Ende der Browser-Partnerschaft Google gibt Apple den Laufpass

Der Internetkonzern Google will sich nicht mehr reinreden lassen: Jahrelang hatte Google mit Partnern wie Apple an der Browser-Engine Webkit gearbeitet. Jetzt entwickelt das Unternehmen eine eigene Engine - und könnte damit einen neuen Browserkrieg auslösen.

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Chrome-Logo: Künftig will Google seine eigene Browser-Engine entwickeln
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Chrome-Logo: Künftig will Google seine eigene Browser-Engine entwickeln


Google will nicht mehr gemeinsame Sache mit Apple machen. Nach Jahren der Zusammenarbeit an dem Gemeinschaftsprojekt Webkit zieht sich der Konzern jetzt aus der Entwicklung der Software zurück, die maßgeblich mitbestimmt hat, wie das Web heute aussieht. Webkit ist eine sogenannte Browser-Engine und die Grundlage für viele aktuelle Browser, darunter auch Apples Safari und Googles Chrome. Das Programm bestimmt, wie die Browser Webseiten anzeigen, was sie können und was nicht. Und Webkit ist ein Open-Source-Projekt, an dem sich jeder beteiligen kann.

Genau dieses Detail ist es, das Google jetzt zum Ausstieg bewogen hat. Weil Apple und Google ihre Browser auf unterschiedliche Art entwickelt haben und man Webkit an beide Varianten anpassen musste, sei die Software über die Jahre sehr komplex geworden, heißt es im Chromium Blog. Diese Komplexität habe die Weiterentwicklung erschwert und verlangsamt. Deshalb habe man schließlich beschlossen, sich von Webkit zu lösen und mit einer eigene Browser-Engine namens Blink weiterzumachen.

Dass diese Abkehr von der gemeinsamen Plattform weitreichende Auswirkungen auf das Internet haben wird, ist Google klar. Web-Entwickler werden künftig aufpassen müssen, dass ihre Websites mit einer weiteren Browser-Engine wie gewünscht dargestellt werden. Unklar ist, wie es mit Alternativ-Browsern für iOS weitergeht. Apples Mobilsystem lässt nur Webkit-basierte Browser zu. Von denen aber dürfte es bald viel weniger geben als bisher: Neben Chrome und Safari hatte sich gerade erst im Januar Opera zu der Open-Source-Software bekannt. Jetzt hat das norwegische Unternehmen erklärt, gemeinsam mit Google zu Blink zu wechseln.

Google trennt sich von 4,5 Millionen Zeilen Programmcode

Das sei aber alles gar nicht schlimm und würde von den meisten Anwendern und Entwicklern zunächst gar nicht bemerkt werden, verspricht Google-Ingenieur Adam Barth im Chromium-Blog. Der Grund ist einfach der, dass Blink keine von Grund auf neu programmierte Software ist, sondern eine Abspaltung von Webkit. Eine solche Diversifizierung ist bei Open-Source-Projekten durchaus üblich und geschieht immer dann, wenn sich unter den Entwicklern unterschiedliche Strömungen entwickeln. Die Abspaltung von Libre Office aus Open Office ist ein prominentes Beispiel.

Konkret bedeutet dieses Vorgehen, dass Blink zunächst mit Webkit identisch sein wird und erst nach und nach Unterschiede sichtbar werden. Google hat sich dafür allerdings einiges vorgenommen. Indem alle für Google irrelevanten Bestandteile entfernt werden, will man die Software entschlacken. 7000 Dateien mit zusammen 4,5 Millionen Zeilen Programmcode will Google aus Webkit löschen, die Software damit stabiler und weniger fehleranfällig machen.

