Netzprojekt Good Duck Panels Hier spricht Donald Duck zum Weltgeschehen

Der Twitter-Account Good Duck Panels macht alte Comics zu Kommentaren über aktuelle Ereignisse. Tausende Fans feiern den anonymen Macher. Unsere Autorin hat ihn getroffen.

Sticker von Good Duck Panels
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Sticker von Good Duck Panels

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Als Christian zum vereinbarten Treffpunkt kommt, hat er tatsächlich eine Flasche Blubberlutsch dabei, die Kultbrause aus Entenhausen. Vier Jahre hat es gedauert, bis dieses Treffen endlich zustande gekommen ist. Regelmäßig zwischen Weihnachten und Neujahr gab es Versuche eines Interviews auf dem Hacker-Kongress des Chaos Computer Clubs, aber immer wieder ist etwas dazwischengekommen, etwa, dass der Gesprächspartner kurz vorher schrieb, er sei vielleicht doch zu menschenscheu. Nun ist er da. Mit einer Flasche Club-Mate, für die er selbst ein neues Etikett gebastelt hat.

Christian, der seinen Nachnamen hier nicht lesen möchte, ist 37 Jahre alt, arbeitet als Softwareentwickler und zeltet gern allein in den Bergen. Einem breiteren Publikum bekannt ist allerdings nur sein Twitter-Account: Good Duck Panels. Darüber twittert er regelmäßig Bilder aus alten Donald-Duck-Comics, und rund 14.000 Follower möchten das auch regelmäßig sehen.

Denn er hat eine neue Kunstform mitbegründet: Er nimmt die historischen Zeichnungen ins Twitter-Zeitalter mit und verhilft ihnen in einem völlig anderen Kontext zu neuer Pracht. Das ist urheberrechtlich zwar mehr als fragwürdig, funktioniert aber ziemlich gut - und findet viele Fans.

Längst gibt es mehrere ähnliche Accounts, deutschsprachig zum Beispiel Duck Porn, EntenPanelist oder TheMouseWayOfLife. Aber Christians Good Duck Panels hat die wohl mit Abstand größte Fangemeinde.

Die Kunst des Kuratierens

"Eigentlich verbreite ich doch bloß die Kunst von anderen", sagt Christian. Und zwar hauptsächlich die Bilder des Comiczeichners Carl Barks mit den deutschen Texten von Erika Fuchs, die er auswählt, einscannt, postet. Doch längst ist über das Kuratieren seine eigene Kunst dazugekommen: die richtige Szene aus dem Zusammenhang zu reißen und am richtigen Tag in einen neuen Zusammenhang zu stellen.

Angefangen hat er damit 2011. Schon viel früher hatte er sich Donald-Duck-Comics gekauft, nur die alten Geschichten - und war davon begeistert. "Ich hatte schon als Kind immer Micky-Maus-Hefte gelesen. Aber als Erwachsener liest man die Geschichten ganz anders", sagt er.

Als er Jahre später die Hefte erneut las, fiel ihm gleich im zweiten Buch ein Bild ins Auge. Es war eine Geschichte aus dem Jahr 1943, überschrieben mit "Die fabelhafte Hasenpfote", und er fand, dieses eine Bild könne sich doch auch gut auf Twitter machen. Er scannte es ein und begann seine Twitter-Karriere mit einer Publikumsbeschimpfung: "Ihr seid ja beknackt!", schreit Donald auf dem Bild. Keine Likes, keine Retweets. Aber ein Anfang.

"Good Duck Panels" tauft Christian seinen neuen Account, angelehnt an einen der Spitznamen, die Fans einst dem Zeichner Carl Barks gaben: The Good Duck Artist. "Mittlerweile bin ich nicht mehr so zufrieden mit dem Namen", sagt er, das verstehe ja kaum noch jemand.

Nur ein kleiner elitärer Kreis kann solche Anspielungen auf Anhieb deuten: die Donaldisten. Eine Fangemeinde, die das Leben in Entenhausen kennt, liebt und erforscht, wissenschaftliche Arbeiten dazu verfasst und sich regelmäßig auf Kongressen trifft. Auch sie orientiert sich bevorzugt am Werk von Barks und Fuchs. Christian versteht sich ebenfalls als Donaldist, er hat auch schon mit Vergnügen deren Treffen besucht. Im dazugehörigen Verein ist er aber nicht aktiv, zu verordnet komme ihm das alles vor, "ein bisschen wie in einer Karnevalsgesellschaft". Nichts für ihn.

