Konferenz i/o Google will zu den Guten gehören

Wenn es nach Google geht, sollen Smartphone-Nutzer künftig nicht mehr, sondern weniger Zeit mit ihrem Handy verbringen. Eine neue Android-Version, ein verbesserter Assistant und sehr viel künstliche Intelligenz sollen dabei helfen.

Google-Chef Sundar Pichai bei der Entwicklerkonferenz Google i/o
AFP

Google-Chef Sundar Pichai bei der Entwicklerkonferenz Google i/o

Aus Mountain View berichtet


Als Zweiter hat man es nicht leicht. Das gilt auch für Google. Einen Tag zuvor hatte Microsoft auf seiner Entwicklerkonferenz fast ausschließlich über Cloud und künstliche Intelligenz gesprochen, eigentlich Themen, die Google sich gern auf die Fahne schreibt. Also musste der Internetkonzern die Schwerpunkte auf der Keynote seiner Entwicklerkonferenz Google i/o anders setzen. Die Lösung von Google war es, den User in den Mittelpunkt zu stellen.

Firmenchef Sundar Pichai stellte das gleich zu Beginn der Veranstaltung klar, als er über die Verantwortung sprach, die große IT-Firmen heute tragen. Und über Fragen der Ethik im Informationszeitalter. Klar wurde dabei, dass er Google weg von der immer wieder auftauchenden Kritik an dem Megakonzern bringen will, das Image so aufpolieren möchte, dass Googler wieder als die Guten angesehen werden.

Nach ein paar Scherzen über das derzeit gute Wetter am Veranstaltungsort, gleich neben dem Google-Hauptquartier in Kalifornien, kam er zur Sache, sagte, es sei Googles Aufgabe "Information nützlicher machen, leichter verfügbar und besser nutzbar." Natürlich hatte er Beispiele parat, wie sein Unternehmen das machen kann. Und alle hatten irgendwas mit künstlicher Intelligenz zu tun.

KI, die Benachteiligten helfen soll

So zeigte er maschinenlernbare Systeme, die Retina-Scans besser und schneller interpretieren können als Menschen. So würden sich mögliche kardiovaskuläre Erkrankungen frühzeitig erkennen lassen. Im Anschluss wurde gezeigt, wie eine neue Funktion in Googles virtueller Tastatur Gboard körperlich Behinderten helfen kann, mithilfe von Morsezeichen zu kommunizieren, die sie etwa als Kopfbewegungen eingeben.

Ein wenig erinnerte das an Microsoft. Am Vortag hatte der Windows-Konzern seine Bemühungen betont, mit künstlicher Intelligenz Menschen mit Behinderungen zu helfen. Der Konzern hat dafür das mit 25 Millionen Dollar bestückte Förderprogramm AI for Accessibility gestartet. Soziales Engagement von Hightech-Konzernen scheint im Trend zu liegen.

Schluss mit "OK Google"

Dann aber ging es im Schnelldurchlauf um die konkreten Neuerungen, die der Konzern verbreiten wollte. Viel Zeit wurde dabei dem Google Assistant eingeräumt, der einige Verbesserungen erfahren hat.

So wurden sechs neue Stimmen für den digitalen Assistenten vorgeführt, die helfen sollen, die Stimme der künstlichen Intelligenz realistischer wirken zu lassen. Eine davon wurde von der Stimme des R&B-Musikers John Legend adaptiert. Bei einer kurzen Vorführung wirkten alle sechs tatsächlich natürlicher als bisher. Unklar ist derzeit aber noch, wann und in welcher Form es auch für deutsche Nutzer neue Stimmen geben wird.

Viel wichtiger für Nutzer dürften aber ohnehin die Verbesserungen im direkten Umgang mit dem Google Assistant sein. So kann man künftig mit dem System Gespräche führen, ohne vor jedem Satz "OK Google" sagen zu müssen. Stattdessen kann das System erkennen, wenn man kontextbezogene Fragen stellt. Zudem wird der Assistant komplexe Fragen verarbeiten können, wie etwa: Wer war in dem Jahr, in dem der HSV zuletzt Deutscher Meister wurde, Bundeskanzler?

