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Google-Browser Chrome: Lob, Liebeshymnen und ein großes Loch

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Googles neuer Webbrowser Chrome findet schon am ersten Tag eine riesige Fangemeinde. Die Tech-Welt freut sich an schlichtem Design, hohem Tempo und der Verschmelzung von On- und Offline - doch es gibt auch Kritik, eine erste Sicherheitslücke und einen Totalabsturz.

Google gibt sich bescheiden, was den Rummel um den neuen Browser Chrome angeht. Man habe doch nur eine Anwendung veröffentlicht - das war der Tenor bei der Präsentation in den USA. Noch dazu sei das Programm im Beta-Stadium, also erklärtermaßen unfertig.

Google-Gründer Sergey Brin wollte nicht mal die Lesart stehenlassen, dass Chrome eine Attacke auf Microsofts Kerngeschäft ist - nämlich Anwendungen für den Desktop. "Ich würde Chrome nicht als Betriebssystem für Web-Anwendungen bezeichnen", sagte er nach der Präsentation im Hauptquartier in Mountain View. Chrome sei nur "eine sehr einfache, schnelle Grundlage für Web-Applikationen", mit der man hoffentlich bald "mehr und mehr online wird tun können".

Tatsächlich ist Chrome noch deutlich sichtbar ein Beta-Programm. Da sind sich viele der ersten Tester einig - auch wenn Google seine Produkte gern jahrelang in diesem Vorversions-Stadium hält, so selbst den vier Jahre alten Dienst Googlemail.

Bei Chrome passt der Beta-Aufkleber wirklich, denn "diese erste Version ... hat noch Ecken und Kanten", schreibt Walt Mossberg, Technik-Kolumnist des "Wall Street Journal".

Er war einer der wenigen, die schon vorab Zugang zu Chrome bekamen. Sein Urteil nach einem einwöchigen Test im direkten Vergleich mit der Beta-Version des neuen Internet Explorer 8 (IE8) von Microsoft: "Es fehlen einige gängige Browser-Funktionen, die Google später nachliefern will." Mossberg vermisst vor allem eine effektive Lesezeichen-Verwaltung, Befehle für das direkte Versenden von Web-Seiten aus dem Browser heraus und einen Balken, der den Forschritt beim Seitenaufruf anzeigt.

Außerdem sei Chrome nicht so schnell, wie viele andere Tester behaupten. Als der Experte zahlreiche Web-Seiten gleichzeitig öffnete, schnitten Apples Browser Safari und auch Firefox besser ab. Nur IE8 war langsamer.

Trotzdem - Mossberg findet Chrome einen "cleveren, innovativen Browser", der das Web "schneller, einfacher und weniger frustrierend" machen könnte. "Mit dem Erscheinen von Chrome haben Verbraucher eine neue und innovative Wahlmöglichkeit, und mit IE8 als Konkurrent wird der neue Browserkrieg jedenfalls ein ehrenwerter Wettstreit werden."

Auch Börsenanalysten sind sich ziemlich einig: Chrome hat gute Chancen im Markt. Douglas Anmuth von Lehman Brothers: "Weil Firefox in den vergangenen Jahren etwa 20 Prozent Marktanteil erreicht hat, glauben wir, dass Google Chrome in zwei Jahren einen Anteil von 15 bis 20 Prozent erreichen kann." Anmuths Kollegen halten sich mit so konkreten Prognosen zurück, sind sich aber einig: Chrome ist für Google ein konsequenter, sinnvoller, folgerichter und positiver Entwicklungsschritt.

Auch David Pogue von der "New York Times" stimmt Walt Mossbergs Fazit prinzipiell zu: Zwar vermisst er noch einige Funktionen, die stünden aber "oben auf Googles To-do-Liste". Insgesamt sei Chrome eine "vielversprechende, moderne, stromlinienförmige, unaufgeblasene, sehr sichere Alternative zu den Browsern von heute".

Die Debatte um Chrome im Netz dreht sich um mehrere Fragen - SPIEGEL ONLINE fasst die Argumente zusammen:

1. Wie schnell ist der neue Browser nun wirklich? Nicht alle teilen Mossbergs Meinung, dass Chrome nur im Mittelfeld ist. Andere Experten sind von seinem Tempo begeistert. Don Reisinger vom Tech-Blog TechCrunch überschrieb seinen ersten Test mit den Worten: "Das Ding ist schnell".

Vor allem bei Seiten mit Javascript-Elementen ist die Begeisterung groß. Diese Programmiersprache liegt vielen Web-Anwendungen zugrunde - auch Googles Online-Bürosoftware namens Docs, dem Mailprogramm Googlemail und vielen anderen.

Ein Test mit verschiedenen Javascript-Anwendungen, den Stephen Shankland vom Tech-Dienst Cnet durchführte, erbrachte eindrucksvolle Ergebnisse: Chrome habe die Konkurrenten IE, Firefox und Safari "haushoch geschlagen".

2. Was ist innovativ an Chrome? Genau für Anwendungen auf Web-Seiten ist Chrome eben auch gemacht - der Browser soll sie so schnell und reibungsarm wie möglich ausführen.

Dieser Aspekt erntet denn auch am meisten Lob. Chrome verschmelze On- und Offline-Arbeiten wie kein Browser zuvor, schreiben viele Kommentatoren.

