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Google-Debatte: Datenschützer kritisieren W-Lan-Kartografie

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Große Aufregung um Uralt-Technik: Datenschützer werfen Google vor, mit Street-View-Wagen widerrechtlich auch die Position von Funknetzen zu erfassen. Deutsche Forscher und Unternehmen machen das seit Jahren - bislang unbehelligt.

Google-Kamera: Mit diesen Autos digitalisiert der Webkonzern deutsche Straßenzüge Zur Großansicht
ddp

Google-Kamera: Mit diesen Autos digitalisiert der Webkonzern deutsche Straßenzüge

Die Meldung klingt gewichtig: Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar, hat - so steht es in der Presseerklärung - erfahren, dass "Google-Street-View-Fahrzeuge auch mit einem Scanner für W-Lan-Netze ausgestattet waren".

Der Bundesdatenschützer erklärt, er sei "entsetzt, zu welchen Zwecken diese Fahrten ohne Wissen Dritter genutzt worden sind." Die Rollen sind erst mal klar verteilt: Der Datenkrake, der heimlich sonstwas sammelt auf der einen Seite, die Datenschützer auf der anderen.

Recherchiert man ein wenig, wird die Geschichte komplizierter: Dass Googles Street-View-Autos auch die Position von Mobilfunkmasten und W-Lan-Hotspots erfassen können, ist seit 2008 bekannt. Da konnte man das bereits in Blogs lesen und auf Flickr sehen.

Die Frage ist: Warum hat sich darüber nicht schon in den vergangenen zwei Jahren jemand aufgeregt?

Vielleicht, weil die W-Lan-Kartografie eine lang bekannte, genutzte und bisher unumstrittene Methode zur Ortsbestimmung ist: SPIEGEL ONLINE berichtete schon Anfang 2008 von einem Projektdes Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen (Fraunhofer IIS) in Nürnberg, wo die Forscher innerhalb des 25 Quadratkilometer großen Nürnberger Testgebiets im Durchschnitt 2000 W-Lan-Sender pro Quadratkilometer kartierten. Proteste gegen dieses Projekt von Datenschützern gab es nicht.

Google erklärt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zur Kritik der Datenschützer: "Die Erfassung von WiFi/W-Lan-Daten ist weder etwas Neues, noch ist es etwas, was nur Google macht. Diese Art von Daten werden seit Jahren von verschiedenen - darunter auch deutschen - Unternehmen gesammelt." Google habe immer "offen über die Tatsache gesprochen, dass Google diese Informationen auf verschiedene Art und Weisen erfasst".

Fraunhofer-Institut kartografiert seit Jahren W-Lan-Netze

Mindestens seit 2008 ist öffentlich bekannt, dass Unternehmen wie Skyhook Wireless mit Messfahrzeugen W-Lan-Hotspots in Deutschland erfassen. Die Firma bietet ihr Ortbestimmungssystem auf Basis von Funksignalen und Mobilfunk-Sendemasten seit Jahren Software-Entwicklern an.

Das Unternehmen hat weltweit nach eigenen Angaben 80 Millionen W-Lan-Standorte kartografiert. Das erste iPhone nutzte die Skyhook-Technik, um die ungefähre Position des Telefons anhand mehrerer W-Lan-Signale zu bestimmen. Kritische Äußerungen von Datenschützern zur Skyhook-Technik sind nicht öffentlich geworden.

Das erste iPhone arbeitet mit W-Lan-Navigation

Die Ortung per W-Lan-Signal funktioniert beim Fraunhofer-Projekt und der Skyhook-Lösung nach demselben Prinzip: Jeder W-Lan-Hotspot sendet ständig ein Funksignal aus. Dessen Stärke lässt sich messen, ohne dass man sich dazu in das jeweilige Drahtlos-Netzwerk einwählen müsste. Aus den Signalstärken mehrerer Hotspots in der Umgebung lässt sich nun die eigene Position berechnen. Sprich: Die anonymen Kenndaten von W-Lan genügen für diese Technik.

Das Fraunhofer-Institut beschreibt die W-Lan-Erfassung so: Es werden an "an Referenzpunkten Messwerte aufgenommen, welche alle empfangenen W-Lan-Basisstationen und die dazugehörigen Empfangsinformationen enthalten. Dieser 'Abdruck' der Empfangsinformationen wird auf einem zentralen Server hinterlegt und kann von den mobilen Endgeräten zusammen mit dem Plan z. B. der Stadt oder des Gebäudes heruntergeladen werden."

Google-Sprecher Kay Oberbeck erklärt, dass die Street-View-Autos auch nur diese Daten erheben können: "Es ist wichtig zu wissen, dass diese technischen Informationen über ein Netzwerk von den jeweiligen Betreibern öffentlich zugänglich gemacht werden. Es handelt sich hierbei nicht um persönlich identifizierbare Daten. Diese Daten sind sowohl aggregiert als auch anonym und die Erhebung ist rechtmäßig."

Ist die MAC-Adresse personenbezogen?

Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar widerspricht Google da. In seiner Presseerklärung heißt es etwas schwammig, dass "nach gegenwärtigen Erkenntnissen" davon "auszugehen" sei, dass Google auch den "Verschlüsselungsstatus der Geräte", die weltweit "eindeutige MAC-Adresse" und den Namen des W-Lan-Netzwerks speichert. Das wertet Caspar als " Erfassung und Speicherung personenbezogener Daten". Und darauf basiert seine extrem scharfe Kritik: "Das Vorgehen von Google ist nicht akzeptabel. Zu keiner Zeit war dieses rechtswidrige Scannen Gegenstand der geführten Gespräche über Google Street View."

Und hier wird die Sache wieder kompliziert: Google gibt an, alle "öffentlich zugänglichen" Informationen zu W-Lan-Netzen zu sammeln, also Position, MAC-Adresse und den - von den Betreibern frei gewählten - Namen. Nun veröffentlicht Google die Namen der Netzwerke nicht. Ob MAC-Adressen personenbezogene Daten sind, wurde bislang nicht vor Gericht geklärt. Dagegen spricht, dass MAC-Adressen an ein Gerät gebunden sind, nicht an einen Nutzer. Zudem speichert ja keiner der Anbieter von W-Lan-Kartografie die Namen der Betreiber eines Hotspots - woher sollten sie diese Information auch haben?

Aber vielleicht werden deutsche Richter MAC-Adressen tatsächlich einmal als personenbezogene Daten einstufen - das könnte dann aber zum Problem für alle Forscher und Unternehmen werden, die seit Jahren an W-Lan-Kartografie arbeiten.

mit Material von APN

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