Der Assistent kann ab dem Sommer auch in Google Maps genutzt werden, um beispielsweise jemandem mitzuteilen, wo man gerade ist und wie lange man noch braucht, um zu vereinbarten Treffpunkt zu kommen.

Das meiste Aufsehen erregte jedoch eine Technik namens Duplex. Es wurde in Form eines Telefongesprächs gezeigt, die der Google Assistant mit einem Restaurant führte, um einen Tisch für mehrere Personen zu reservieren. Die Stimme der KI klang dabei so realistisch, dass die angerufene Mitarbeiterin offensichtlich nicht erkannte, dass sie nicht mit einem echten Menschen spricht. Sprechpause, unregelmäßig eingestreute "Ahh"s und "Mhm"s halfen dabei.

Noch bezeichnet Google Duplex als Experiment. Im Sommer solle eine eingeschränkte Nutzergruppe anfangen, mit dem Assistenten Telefonate zu erledigen. Wer dazugehören wird und wann die Technik breiter verfügbar gemacht werden soll, ist vollkommen unklar. Der Konzern machte mit seiner Präsentation aber immerhin bereits deutlich, wie KIs künftig nutzbar sein könnten - und dass sie in bestimmten Szenarien durchaus menschenähnlich wirken können.

Mehr Ruhe mit Android P

Die zweite große Neuheit war eine Vorschau von Android P, der nächsten Version von Googles Smartphone-Betriebssystem. Sie soll ab heute als Vorabversion für jedermann zum Download bereitstehen. Sie sollte aber nur installiert werden, wenn man sich der damit zusammenhängenden Gefahren bewusst ist. Solche Beta-Software hat immer Fehler, kann immer zu Datenverlust führen. Als Belohnung für den Mut kann man unter anderem folgende Neuerungen ausprobieren:

  • Eine neue Funktion namens Adaptive Battery soll erkennen, wie und wann man besonders viel oder wenig Leistung braucht und bis zu 30 Prozent mehr Laufzeit rausholen, indem ungenutzte Hintergrundprozesse abgeschaltet werden.
  • Ganz ähnlich soll Adaptive Brightness die Bildschirmhelligkeit intelligenter regeln, je nachdem, was man gerade tut und wie hell die Umgebung ist.
  • Sogenannte App Actions sollen zur jeweiligen Situation automatisch starten. Etwa, indem die Funktion beim Anschließen von Kopfhörern zur Wahl stellt, ob man jemanden anrufen oder das zuletzt gespielte Album abspielen möchte.
  • Multitasking soll in Android P einfacher werden, indem es unten am Bildschirm nur noch einen Button gibt. Einmal hochwischen macht die Multitasking-Ansicht, also eine Übersicht der laufenden Apps, sichtbar, zweimal hochwischen und man sieht alle installierten Apps.

Vor allem aber hat man sich Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass Anwender bewusster mit ihren Smartphones umgehen. So gibt es beispielsweise einen Modus, in dem das Smartphone zu einer definierten Abendzeit neu eingehende Nachrichten blockiert und den Bildschirm auf Schwarzweiß umschaltet, um den Nutzer zum Schlafengehen zu animieren. Ebenso kann man die tägliche Nutzungszeit für bestimmte Apps einschränken, um beispielsweise ausufernde YouTube-Sessions zu verhindern. Wenn man das Telefon mit dem Bildschirm nach unten hinlegt, werden alle Hinweistöne und -vibrationen abgeschaltet.

Eine KI, die Nachrichten bewertet

Eine weitere interessante Neuerung ist das neue Google News. Beim ihm soll KI automatisch die wichtigsten Themen für den jeweiligen Nutzer aus dem Netz zusammensuchen. Welche das sind, soll das System im Laufe der Zeit selbst lernen, indem es das Nutzungsverhalten des Users auswertet. Um einen schnellen Überblick zu aktuellen Themen zu ermöglichen, stellt das System dazu passende Artikel und Videos in Paketen zusammen, aus denen man die für den jeweiligen Geschmack relevanten auswählen soll.