"Nicht alles ist gut gealtert"

Christian spricht leise, er ist ein blasser, schlanker Mann, der sich selbst als Nerd bezeichnet und fast schüchtern über seine Netzpräsenz spricht. Sein Lieblingscharakter aus Entenhausen sei "natürlich Donald", mit dem könne man sich doch am meisten identifizieren. Selbst die cholerischen Züge finde er in sich selbst wieder, sagt er mit sanfter Stimme und hinterlässt leise Zweifel.

Sein Profilbild auf Twitter ist ein weißes Ei mit Donalds Matrosenmütze drauf, keine Augen, keine Nase, kein Gesicht. Sprechen tun hier allein die Entenhausener, und dafür umso lauter: "Niemals war mir so wenig danach zumute, still zu sein", sagt etwa Hexe Gundel Gaukeley einmal.

Je nach Nachrichtenlage wirken die Tweets hochpolitisch. "Jeder kann sie so interpretieren, wie er möchte", sagt Christian, "ich kommentiere sie ja nicht, sondern poste sie nur." Vor allem wirken sie zeitlos, wenn nicht gar modern. Und dazu verhilft ihnen auch Christian.

Keineswegs nämlich ist es damit getan, wahllos Bilder aus den Büchern einfach weiterzuverbreiten. Nur ganz bestimmte Einzelbilder beziehungsweise Panels stehen auch für sich, und nicht alle passen noch in die heutige Zeit. "Nicht alles ist gut gealtert", sagt Christian, "zum Beispiel bestraft Donald seine Neffen Tick, Trick und Track in den alten Geschichten oft mit einer Tracht Prügel."

Tanzverbot und Geschichtsbewusstsein in Entenhausen

Oft schafft auch bloß der Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung Modernität. So postete Christian an einem Karfreitag, an dem Jahr für Jahr auf Twitter über das Tanzverbot diskutiert wird, ein Bild, auf dem Daisy am Plattenspieler steht und sagt: "Komm, ich leg' gleich eine Platte auf. Wir üben wieder", und Donald antwortet: "Mir zuckt's schon in den Beinen."

Oder am 27. Januar, dem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung und Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, zeigte er einen wütenden Oberstwaldmeister vom Fähnlein Fieselschweif, der brüllt: "Wohl kein Geschichtsbewußtsein! Schämen Sie sich!"

Seine Kunst ist endlich, das weiß Christian: "Es gibt nur eine bestimmte Zahl von Bildchen, die für sich stehen können, irgendwann ist es vorbei." Jedenfalls, wenn er bei seinem engen Kanon bleibt. Vielleicht wird sein Account aber auch eines Tages einfach geschlossen, weil er ja nie um Erlaubnis gebeten hat, die "Kunst von anderen" zu veröffentlichen. Offenbar dulden die Rechteinhaber der Comics das Projekt seit Jahren. Auch wenn sie den Account schließen würden, wäre das für den Macher nicht so schlimm, findet er. So wichtig sei ihm die Sache gar nicht. Eigentlich mache er doch kostenlos Werbung.

Und zwar nicht nur auf Twitter: Er hat Aufkleber von den Bildchen herstellen lassen, nur für den Privatgebrauch und als kleines Präsent für Freunde. Ab und an sieht man einen irgendwo kleben, auf einem Laptop oder der Toilette bei einer Tech-Konferenz.

So bekommt auch das historische Entenhausen einen neuen Platz in der Welt des Internets, der sozialen Medien, der Moderne. Und unter anderem hat es das einem fleißigen Nerd und seinem Scanner zu verdanken.

Blubberlutsch
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Blubberlutsch

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
uweuweuwe 15.01.2018
1. Copyright
Finde ich gut, dass Christian noch keinen Copyright-Ärger bekommen hat, weil er ja eigentlich keine Rechte an den Bildern hat. Hätte ich von Disney so gar nicht erwartet. Sehr gut!
tempus fugit 15.01.2018
2. Eben,...
Zitat von uweuweuweFinde ich gut, dass Christian noch keinen Copyright-Ärger bekommen hat, weil er ja eigentlich keine Rechte an den Bildern hat. Hätte ich von Disney so gar nicht erwartet. Sehr gut!
...ich hätte eher einen Copyright-Ärger vom Original erwartet.... Fired!!!!
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