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25. Februar 2013, 12:42 Uhr

Vorabtest von Google Glass

"Wer würde so etwas tragen?"

Googles neue Datenbrille soll sich fast unmerklich zwischen Nutzer und Wirklichkeit schieben, aber einer der ersten Vorabtester hat bereits Probleme im Konzept festgestellt: Google Glass sei ein Designproblem - und eine Zumutung für Träger und Betrachtete.

Mountain View - Gut acht Monate nach der spektakulären Präsentation der eigenen Datenbrille Google Glass hat der Suchmaschinenkonzern nun Journalisten Vorabtests mit der Brille angeboten. Joshua Topolsky vom US-Magazin "The Verge" war einer der Ersten, die den Hightech-Brillenaufsatz ausprobierten. Nach der mehrstündigen Anprobe ist er zwiegespalten: toll, aber mit Einschränkungen.

Topolsky beschreibt, wie unauffällig sich Glass in das Sichtfeld einpasst, wie Informationen erscheinen und wieder verschwinden. Das Interface bleibe im Hintergrund und blende sich nur auf Befehl als Hinweis in der oberen Hälfte des Gesichtsfelds kurz ein: "Mach ein Foto", "Nimm ein Video auf", "Zeig mir den Weg zur nächsten U-Bahn-Station". Der Produkteindruck, den das Werbevideo von Google vermittle, entspreche der Wahrheit, schreibt Topolsky. Google Glass fühle sich clean, elegant, recht sinnvoll an.

Google Glass ist ein Höflichkeitsproblem

Nach seinem kurzen Test ist er sich sicher: Ob Google Glass kommt, ist nicht die Frage. Ein Google-Entwickler habe ihm gesagt, man wolle "bis Jahresende" eine Konsumentenversion auf den Markt bringen. Die Frage sei, wer es dann tragen werde. Denn tatsächlich ist Glass ein aufwendig gestaltetes Designproblem: Es degradiert jede tolle Brille zum Glass-Halter. Es ist ein technisches Problem, weil es stark von einer schnellen mobilen Internetverbindung und der Erreichbarkeit der angeschlossenen Cloud-Dienste abhängig ist (und etwa in U-Bahnen nur halb so gut funktioniert). Und zuletzt ist es ein Höflichkeitsproblem: Wie geht man mit einem immer präsenten Gadget um, dessen Nutzung von außen kaum nachvollziehbar ist, das potentiell ständig die Privatsphäre der Umstehenden verletzt? Schließlich kann es unbemerkt Fotos und Videos machen und könnte sogar, entsprechende Erweiterungen vorausgesetzt, Personen identifizieren.

Topolsky fühlte sich beim Test ständig beobachtet - wohl auch, weil er selbst ein ständiger Beobachter ist. Wie schützen sich Betrachtete vor Google-Glass-Trägern? Mit automatischer Gesichts- und Fassadenverschleierung, wie bei Google Street View?

Google weiß um die Probleme und will mit öffentlich rekrutierten Vorabtestern, den so genannten Explorers, herausfinden, wie Glass im Alltag funktionieren könnte. Und wo die sozialen Grenzen sind, die man mit einer Brillenkamera verletzt.

fko

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