Um seine Auswahl treffen zu können, lese das System Millionen von Artikel, hieß es auf der Bühne. Unklar blieb dabei, nach welchen Kriterien Relevanz und Qualität der Artikel beurteilt werden. Sundar Pichai allerdings machte deutlich, wie wichtig ihm genau diese Frage sei. Er sagte: "In Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je, Qualitätsjournalismus zu unterstützen." Der nämlich sei, "das Grundlegende für das Funktionieren unserer Demokratien."

Genau wie Android P soll auch das neue Google News in den kommenden Tagen verfügbar werden. Anders als sonst soll das von einer künstlichen Intelligenz kuratierte Angebot nicht zuerst nur in den USA starten, sondern sofort in 127 Ländern verfügbar sein.

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ulrics 09.05.2018
1.
Google ist und bleibt eine Datenkrake. Aus ökologischen Gründen und wegen der Privatsphäre nutze ich inzwischen überwiegend Ecosia für Suchen.
didi2212 09.05.2018
2. Ohne "Ok Google"?
Soll das heißen, dass bei SmartHome - Geräte immer die Lauscher aktiviert sind ? Stellt also die Ehefrau unangenehme Fragen verkündigt Google unverzüglich eine passende Ausrede? Dass "Assistant" immer erkennt, wann er zu quatschen hat halte ich für kaum realisierbar.
thenovice 09.05.2018
3. Ich will ja nicht nörgeln- aber...
Die gepriesenen neuen Funktionen von Android P kann man mit halbwegs sinnvollen Einstellungen der Energiesparoptionen auch erreichen... die wichtigste Neuerung wird aber nicht genannt... mit Android P haben Apps keinen Zugriff mehr auf Mikrofon/Standort und die ganzen anderen Sensoren, wenn diese gerade nicht aktiv benutzt werden (also die Apps). Das ist tatsächlich mal ein Beitrag zum Datenschutz. Fehlerhaft ist es auch, bei Android P von einer KI zu sprechen.. es sind lediglich verbesserte Algorithmen- von einer tatsächlichen KI sind wir noch weit entfernt ( vielleicht ist das auch gut so?)... Und zu guter letzt noch ein Wort zum Assistant... Wer kommt dafür auf, wenn kostenpflichtige Reservierungen durch das System ausgelöst werden oder Käufe... Wenn ich das System überwachen muss, ist es keine Erleichterung... BTW... wir hatten den Dot von dem großen Versandhaus testweise in Betrieb und nach 2 Wochen mangels Nutzbarkeit wieder abgebaut... Zu schlechte Verständigung, wenn die ganze Family auf das Teil einquasselt und zu geringer Nutzwert... Musik hören geht auch einfacher :)
sosume 09.05.2018
4. Googles Problem
Google hat hervorragende Software Entwickler, allerdings nur ein funktionierendes Geschäftsmodell: Software verschenken und durch Anzeigen monetisieren. (Ich denke der durch Anzeigen erwirtschafte Gewinnanteil von Alphabet liegt ungefähr in der Größenordnung von Apples iPhone Anteil am Gewinn: ca. 60-70%) Nahezu alle Hardware Produkte sind mehr oder weniger grandios gescheitert. Ich denke Googles Marke hat zwar eine hohe, aber eingeschränkt Strahlkraft, sie zieht Geeks und kostenbewusste Käufer an, aber nicht den Normalo, der bereit ist auch mal mehr Geld auszugeben und dafür mehr Privatsphäre zu erhalten. Nadella und Cook haben eben noch Privatsphäre ein "Menschenrecht" genannt und riskieren ihre Marke, wenn sie sich nicht dran halten. Hat man von Google dazu etwas gehört?
JungUndFrei 09.05.2018
5.
Meiner Meinung nach hat Google schon immer versucht den Welt etwas besser zu machen. Das Google anscheinend auf dem Weg zu einem Sprachassistenten ist, deren Turingtest besteht finde ich beeindruckend auch wenn das ganz neue rechtliche Fragen aufwirft. Bleibt zu hoffen, dass das Thema nicht wie das Thema Internet verschlafen wird.
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