Kommentar zur Flüchtlingskarte Löschen hilft nicht

Google hat eine Karte mit Flüchtlingsheimen gelöscht - die Aktivisten feiern, denken aber zu kurz: Ihr "Weg damit"-Reflex verhindert eine Auseinandersetzung mit dem wahren Problem.

Ein Kommentar von

Screenshot der strittigen Google Map: Der "Weg damit"-Reflex hat gewonnen
Google

Screenshot der strittigen Google Map: Der "Weg damit"-Reflex hat gewonnen


Google hat dem Druck nachgegeben. Nachdem in den sozialen Netzwerken vielfach die Löschung der Karte "Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft" gefordert wurde, hat das Unternehmen sie nun aus dem Netz genommen. Das hätte nicht passieren dürfen.

Die Karte ist perfide und flüchtlingsfeindlich, daran besteht kein Zweifel. Sie anzulegen aber ist ein Akt der Meinungsäußerung. Egal wie dumpf er klingt, der Wunsch, der sich im Namen der Karte offenbart, muss in einer Demokratie möglich sein. Und allein gegen diese Haltung dürfte auch nach den Richtlinien von Google Maps nichts sprechen. Ob es uns passt oder nicht.

Natürlich birgt die Karte Gefahren - es ist vorstellbar, dass Ausländerfeinde sie nutzen, um vor Ort Stimmung zu machen oder gar Anschläge zu planen. Wer mag, kann dagegen Strafanzeige stellen. Stattdessen wurde die Karte vielfach bei Google gemeldet, weil sie zu Hass oder Gewalttaten aufrufe.

Doch trotz des fremdenfeindlichen Vokabulars - gesprochen wird etwa von "Asylantenheimen" - und des unzweideutigen Titels fand sich kein direkter Aufruf zu Gewalttaten auf der Seite. Und so verweist Google zur Begründung der Löschung auf Statuten, die sich gegen das "Zufügen von Schaden sowie die Förderung von Hass" richten. Das klingt unscharf und ist es auch.

Klarer ist ein anderer Satz des Konzerns: "Wir erachten den Zugang zu Informationen und die freie Meinungsäußerung als außerordentlich wichtig". Mit diesem Satz haben sie recht!

Die Karte ist eine Demonstration im Netz

Die Empörungswelle, wie sie sich im Netz in letzter Zeit allzu häufig auftürmt, war in diesem Fall nicht nur unangebracht. Sie ist sogar gefährlich. Denn der reflexhafte Impuls "Weg damit!" verhindert nicht nur eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem ernsten Problem, sondern auch, dass sich eine starke Gegenpartei formiert, die sich kreativ mit diesem Thema auseinandersetzt und sich mit ihren Ideen und ihrer Meinung Gehör verschafft. Statt kluge Wege zu finden, einen Gegenprotest zu organisieren, wird die Lösch-Forderung retweetet und geliket. Das ist zu kurz gedacht.

Denn mit so einer Forderung kann man offenbar eine Karte verschwinden lassen, das Problem dahinter aber sicher nicht. Und ganz bestimmt kann es nicht die Aufgabe eines Unternehmens sein, die Symptome eines gesellschaftlichen Problems zu zensieren.

Denn die Aktion ist letztlich eine Demonstration im Netz. Und ja, es gibt Gegendemonstrationen. Eine Google-MyMap heißt "Hetze und Gewalt gegen Flüchtlinge" und trägt die Angriffe und ausländerfeindlichen Demonstrationen des Jahres 2014 zusammen. Eine zweite Karte wendet die Sammelwut der Fremdenfeinde sogar gegen sie - mit einer neuen Karte, die ebenfalls alle Adressen zeigt. Allerdings nun unter dem Titel "Helft mit! Helft Menschen in Not!"

Es braucht Kreativität wie auf der Straße

Das sind richtige Ansätze. Noch besser wäre es, wenn man direkt am Ort der fremdenfeindlichen Netzdemonstration dagegenhalten könnte. Es wäre hier die gleiche Kreativität wie auf der Straße gefragt.

Die Gegner hätten die Perfidie dieser Map mit Klugheit, Witz und Kreativität kontern müssen. Die Karte kapern? Kontakte zu Hilfsorganisationen posten? Das war in diesem Fall nicht einfach, weil alle Angaben vom Ersteller der Karte hätten freigegeben werden müssen.

Doch selbst wenn es nicht möglich gewesen wäre, auf legalem Weg auf die Seite zuzugreifen, war die Karte "Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft" eine wichtige Lektion über demokratische Prozesse im Netz: Der kalten Organisiertheit mancher Asylgegner muss mit Ideen und Denkprozessen begegnet werden. Es reicht nicht, zu fordern, dass etwas gelöscht wird.

Es geht darum, kreative Wege zu finden, den rechtspopulistischen Demonstrationen im Netz etwas entgegenzusetzen, das gewichtiger, empathischer ist - und vor allem gewitzter als ein Like und ein Retweet.

Zum Autor
  • Jeannette Corbeau
    Benjamin Maack ist Redakteur im Panorama-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.