Dazu kommt eine höchst praktische Funktion, die nicht nur Googles Suchindex, sondern auch zahllose andere Angebote von Amazon bis Ebay von der Adresszeile aus durchsuchbar macht.

3. Wie sicher ist Chrome? Hier gibt es erste Zweifel. Der IT-Sicherheitsexperte Aviv Raff hat zwei bekannte Sicherheitslücken miteinander kombiniert und so eine Möglichkeit demonstriert, Chrome-Nutzer hereinzulegen. Mit zwei Klicks könnten sie versehentlich eine Anwendung von einer Web-Seite aus zur Ausführung bringen. Raffs Demonstration ruft nur ein harmloses Dokument auf - aber auf dem gleichen Wege ließe sich auch Schadcode einschleusen.

Die Lücke hängt damit zusammen, dass Google für Chrome eine ältere Version von Apples Entwicklungswerkzeug Webkit benutzt hat. In der aktuellen Version von Apples Safari-Browser ist die Lücke gestopft. Alle Beobachter erwarten zwar, dass Google sehr viel schneller als Apple diese Lücke wieder schließen wird - doch zeigt der Vorfall, dass Googles Browser keineswegs unverwundbar ist. "Das dämpft unsere Begeisterung für Chrome schon ein bisschen", schreibt Frederic Lardinois vom Tech-Blog "ReadWriteWeb".

4. Wie sicher sind private Daten? Die wenigsten US-Kommentatoren stören sich an Googles vergrößerten Zugriffsmöglichkeiten auf Nutzerdaten. Da ist das Problembewusstsein in Deutschland ausgeprägter. Hierzulande gibt es schon einige Mahner, die Chrome so kommentieren: "Lasst die Finger davon." Die große Debatte darüber dürfte erst noch losbrechen.

5. Wann kommen Erweiterungen? Chrome leidet in den Augen vieler Beobachter vor allem an seiner Jugend. Firefox-Fans zum Beispiel haben Jahre investiert, um den Browser zu einem eindrucksvollen Stück Software zu machen und zahllose Zusatz-Anwendungen (Plugins) zu entwickeln. Einige der besten Erweiterungen hat SPIEGEL ONLINE in der Vergangenheit schon vorgestellt.

Perter Svensson von der Nachrichtenagentur Associated Press bemängelt denn auch: "Chromes Leistungsfähigkeit ist zwar etwas größer als die von Firefox - aber in der Praxis ist der Browser weniger nützlich, weil ihm die breite Palette an Zusatzprogrammen ... fehlt." Chrome werde aber "mit der Zeit vielleicht aufholen". Darauf baut man auch bei Google - nicht umsonst ist Chrome ja ein Open-Source-Browser wie Firefox. Die Entwicklergemeinde ist vermutlich jetzt schon dabei, erste Plugins für Googles Browser zu entwickeln.

6. Wie absturzsicher ist der Browser? Hundertprozentig rund läuft Chrome jedenfalls noch nicht. Verschiedene Testnutzer in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE haben schon diverse Probleme festgestellt, die mal auftreten und mal nicht. Da wird das Maus-Scrollrad nicht erkannt, weil es Kompatibilitätsprobleme mit Windows-Einstellungen gibt. Da fehlt bei Onlinevideos der Ton, oder sie starten gar nicht. Und während des Schreibens dieser Zeilen führte ein Chrome-Start mit etwa 25 gleichzeitig zu öffnenden Tabs zu einem Windows-Totalabsturz - ohne jede Vorwarnung.

Es ist eben eine Beta-Version.

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Forum - Angriff - kann Google den Browsermarkt erschüttern?
insgesamt 389 Beiträge
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1.
brainomat 02.09.2008
Zitat von sysopGoogles angekündigter Chrome-Browser soll Microsoft in mehr als einer Hinsicht Konkurrenz machen: Das Programm ist auch ein Vehikel, die zahlreichen Google-Angebote zu integrieren und zu verbreiten. Wie sehen Sie die Aussichten von Google, den Markt aufzurollen?
Tja, da es Google über längere Distanz geschafft hat eine weiße Weste zu behalten und es warhscheinlich Google-Jünger wie Apple-Jünger wie Sand am Meer gibt, sehe ich gute Chancen hierfür.
2. Fein
Memberlinchen, 02.09.2008
kann ich da nur sagen. Als Entwickler von Webanwendungen habe ich auf so einen Browser gewartet. Und Gott sei Dank kommt der Browser von Google, denn dann läuft der Brwoser auch unter Linux.
3. Die Welt wird eine Google
Nostrusdamus0815 02.09.2008
Hi ;-) Als FF Nutzer sähe ich nicht die Notwendigkeit, mal eben zum polierten Chrome zu wechseln. Grund dafür ist die Datensammelwut, die Google an den Tag legt. FF ist gut und im Zweifel auch flexibel, Neuerungen zu übernehmen, die Chrome vermeintlich anbieten wird. Gucken - ja, nutzen wie FF - nein. Ich habe nämlich nicht zu FF gewechselt, um jetzt einen neuerlichen "Microsoft Konzern" zu unterstützen. Im übrigen empfehle ich: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/458378 Eine Reportage von 3Sat über Google ... ganz spannend anzusehen!
4. bleib bei firefox
odrt69, 02.09.2008
sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
5.
Dunedin, 02.09.2008
Zitat von odrt69sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
sollte man auch nicht da es ein amerikanisches Unternehmen ist. Hier gilt die gleiche Vorsicht wie bei MS
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