Informatik-Pionier Alan Turing Der Unverstandene

Alan Turing ist einer der Pioniere des Computerzeitalters. Doch seine wissenschaftliche Leistung wurde erst nach seinem Tod gewürdigt. Das tragische Schicksal des homosexuellen Wissenschaftlers brachte den britischen Premier Gordon Brown zu einer spektakulären Entschuldigung.

Denkmal für Alan Turing (in Bletchley Park): "Du hättest es so viel besser verdient."
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Denkmal für Alan Turing (in Bletchley Park): "Du hättest es so viel besser verdient."


Die Kollegen wussten von einigen Schrulligkeiten zu berichten. Oft trug der Code-Knacker im Auftrage ihrer Majestät nur einen Pyjama unter dem Trenchcoat. Manchmal radelte der heuschnupfengeplagte Mathematiker, den sie "Prof" nannten, außerdem mit einer Gasmaske vor dem Gesicht durch die Landschaft. Und aus Angst vor Dieben kettete er seine Kaffeetasse an die Heizung.

Doch alles in allem stellte niemand Alan Turings führende Rolle beim Knacken der deutschen Verschlüsselungsmaschine "Enigma" in Frage. Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zusammen mit Kollegen in der Government Code and Cypher School auf dem inzwischen legendären Landsitz Bletchley Park daran gearbeitet - und jahrzehntelang hatte kaum jemand etwas von den Arbeiten erfahren dürften. Die Informationen waren top secret.

Turing wurde am 23. Juni 1912 in London geboren. Zu seinem 100. Geburtstag ehrt ihn die Suchmaschine Google nun mit einem Doodle. Es zeigt eine interaktive Turing-Maschine. Sie ist eines der Kernstücke der wissenschaftlichen Arbeit des Forschers, der so die theoretische Grundlage für moderne Computer schuf.

Eine Turing-Maschine ist, vereinfacht gesprochen, ein Schreib- und Lesekopf, wie wir ihn heute zum Beispiel von Festplatten kennen, der sich auf einem unendlich langen Speicherband bewegt. Dieses besteht aus einzelnen Feldern, die jeweils ein Zeichen beinhalten. Der Kopf rückt über das Band vor und zurück und verändert dabei die vorgefundenen Zeichen je nach Vorschrift des Programms, das sich ebenfalls auf dem Band befindet.

Turing entwickelte auch das Konzept Künstliche Intelligenz. Ein nach ihm benannter Test geht ungefähr so: Ein Mensch unterhält sich über eine Tastatur und einen Bildschirm mit zwei Gesprächspartnern, die er nicht sehen kann: Eines ist ein anderer Mensch, das andere ein Computer. Beide sollen ihr Gegenüber davon überzeugen, dass sie der denkende Mensch sind. Wenn der Proband keinen Unterschied merkt, hat der Computer den Test bestanden.

Genie vor Gericht

Doch der britischen Öffentlichkeit wurde der Wissenschaftler nicht durch Turing-Maschine oder -Test bekannt, sondern durch seine Homosexualität. Sie war im Jahr 1952 Gegenstand eines Gerichtsprozesses. Nachdem er selbst Opfer eines Einbruchs geworden war, wurde Turing damals wegen schwerer Unzucht angeklagt. Zu dieser Zeit war gleichgeschlechtliche Liebe in vielen Ländern Europas strafbar.

Turing wurde - weil er nicht ins Gefängnis wollte - zu einer sogenannten Therapie verurteilt. Sie umfasste auch Injektionen mit dem weiblichen Hormon Östrogen. Die Behandlung wurde später als "chemische Kastration" bezeichnet. Die Barbarei setzte dem Mathematiker nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zu. Von Depressionen geplagt brachte er sich am 7. Juni 1954 um, kurz vor seinem 42. Geburtstag. Neben seiner Leiche wurde ein - wahrscheinlich vergifteter - Apfel gefunden.

Mit großer Verspätung entschuldigte sich der britische Staat im Jahr 2009 für den Fall des Wissenschaftlers - nachdem tausende Unterzeichner einer Online-Petition auf Browns offizieller Webseite sich dafür stark gemacht hatten. "Wir entschuldigen uns, Du hättest es so viel besser verdient", so die Reaktion des Premiers in einer längeren Erklärung. Er sei stolz, dass die Tage der staatlichen Verfolgung Homosexueller nun Geschichte seien.

Eine weitere Petition setzte sich dann Ende 2011 dafür ein, dass Turings Verurteilung postum aufgehoben wird. Das Londoner Justizministerium blockte den Vorstoß jedoch ab. Turing hätte schließlich gewusst, dass sein Tun zur damaligen Zeit strafbar gewesen sei. Die Gesellschaft müsse jedoch sicherstellen, dass es nie wieder zu solchen Verurteilungen komme.

chs



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