünf Dollar.

Wer im Schlaf Geld verdienen will, muss nur eine Software namens VirtualMDA installieren - MDA steht für Mail Delivery Agent, was soviel heißt wie Postbote. Die Software nutzt Rechenpower und Internetzugang von Privat-PCs, um Werbe-E-Mails zu verschicken.

Darum macht man bei Sendmails, einer kleinen Firma aus Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire, auch kein Geheimnis. "Mit 300 Servern organisieren wir den E-Mail-Verkehr von kleineren und größeren Unternehmen aus den USA."

Die Idee, ungenutzte Rechenkapazitäten bei Tausenden Computerbesitzern weltweit zu nutzen ist nicht neu. Beim Projekt Seti@home hatten zwei Millionen Rechner weltweit nach Signalen von außerirdischer Intelligenz gesucht.

Doch die VirtualMDA-Software geriet schnell ins Visier von Anti-Spam-Aktivisten. Der Hauptzweck des Programms ist es nämlich, Werbe-E-Mails, die normalerweise von Filterprogrammen aussortiert werden, doch noch an den Mann oder die Frau zu bringen.

Um der immer stärker um sich greifenden Spam-Plage Herr zu werden, betreiben Anti-Spam-Initiativen Listen mit Serveradressen notorischer Werbemüllversender. Wer einmal auf einer solchen schwarzen Liste steht, bekommt seine Werbung kaum noch ausgeliefert.

Genau hier setzt VirtualMDA an. Weil die Werbebotschaften damit über Tausende private Internetzugänge gleichzeitig verschickt werden können, versagen die herkömmlichen schwarzen Listen.

Sendmails-Chef Brian Haberstroh hält das keinesfalls für verwerflich. Das Unternehmen verschicke nur solche Werbe-Mails, die eine Opt-Out-Option hätten, dass heißt, Empfänger können sich aus dem Verteiler löschen lassen. Die Mails müssten auch dem Can-Spam-Act genügen, einer US-Regelung, die eine explizite Kennzeichnung von Sex-Botschaften verlangt.

Haberstroh erklärte gegenüber "Wired.com", die schwarzen Listen seien teilweise fehlerhaft und dass sich selbst seriöse Firmen darauf wiederfänden. "VirtualMDA wurde entwickelt, weil Marketing-Firmen nicht mehr in der Lage waren, Nachrichten auszuliefern", gibt Haberstroh unumwunden zu.

In der Anti-Spam-Gemeinde glaubt man seinen Beteuerungen jedoch nicht, sich an alle Gesetze zu halten. Die Initiative Spamhaus.org führt Haberstroh und die Sendmails-Mutterfirma Atriks als einschlägig bekannten Spamversender.

Der Goldesel PC entpuppt sich bei näherer Betrachtung sogar als äußerst riskantes Geschäftsmodell. Wer leichtgläubig das VirtualMDA-Programm auf seinem Rechner installiert, wird selbst zum Spammer. Eine Kontrolle darüber, was das Programm genau macht, gibt es nicht. In Deutschland drohen auch Anzeigen genervter Werbeempfänger, denn hierzulande ist Spam per Gesetz verboten.

Wer die Software nutzt, gerät möglicherweise auch schnell auf eine der schwarzen Listen. Und weil die privat genutzte IP-Adresse dem Internetprovider gehört, ist weiterer Ärger programmiert. Praktisch alle Anbieter in den USA und auch in Deutschland verbieten nämlich ausdrücklich das massenhafte Versenden von E-Mail-Werbung. Der US-Provider Adelphia Power, der rund fünf Millionen High-Speed-Kabelzugänge betreibt, hat seine Kunden bereits ausdrücklich davor gewarnt, die VirtualMDA-Software einzusetzen.

Das VirtualMDA-Nutzer eventuell von ihrem Provider vor die Tür gesetzt werden, lässt Haberstroh ziemlich kalt. "Wir wissen nicht, wer welche Übereinkünfte hat", erklärte er gegenüber "Wired.com". "Das ist eine administrative Angelegenheit. Wir sind kein Richter und keine Jury um zu entscheiden, was Leute tun dürfen und was nicht."

Holger Dambeck



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