S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Der schmerzhafte Google-Spagat

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Wir Nutzer kennen Google vor allem als Betreiber nützlicher, nur schwer verzichtbarer Websites, als Rückgrat des Internets. Der Konzern hat hingegen vor allem seinen Gewinn im Blick. Nun sorgt diese Doppelrolle zunehmend für Ärger.

Im Juli 2011 beschrieb die "New York Times" den Hintergrund eines seltsamen Phänomens: Es schien im Stadtgebiet von Seattle mit rund 600.000 Einwohnern laut dem lokalen Firmenverzeichnis Yelp insgesamt fast dreitausend Schlüsselnotdienste zu geben. Bei einem Preis von 50 Dollar für eine Türnotöffnung müsste jeder Einwohner von Seattle viermal im Jahr den Schlüssel vergessen, damit jeder einzelne Türschlosser auch nur den dortigen Mindestlohn verdiente. Seltsam.

Die meisten dieser Dienste hatten drei Dinge gemein:

  • Sie täuschten ihren Sitz in Seattle nur vor.
  • Sie schickten bei Beauftragung einen wenig sachkundigen Türschlosser, der, anders als am Telefon behauptet, eine horrende Summe kassierte.
  • Ihre Stärke lag nicht im Öffnen von Schlössern - sondern in der Google-Optimierung.

Tatsächlich existierten die meisten angeblichen Schlüsselnotdienste nicht, wie man vermuten würde, in Form eines Ladengeschäfts. Stattdessen bestanden sie aus einem Unternehmensprofil, das allein auf die Google-Optimierung abgestimmt war. Die entsprechenden Telefonnummern wurden zum größten Teil in ein weit entferntes Zentralbüro geleitet, von dem aus ungeschulte, unseriöse Hilfskräfte in Seattle beauftragt wurden.

Die Branche bietet sich für solche Manipulationen an, denn nur ausgesprochen vergessliche Leute dürften einen Schlüsseldienst haben, bei dem sie Stammkunden sind. Alle anderen googeln - und finden dabei eher nicht den besten Dienst. Sondern den besten Google-Optimierer. Sowie den besten Anzeigenkunden. Google hat, vermutlich ohne es zu wollen, die Branche der Schlüsselnotdienste radikal verändert.

Alle gegen Google

Google ist Ende 2012 Adressat vieler Beschwerden. Die aktuelle Titelgeschichte des SPIEGEL zum Beispiel geht der Bevorzugung konzerneigener Produkte im Suchranking nach. Google schien in bestimmten Situationen Youtube lieber zu mögen als MyVideo und der eigenen Produktsuche den Vorzug zu geben vor anderen Preisvergleichsplattformen, offenbar bereiten Wettbewerbshüter in den USA und in Europa deshalb Klagen vor. Und als Google-CEO Larry Page 2011 die plattformübergreifende Verbindung der Konten der vielen unterschiedlichen Google-Dienste dekretierte, stieß das auf erbitterte Kritik sowohl von Datenschützern wie auch von Leuten mit einigermaßen intaktem Gedächtnis: Google hatte jahrelang versichert, ebendies nicht zu tun.

Diese Liste ließe sich bekannterweise endlos fortführen, Kritik kommt unter anderem auch aus der Versicherungsbranche, von Verlagen, aus der Touristik, vom Handel sowieso. Und alle bringen mehr oder weniger überzeugende Argumente, wie und warum Google falsch handelt oder gar bösartig. Nicht jede Kritik ist im Kern berechtigt, in einigen Fällen ist der Suchkonzern ein Symbol für die Unerbittlichkeit der digitalen Disruption: Google schlagen, das Internet meinen. Googles Wirkung ist nicht in allen Bereichen so verheerend wie für Schlüsselnotdienste in Seattle. Allerdings führt die schiere Masse der verschiedenen Branchen und die zunehmende Empörung auf eine wichtige Spur: Das Problem ist viel tiefgreifender als die Detailkritik an Google vermuten lässt.

Eine Suchmaschine als Gesellschaftsformer

Der IT-Experte Jon Callas, ehemaliger Sicherheitsarchitekt von Apple und Mitentwickler der bekannten Verschlüsselungssoftware PGP, gab in der "Zeit" Ende November 2011 den entscheidenden Hinweis: Er bezeichnete Netzkonzerne wie Facebook und Google als "Grundversorgungsunternehmen". Google hat in Deutschland einen Suchmarktanteil von mehr als 90 Prozent sowie die mit Abstand besten Services in Bereichen wie Video, E-Mail und wie Apple im Kontrast eindrucksvoll bewies, auch bei digitalen Karten. Andere marktbeherrschende Unternehmen setzten Standards, Google ist der Standard. Vermutlich sagen selbst Mitarbeiter von Microsofts Konkurrenzsuchmaschine Bing "googeln", wenn sie suchen meinen. Googles Suche ist durch Perfektion und schiere Größe inzwischen jenseits des Marktes, eine Suchmaschine, die kein normales Produkt mehr ist. Sondern eine gesellschaftsformende Institution.

