Google-Browser Chrome Schlank, schnell, stabil

Google verspricht viel: Fixer und robuster als die Konkurrenz soll der neue Browser Chrome sein - und vor allem einfacher zu bedienen. SPIEGEL ONLINE hat die erste Vorabversion getestet. Tatsächlich kann sich das Programm sehen lassen.

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Google-Mitarbeiter kennen das neue Internet-Projekt des Konzerns seit rund zwei Monaten. So lange schon werden über das Intranet Vorabversionen des Browsers Chrome verteilt. Die Entwickler riefen zu Feedback auf - und bekamen offenbar reichlich nützliche Rückmeldungen von den surffreudigen Google-Angestellten. Einige Verbesserungen sollen auf sie zurückgehen, unter anderem ein Pfeilsymbol im Browserfenster, das kurz aufleuchtet, wenn man eine Datei herunterlädt.

Dass Google weitgehend dichtgehalten hat, dass all die Zeit kein Mitarbeiter ausplauderte, was Google da in der Pipeline hat - das macht Google-Sprecher Kay Overbeck ein wenig stolz: "Das sagt viel über die Firma."

Tatsächlich wäre eine solche Geheimhaltung wohl kaum einem anderen Unternehmen gelungen. Nun allerdings hat doch jemand geplaudert - an diesem 1. September fand ein interner Comic über Chrome ins Internet. Google sah sich gezwungen, den Browser früher als geplant zu veröffentlichen. Jürgen Galler, Googles oberster Produktentwickler für Europa, den Mittleren Osten und Afrika, stört das nicht. Er ist geradezu euphorisch und findet es "toll, dass wir endlich das Produkt launchen können".

Einfach kann es nicht gewesen sein, so weit zu kommen. Denn Chrome ist kein Produkt eines einzelnen Entwicklungslabors. Der Browser wurde gemeinsam von Google-Programmierern in der ganzen Welt entwickelt, die ständig miteinander koordiniert werden mussten. Möglicherweise ist das der Grund, weshalb selbst die Betaversion jetzt schon in etlichen Sprachversionen für rund hundert Länder veröffentlicht wird.

Googles Motivation sieht Galler in zwei Punkten: Erstens seien Internet-Inhalte immer komplexer geworden. Viele Online-Angebote seien mittlerweile Anwendungen, so dass aktuelle Browser weit mehr leisten müssen als ihre Vorgänger. Zweitens sei es wichtiger geworden, den Anwendern eine möglichst einfache Benutzeroberfläche zu bieten.

Das soll Chrome leisten.

SPIEGEL ONLINE hat eine erste Version schon gesehen und getestet - Fazit: Auf den ersten Blick schafft Chrome das auch.

Ein Eingabefeld, vier Symbole, das war's

Die Benutzeroberfläche ist auf das absolut Notwendige reduziert. Über dem Browserfenster steht ein riesengroßes Eingabefeld für Web-Adressen und Suchanfrage, links daneben zwei Symbole, rechts daneben zwei Symbole, dass war's. Mehr braucht man zum Surfen mit Chrome nicht.

Sogar auf die Lesezeichenleiste kann man eigentlich verzichten. Denn sobald man in die Adressleiste ein paar Buchstaben eintippt, durchforstet Chrome die gespeicherten Bookmarks, den Verlauf und Googles Suchmaschine nach passenden Seiten.

Das erinnert an die intelligente Adresseingabe von Firefox und Safari - geht aber doch darüber hinaus, weil man auf diese Weise auch auf neue und andere Seiten zum selben Thema gestoßen wird.

Darüber hinaus benutzt Chrome seine Aufzeichnungen darüber, welche Seiten der Nutzer besucht und nach welchen Begriffen er gesucht hat. Daraus wird die Startseite jedes neuen Tabs befüllt: Auf ihr werden standardmäßig Miniaturen der neun am häufigsten besuchten Web-Seiten angezeigt. Daneben gibt es Kästen, in denen die vier zuletzt benutzten Suchmaschinen, die zuletzt angelegten Bookmarks und die zuletzt geschlossenen Tabs aufgeführt werden. Anpassbar ist diese Darstellung leider nicht.

Die Anordnung der Tabs hingegen kann man sehr wohl anpassen, nach Lust und Laune sortieren, in eigene Fenster ziehen und wieder in das Hauptfenster zurücklegen - aber das können andere Browser auch.

Was Chromes Umgang mit Tabs so praktisch macht: Neue Tabs werden immer direkt neben dem Fenster abgelegt, aus dem heraus sie angesurft werden. Bisher sind Browser stets darauf getrimmt, neue Tabs ganz rechts neben allen anderen abzulegen. Bei einer Vielzahl geöffneter Seiten führte das dazu, dass man erst umständlich ganz nach rechts scrollen musste, um an das neue Unterfenster zu kommen. Bei Chrome ist es nur einen Mausklick weit entfernt.

Such doch wie du willst

Die beste Innovation von Chrome ist aber die Einbindung der Suchfunktionen anderer Web-Seiten. Sobald man mit Chrome einmal eine Web-Seite aufgerufen hat, auf der eine Suchfunktion eingebaut ist, kann man diese von Chrome aus aufrufen - ohne die eigentliche Seite aufrufen zu müssen.