Schneller mehr schaffen

Vor allem dürfte es diese Generalüberholung den Google-Programmierern leichter machen, die geplanten Neuerungen in Blink einzubauen. Ein paar Beispiele dafür, was geplant ist, hat Google-Produktmanager Alex Komoroske cnet.com gegeben. So hat man sich vorgenommen die Möglichkeit zu schaffen, jeden Frame, also jedes Teilfenster einer Webseite, in einen eigenen Prozess auszulagern. So könnten komplexe Seiten schneller angezeigt werden, weil Multicore-Prozessoren die Seite mit mehreren Rechenkernen gleichzeitig bearbeiten könnten. Außerdem könnte man mit diesem Trick Sicherheit und Stabilität des Browsers verbessern.

Nebenbei würde davon auch Googles Betriebssystem Chromium OS profitieren, das gerade mit neuen Notebooks wie Googles Chromebook Pixel und Samsungs Chromebook 303C von sich reden gemacht hat.

Samsung mag Mozillas Servo

Ein erstaunlicher Zufall ist, dass die Mozilla Foundation parallel zu Googles Ankündigung erklärt hat, mit Samsung eine neue Browser-Engine zu entwickeln. Gemeinsam wolle man eine von Mozilla als Servo bezeichnete Engine an Android und Arm-Chips anpassen. Auch diese Partner wollen mit ihrer Software Multicore-Chips besser ausnutzen als es aktuelle Browser tun. Vor allem aber sei Servo "per Definition sicher", schreibt Mozilla-Manager Brendan Eich in einem Blog-Eintrag.

Bis aus Servo ein richtiger Browser wird, dürfte es aber noch einige Zeit dauern. Aktuell bezeichnet Eich das Projekt noch als experimentell. Nach mehreren Jahren Entwicklungszeit hat Servo gerade erst die Versionsnummer 0.6 erreicht. Mit der ersten größeren Überarbeitung rechnet der Manager 2014.

Microsoft kümmert das nicht

Rasante Veränderungen der Browserlandschaft sind also nicht zu erwarten. Trotzdem machen die Neuausrichtung von Google und die Kooperation von Samsung mit Mozilla klar, dass in den nächsten Jahren eine Neuauflage des Browserkriegs droht, den sich Microsoft und Netscape in den Neunzigern lieferten. Dieses Mal wird es um die Dominanz auf Smartphones und Tablets gehen.

Google tut solche Befürchtungen mit der Begründung ab, Diversifizierung würde Innovationen befördern und letztlich dem Web zugutekommen. Ob Apple das auch so sieht, ist unklar. Der Konzern hat sich zu den Google-Plänen bisher nicht geäußert. Auch Microsoft verhält sich still - und das aus gutem Grund: Der Windows-Konzern hat sich an Webkit bislang nicht beteiligt, sich für seinen Internet Explorer ganz auf die eigene Browser-Engine Trident konzentriert.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
wüste 04.04.2013
1. Deunglish
What ist denn eine Engine?? Evtl. eine besonders engstirnige Mitstreiterin?
norudo 04.04.2013
2. Chrome unter iOS...
... wird es weiter so geben wie bisher. Google konnte bisher auch nicht seine eigene WebKit-Version hernehmen, sondern musste die von Apple bereitgestellt langsame (der eigene Safari hat eine schnellere Engine bereitgestellt bekommen) Version benutzen.
snafu-d 04.04.2013
3.
So was sollte sich mal Microsoft erlauben... Die EU-Kommission würde sofort einige Fantastilliarden Euro Strafe wegen Wettbewerbsverhinderung verhängen
mactor2 04.04.2013
4. Na dann
wird es ja bald wieder Internetseiten geben die mit dem einen Browser funktionieren und mit einem anderen nicht. Wie früher....
deufin 04.04.2013
5. Google...
Der Hauptgrund dürfte wohl sein, daß Google vor allem die Sicherheits-Einstellungen im Browser bechneiden will. Werbeblocker und 3rd-party Cookies etc sollen nicht mehr geblockt werden können. Das sind die 4.5 Millionen Zeilen die gelöscht werden. Es gibt kein anderes IT-Unternehmen, was mir derzeit mehr aufstößt als Google. Apple ist im Vergleich zu Google echt ein Waisenknabe, nur das will keiner wahrhaben.
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