Das also ist des Googles Kern: Aus der Innenperspektive handelt es sich um ein Unternehmen. Aus der Außenperspektive aber ist es Teil der digitalen Infrastruktur. In seiner Gestalt als Unternehmen will Google zu recht den Gewinn maximieren. Das funktioniert wie in jedem Lehrbuch nachlesbar mit

1. Ausrichtung auf die zahlenden Kunden,

2. Optimierung der eigenen Produktpalette und

3. Bewahrung des Know-How-Vorteils, also Geheimhaltung.

Die Erwartung der Öffentlichkeit gegenüber Infrastrukturen aber ist eine diametral entgegengesetzte. Hier geht es um

1. Nutzerorientierung,

2. Neutralität und

3. Nachvollziehbarkeit.

Ein Beispiel illustriert für das erste Gegensatzpaar, wie geschickt sich Google primär auf zahlende Kunden und nur sekundär auf Nutzer ausrichtet. Einer Umfrage der SEO-Plattform "Seobook" nach glauben bis zu 45 Prozent der Nutzer, die derzeit blassgelb hinterlegten Einträge über der Ergebnisliste seien echte Suchtreffer und nicht etwa gekauft. Das liegt auch an der Hintergrundfarbe, die zum Beispiel auf älteren Monitoren kaum mehr von weiß zu unterscheiden ist. Selbst wenn diese Zahl nicht repräsentativ sein mag - vor allem für weniger sachkundige Nutzer könnte die Unterscheidung zwischen Inhalten und Anzeigen sehr viel deutlicher ausfallen. Wenn Google ein Interesse daran hätte.

Google spielt seine Doppelrolle

Die Doppelrolle von Google als privater Konzern einerseits und als öffentliche Infrastruktur andererseits ist die Wurzel der meisten Probleme. Es handelt sich dabei um einen ständigen Spagat, bei dem alle Seiten verlangen, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Und Google ist dabei nicht unbedingt unschuldig, denn das Unternehmen spielt die unterschiedlichen Rollen je nach Bedarf und situativem Vorteil. Es ist leider nicht einmal klar, ob ein ernstzunehmender Suchkonkurrent die Probleme lindern würde.

Vermutlich aber sind die Klagen über und gegen Google der erste Beginn einer neuen Ära der Info-Infrastruktur, wo Staaten so tief und detailliert in Netzkonzerne hineinregulieren wie etwa beim Straßenbau. Angesichts der bisherigen klugen bis nachgerade brillanten Regierungsentscheidungen in Sachen Internet dürften sämtliche Suchprobleme damit für immer gelöst sein. Amen.

tl;dr

Google ist zugleich privater Konzern und öffentliche Infrastruktur. Daher wird eine straffe Regulierung so wahrscheinlich wie problematisch.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bitter
vkins 23.10.2012
Jaja, leider ist Google in dem, was es tut, sehr gut. Ich meine, man soll mir bitte mal einen E-Mail-Anbieter suchen der mir 1GB Speicher oder mehr gibt, POP/IMAP-Zugang ohne zeitliche Begrenzung, einem ähnlich guten Spam-Filter und Servern, die die Mails auch empfangen. Ich kenne zumindest keinen, der in allem überzeugen konnte... Sonst nutze ich von Google nur YouTube; gesucht wird über DuckDuckGo.
2.
d.nix 23.10.2012
Ganz hervorragende Analyse, die Schlußfolgerungen genau dosiert mit Belegbeispielen illustriert, ohne sich im Detail zu verlieren.
3. alternativer Mailanbieter
erko 23.10.2012
ich finde myopera.com recht gut es gibt imap und 1 GB Speicherplatz. google biete da mehr, aber ich komme nie in die Nähe von auch nur 1 GB
4. zitiert aus Artikel:
danido 23.10.2012
Zitat von sysopIn seiner Gestalt als Unternehmen will Google zu Recht den Gewinn maximieren. Das funktioniert wie in jedem Lehrbuch nachlesbar mit 1. Ausrichtung auf die zahlenden Kunden, 2. Optimierung der .....
Da muss ich deutlich widersprechen... Die ersten 3 Punkte sind Vorgehensweisen die damals von Firmen wie yahoo und AOL angewandt wurden. Ja richtig, reine BWL-Methoden. Und eben diese Suchmaschinen waren es die Google das Spielfeld überlassen haben durch ihr dilletantisches auftreten. Google wurde seine heutige Marktposition *geschenkt* von eben jenen Firmen, die nicht begriffen haben, dass Nutzerorientierung, Neutralität und Nachvollziehbarkeit Priorität haben. Google hat dies Verstanden und (abgesehen von Punkt 3 der schwer umsetzbar ist) dieses System bis heute beibehalten.
5. Lackmustest
discotieren 23.10.2012
Angeblich geht es Google nur um "die Optimierung des Nutzungserlebnisses". Warum aber muss das durch zwanghaft, heimliches Durchwühlen privatester Emails, Bilder etc. geschehen? Warum blendet Google nicht einmal pro Woche, oder ständig, ein kleines ausfüllbares Fenster ein, wo man die Begriffe einträgt, die einen derzeit interessieren? Beispiel: Urlaub, BMW 5, Hauskredit etc. .... und dann erhält man - was für ein toller Service - vorwiegend Anzeigen aus diesem Bereich. Meiner Meinung nach ist der schlichte Grund, dass Google mehr will als optimierte Anzeigen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 29 Kommentare
  • Zur Startseite
Mehr dazu im SPIEGEL
Sascha Lobo

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".
Facebook



Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.