Surft man also unverbindlich bei Ebay vorbei, ist es künftig nicht mehr nötig, Ebay selbst aufzurufen, um zum Beispiel nach gebrauchten Kuckucksuhren zu suchen. Stattdessen gibt man einfach "Ebay" und " Kuckucksuhr" in die Adressleiste ein, drückt die TAB-Taste - schon werden alle Kuckucksuhren im Online-Auktionshaus gezeigt.

Nebenbei werden auf diese Weise alle Suchmaschinen und Suchfunktionen archiviert, die man je benutzt hat. Die können dann auch noch als Standardsuchmaschine festgelegt werden. Kein Problem also, Yahoo, Live Search oder gar den Katalog des Lieblingsversandhauses damit festzulegen.

Weniger begeistert von diesen Features dürften die Betreiber von Seiten und Services sein, die ihr Geld damit verdienen, ihren Nutzern auf der Eingangsseite Werbung zu servieren. Diese sollten allerdings abwarten, ob die Funktion unterm Strich nicht doch nützlich für sie ist. Schließlich bietet diese ungemein direkte Suche auch die Möglichkeit, Nutzer auf Seiten zu führen, die sich sonst gar nicht dorthin verirrt hätten.

Schneller als die Konkurrenz erlaubt

Eine wichtige Neuerung, die nicht sofort auffällt: In Chrome kann der Nutzer festlegen, dass bestimmte Internet-Anwendungen nicht mehr im Browser ausgeführt werden, sondern als eigenständige Anwendungen. Um das zu ermöglichen, hat Google die hauseigene Gear-Technik eingebaut. Sie ermöglicht es zum Beispiel, die E-Mail-Oberfläche von Web.de oder Googles Online-Office-Anwendungen "Text & Tabellen" offline verfügbar zu machen.

Die jeweiligen Internet-Seiten werden quasi als eigenständige Programme abgespeichert, die man per Doppelklick von Desktop aus starten kann - bei E-Mail wahlweise inklusive Benutzername und Passwort. Das Angebot dürfte so manche Routineabfrage erheblich beschleunigen. Und es konkurriert mit kommerziellen Programmen wie Microsofts Office.

Beschleunigen soll Chrome das Surfen sowieso. Chefentwickler Galler verweist stolz darauf, dass der Browser insgesamt viel sparsamer mit den Ressourcen des Rechners umgehe. Dank der Rendering-Engine Webkit und der Google-eigenen, von einer dänischen Firma zugekauften Javascript-Umgebung V8 sei er viel schneller als die Konkurrenz.

In einer Benchmark-Vorführung von Galler läuft Chrome den Rivalen Firefox und Internet Explorer mit weitem Abstand davon - zumindest in den von dem Google-Manager ausgewählten Tests.

Eine Monetarisierungsstrategie hat der Konzern Galler zufolge noch nicht - also einen Plan, wie man damit Geld verdienen könnte. Der Mann, der erst seit einem Jahr bei Google arbeitet, scheint über so viel Freigiebigkeit noch selbst erstaunt: An so was müsse man sich erst gewöhnen, sagt er. Deshalb werde auch die gesamte Chrome-Software als Open Source freigegeben, darf also von jedermann benutzt, verwendet und verändert werden. Davon, verspricht Galler, "profitiert das ganze Web".

Und mittelbar natürlich Google. Denn natürlich soll Chrome Googles Gewicht im Web noch erhöhen. Dass er außerdem direkten Konkurrenten des Konzerns wie Microsoft schaden mag, braucht Galler nicht zu sagen - das liegt auf der Hand.

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Seite 1
brainomat 02.09.2008
1.
Zitat von sysopGoogles angekündigter Chrome-Browser soll Microsoft in mehr als einer Hinsicht Konkurrenz machen: Das Programm ist auch ein Vehikel, die zahlreichen Google-Angebote zu integrieren und zu verbreiten. Wie sehen Sie die Aussichten von Google, den Markt aufzurollen?
Tja, da es Google über längere Distanz geschafft hat eine weiße Weste zu behalten und es warhscheinlich Google-Jünger wie Apple-Jünger wie Sand am Meer gibt, sehe ich gute Chancen hierfür.
Memberlinchen, 02.09.2008
2. Fein
kann ich da nur sagen. Als Entwickler von Webanwendungen habe ich auf so einen Browser gewartet. Und Gott sei Dank kommt der Browser von Google, denn dann läuft der Brwoser auch unter Linux.
Nostrusdamus0815 02.09.2008
3. Die Welt wird eine Google
Hi ;-) Als FF Nutzer sähe ich nicht die Notwendigkeit, mal eben zum polierten Chrome zu wechseln. Grund dafür ist die Datensammelwut, die Google an den Tag legt. FF ist gut und im Zweifel auch flexibel, Neuerungen zu übernehmen, die Chrome vermeintlich anbieten wird. Gucken - ja, nutzen wie FF - nein. Ich habe nämlich nicht zu FF gewechselt, um jetzt einen neuerlichen "Microsoft Konzern" zu unterstützen. Im übrigen empfehle ich: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/458378 Eine Reportage von 3Sat über Google ... ganz spannend anzusehen!
odrt69, 02.09.2008
4. bleib bei firefox
sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
Dunedin, 02.09.2008
5.
Zitat von odrt69sorry, aber ich traue google datenschutztechnisch nicht über den weg, auch wenn man angeblich seine spuren einstellungsmäßig verwischen kann. ich bleib beim firefox.
sollte man auch nicht da es ein amerikanisches Unternehmen ist. Hier gilt die gleiche Vorsicht wie bei MS
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